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Oper:Ohne Ausweg

Wozzek

Christian Gerhaher als Wozzeck (links) und Kevin Conners als Andres in Kriegenburgs Inszenierung.

(Foto: Wilfried Hösl)

Gerhahers Münchner Wozzeck-Debüt

Vor ziemlich genau vier Jahren hat Christian Gerhaher die Partie das erste Mal gesungen. Den "Wozzeck", also die Titelrolle von Alban Bergs gleichnamiger Oper. Das Debüt fand damals in Zürich statt, und am Ende der Premiere der Inszenierung von Andreas Homoki konnte man etwas erleben, was man so ohne weiteres vom bürgerlich gefestigten Publikum des Zürcher Opernhauses nicht erwarten würde: Der Vorhang schloss sich, die Musik verwehte in weher Süße und aus der Kehle einer Dame im Parkett drang ein Laut, der vollkommene Überwältigung und Bewunderung zum Ausdruck brachte. Erst dann setzte der Applaus ein.

Nun singt Christian Gerhaher den Wozzeck zum ersten Mal an der Bayerischen Staatsoper. Dies bedeutet auch ein Wiedersehen mit Andreas Kriegenburgs beeindruckender Inszenierung, die inzwischen auch schon elf Jahre alt ist, was man ihr zu keiner Sekunde ansieht. Alles wirkt wie am ersten Tag, obwohl von der Premierenbesetzung nur noch Kevin Conners als Andres und Heike Grötzinger als Margret mit dabei sind - sie sind so toll wie ehedem. Hingegen trifft Gerhaher auf zwei Bekannte aus Zürich: Gun-Brit Barkmin als Marie, die wieder eine Frau in höchster Not verkörpert, keine Schlampe, nein, eher eine Mutter, die alles für ihr Kind - das bei Kriegenburg ja stets anwesend ist - tun würde. Und tut. Auch mit dabei in Zürich war Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, hier wie dort der Hauptmann, der nun in München zusammen mit dem Doktor von Jens Larsen ein grandioses Paar zweier Figuren am Rande ihres eigenen Abgrunds bildet.

Alles, was Gerhaher macht, ist von allergrößter Feinheit und Präzision und wäre in der Wirkung übermächtig, verfolgte Hartmut Haenchen nicht einen sehr eigenen Plan. Der Mann ist ein ungeheuer kluger Dirigent. Das heißt, alles, was er hier erreichen will, folgt mit Sicherheit einem konzisen Plan. Doch dieser bedeutet einen starken Fokus auf das Orchester, das alles, was scharf ist, schonungslos bloßlegt, aber oft viel zu laut für die Sänger ist. Die schauspielerisch-psychologische Logik dieser Oper verschiebt sich so zu einem klanglichen Spiegelbild, die Unmittelbarkeit geht verloren, auch oder gerade in den Wirtshausszenen, die hier kaum mehr einem irren Totentanz ähneln, obwohl sie Kriegenburg ja so herrlich mit den ihrer Seelen beraubten Lemuren einer unmenschlich gewordenen Gesellschaft belebt.

Aber dennoch bleibt Gerhahers Studie davon weitgehend unbeschädigt. Er singt und spielt keinen Irren, er macht deutlich, wie sein Wozzeck Szene um Szene zum Täter wird. Er hört zu, er sammelt Grund auf Grund für den Mord. Das ist ausweglos, aber nie ohne die Idee, dass es in einer anderen Welt anders ginge. Hier jedoch hat Wozzeck keine Chance. Das ist erschütternd, und das zeigt Christian Gerhaher mit Macht und Liebe.