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Nürnberger Filmfest der Menschrechte:Triumph des kritischen Films

Krieg, Entrechtung, Armut: In vielen Ländern der Welt existieren Grundrechte nur auf dem Papier. In Nürnberg findet nun zum siebten Mal das Internationale Filmfest der Menschenrechte statt. Das Festival ist ein Beitrag zur weltweiten Achtung fundamentaler Rechtsgrundsätze - und Teil von Nürnbergs Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit.

Vor 77 Jahren dokumentierte Leni Riefenstahl den Reichsparteitag 1934 in monumentaler Weise in ihrem Film "Triumph des Willens". Gerade der dokumentatorische Charakter des Films sorgt bis heute für Kritik, instrumentalisierte er doch die Dokumentation und den Film für politische Zwecke und wurde damit zur Propaganda. Fakt ist aber auch, dass Bildsprache und Ästhetik des Films zukunftsweisend waren und Regisseure bis heute beeinflussen.

Szene aus dem Film "The Colors of the Mountain".

Der Vorwurfs, der Riefenstahl gemacht wird, ist im Kern kein künstlerischer, sondern ein moralischer. Gerade aufgrund ihrer herausragenden Stellung und ihres gesellschaftlichen Einflusses sollten Kunstschaffende politische Verhältnisse hinterfragen und damit fundamentale Grundrechte verteidigen - und Riefenstahl machte genau das Gegenteil.

Das Internationale Filmfest für Menschenrechte, das heute in Nürnberg eröffnet wird, ist Ausdruck des kritischen Selbstverständnisses von Filmemachern. Unter der Schirmherrschaft der international bekannten Kamera-Legende Michael Ballhaus werden insgesamt 63 Spiel- und Dokumentarfilme aus 39 Ländern gezeigt. Das Festival findet bereits zum siebten Mal statt. Es ist das älteste und größte Festival mit Menschenrechtsbezug in Deutschland und wird alle zwei Jahre präsentiert. Dieses Jahr findet es im Filmhaus Nürnberg (Kulturzentrum K4 im Künstlerhaus) und im Kino CineCittà statt. Den inhaltlichen Schwerpunkt bildet Kolumbien.

Das Filmfest ist ein wichtiger Teil des menschenrechtlichen Engagements der Stadt Nürnberg, deren Ansehen bis heute unter ihrer Nazi-Vergangenheit und den Nürnberger Rassegesetzen leidet. "Nürnberg hat sich die Selbstverpflichtung auferlegt, die Last eines schweren historischen Erbes in einen positiven Auftrag für Gegenwart und Zukunft zu verwandeln", sagt die Leiterin des Menschenrechtsbüros Martina Mittenhuber. Als einzige Stadt in Deutschland betreibt Nürnberg ein eigenes Büro für Menschenrechte und versucht damit, die Menschenrechtsidee aktiv in die Kommunalpolitik und das politische Handeln der Stadt zu integrieren.

Trotz der Assoziation mit dem Dritten Reich werde Nürnberg aber vor allem im Ausland als "Stadt der Prozesse" positiv gesehen. "Die Nürnberger Prozesse stellen den ersten gelungenen Versuch dar, Individuen für ihre Taten zur Rechenschaft zu ziehen", sagt Mittenhuber. Die daraus hervorgegangenen "Nürnberger Prinzipien" bilden heute die Leitlinien des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag (ICC). Im Gegensatz zu anderen Städten und bereits sehr früh hätte sich die Stadt mit ihrer Nazi-Vergangenheit auseinandergesetzt. "Es ging vor allem darum, für die Zukunft zu lernen." Die Stadt Nürnberg verleiht zudem jährlich den mit 15.000 Euro dotierten Menschrechtspreis, der am 25. September an den kolumbianischen Journalisten Hollman Morris ging.

Thematische Vielfalt und Internationalität

Das Festival setzt sich nicht ausschließlich mit Menschenrechten auseinander, sondern dringt auch in benachbarte Themengebiete vor. So beschäftigen sich die zahlreichen Filme und Dokumentationen auch mit den Themen Krieg, Armut oder Benachteiligung und deren gesellschaftlichen Auswirkungen.

Eröffnet wird das Filmfest mit dem Werk "Wunderkinder" des Regisseurs Marcus O. Rosenmüller. Der Spielfilm erzählt die Geschichte dreier musikalisch hochbegabter Kinder, zwei Juden und einer Deutschen, die zusammen in der ukrainischen Stadt Poltava leben. Mit dem deutschen Angriff auf Russland, wird die Freundschaft der Kinder auf eine harte Probe gestellt.

In der Dokumentation "You are served" geht es um die Ausbeutung junger indonesischer Frauen, von denen jedes Jahr 35.000 ihr Land verlassen, um als Haushaltsangestellte im Nahen Osten und in Europa zu arbeiten. Durch Interviews und die Briefe der jungen Frauen, die sie aus der Ferne schreiben, zeigt Jorge Léons emotionaler und analytischer Film die Gesichter, die für die Schattenseite der globalisierten Arbeitswelt stehen.

Ein Film mit dem thematischen Schwerpunkt des Festivals, Kolumbien ist "The Colors of the Mountain" von Carlos César Arbeláez. In einem kolumbianischen Dorf möchten sich mehrere kleine Jungen ihren wertvollsten Besitz zurückholen: ihren Fußball. Dieser ist zuvor in einem Minenfeld gelandet. Der zahlreich ausgezeichnete Spielfilm erzählt sachlich und ruhig das Leben kolumbianischer Bauern inmitten des Krieges und der Gewalt.

Internationales Filmfestival der Menschenrechte: Nürnberg, 28.09.-05.10.2011, Filmhaus Nürnberg Kulturzentrum K4 im Künstlerhaus und CineCittà-Kino, Einzelkarte: 6,50 Euro (ermäßigt: 5,50 Euro), Programm hier.

© sueddeutsche.de/dapd/js

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