"Warten auf heute" in Frankfurt:Szenen einer zerbrechenden Ehe

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"Warten auf heute" in Frankfurt: Niemals die eigene Ehefrau unterschätzen: Elizabeth Sutphen als "Die Frau" und Sebastian Geyer als "Der Mann".

Niemals die eigene Ehefrau unterschätzen: Elizabeth Sutphen als "Die Frau" und Sebastian Geyer als "Der Mann".

(Foto: Barbara Aumüller)

Regisseur David Hermann spinnt an der Oper Frankfurt Arnold Schönbergs Einakter "Von heute auf morgen" ins Tragische weiter.

Von Michael Stallknecht

Ehen können schnell zur Routine werden, mit unabsehbaren Folgen für die Beteiligten. Der Komponist Arnold Schönberg wusste das spätestens nach seiner eigenen schwierigen ersten Ehe. Verarbeitet hat er es unter anderem im Einakter "Von heute auf morgen", zu dem ihm seine zweite Frau Gertrud unter einem männlichen Pseudonym das Libretto schrieb. Ein Mann unterschätzt darin seine Ehefrau, gerade weil sie ihm treu ergeben ist und sich liebevoll um das gemeinsame Kind kümmert. Um sich zu rächen, spielt sie ihm den Typ Frau vor, der ihn erotisch vielleicht mehr, zum dauerhaften Zusammenleben aber wohl kaum reizen würde: nachlässig, launisch, verschwenderisch, untreu. Am Ende geht das Spiel auf, auch wenn beide dabei knapp an der Katastrophe vorbeischlittern.

Ästhetisch ist das knapp einstündige Werk Schönbergs der Versuch, die Leichtigkeit der musikalischen Komödie mit strengster Zwölftontechnik zu vereinen. Bei der Uraufführung 1930 an der Oper Frankfurt stieß das noch auf eher gemischte Publikumsreaktionen. In der Gegenwart nähert sich Regisseur David Hermann dem Stück am selben, noch immer für seine innovative Musiktheaterprogrammatik bekannten Haus, indem er die Geschichte fortspinnt und ins Tragische wendet.

Ein musterhaftes Einfamilienhaus aus den Vorstädten aller Welt hat der Bühnenbildner Jo Schramm auf die Drehbühne gestellt. Es wird bald ebenso in Bruchstücke zerfallen wie die Gemeinschaft seiner Bewohner. Denn kaum hat sich das Paar wieder versöhnt, schließt sich in der Inszenierung die rein orchestrale "Begleitmusik zu einer Lichtspielszene" an, die Schönberg zu einem imaginären Film komponierte: Die stumme Routine, sichtbar im morgendlichen Schulgang mit dem Kind, setzt sich fort, bis die Ehe zerbricht und die Frau den Mann verlässt.

Er stirbt im Müll der Essensschachteln, sie durchleidet noch einmal, was sie von ihm getrennt hat

Im zweiten Teil des Frankfurter Abends ist zu erleben, was danach im schlimmsten Fall beiden Seiten bevorsteht: ein ziemlich einsames Alter. Er stirbt im Müll der Essensschachteln, die ihm von einer jungen Pflegerin angeliefert werden. Und sie durchleidet angesichts der Leiche noch einmal, was sie von diesem Mann getrennt, vor allem aber auch mit ihm verbunden hat. Die Klänge dazu liefern zwei existenzielle Einsamkeitsmusiken aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: für ihn die sechs Monologe, die Frank Martin nach Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" komponierte; für sie Schönbergs "Erwartung" aus dem Jahr 1909.

Der Bariton Johannes Martin Kränzle verleiht Martins Klage enorme Eindringlichkeit, lotet mittels expressiver Textdeutung das ganze Spektrum zwischen Angst und Todessehnsucht, Aufbäumen und Schicksalsergebenheit aus. Nicht minder beeindruckt die Sopranistin Camilla Nylund, die angesichts der dramatischen Anforderungen von Schönbergs Monodram nie unter Überdruck gerät, sondern die Gefühlsumschwünge mit reicher, weich ausgesungener Farbpalette nachzeichnet. Ermöglicht wird ihr das auch vom Dirigenten Alexander Soddy, der mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester nicht die expressionistischen Exzesse betont, sondern zart, oft geradezu zärtlich die impressionistische Instrumentation aus Schönbergs früher, frei atonaler Phase aushorcht.

"Warten auf heute" in Frankfurt: Sopranistin Camilla Nylund als Eine Frau.

Sopranistin Camilla Nylund als Eine Frau.

(Foto: Barbara Aumüller)

Auch in "Von heute auf morgen" bringt Soddy Leichtigkeit ein, hält die Tempi geschmeidig und lockt tänzerische Impulse hervor. Doch in der strengen, wenn auch meisterhaft gearbeiteten Polyphonie des Zwölftons verdichten sich die Instrumentallinien so stark, dass sie manchmal die Sänger bedrängen. Wohl auch deshalb fallen der textverständlich singende Sebastian Geyer als jüngerer Mann und der kernige, höhenstarke Sopran von Elizabeth Sutphen als junger Frau gegen das ältere Paar ab.

"Warten auf heute" hat Regisseur Hermann sein konzeptionell gut durchdachtes Moderne-Pasticcio genannt. Und liefert damit ein Musterbeispiel dafür, dass sich Einakter, für einen Opernabend zu kurz, auch anders kombinieren lassen als einfach mit einem weiteren Einakter. Doch für die Umsetzung fällt ihm leider weit weniger ein - oder eher Merkwürdiges. "Von heute auf morgen" endet jedenfalls in einem Horrorfilmzitat, bei dem zwei Zombies das junge Paar angreifen.

Dafür arbeitet Hermann im zweiten Teil mit einem Realismus, der sowohl der transzendenten Dimension der "Jedermann"-Monologe als auch dem existenzialistischen Surrealismus von Schönbergs "Erwartung" nicht guttut. Bedauerlicherweise lässt er sich obendrein die naheliegende Möglichkeit entgehen, beide Paare auf der Bühne einander begegnen und damit zu echten Spiegelfiguren werden zu lassen. So bleiben diese Szenen einer Ehe letztlich doch eine Aneinanderreihung von Nummern, die, musikalisch brillant umgesetzt, nicht zu einem theatralen Ganzen werden.

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