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NS-Dokuzentrum:Nicht mehr zu übersehen

Hubertus von Pilgrim findet, dass seine Todesmarsch-Skulptur im NS-Dokuzentrum zu wenig Beachtung findet.

(Foto: Orla Connolly/NS-Dokuzentrum)

Die Bronzeskulptur "Todesmarsch 1945" des Bildhauers Hubertus von Pilgrim soll einen anderen Platz erhalten

Mit Geschenken ist das so eine Sache. Man weiß manchmal nicht so recht, wohin damit, auch wenn man sich ursprünglich vielleicht sogar darüber gefreut hat. Im Münchner NS-Dokuzentrum steht so ein Geschenk: Die Bronzeskulptur "Todesmarsch 1945" des Pullacher Bildhauers Hubertus von Pilgrim, eine Figurengruppe, die an die letzten Kriegstage erinnert, als die Nazis Tausende Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau gegen Süden trieben; viele starben an Hunger, Kälte, Entkräftung oder wurden von der SS ermordet. Pilgrim hat deren Leid und Elend visualisiert und dafür ein Bild gefunden, das angesichts von Flüchtlingsströmen und Migrationsbewegungen auch ohne große Erklärung verständlich bleibt.

Viele Besucher des Dokuzentrums nehmen die Skulptur nicht wirklich wahr, sie steht vor dem Lernforum im Untergeschoß. Genauer gesagt, sie stand da, denn derzeit ist sie tatsächlich nicht zu sehen. Sie wird gerade restauriert, nachdem sie durch Unachtsamkeit während der Aufbauarbeiten für eine Wechselausstellung im November umgestürzt war. Bildhauer Hubertus von Pilgrim, inzwischen 88 Jahre alt, passt die mangelnde Beachtung seines Werks aber generell nicht. "Der Künstler ist drauf aus, dass sein Werk gesehen wird", sagt er, weshalb er sich, unterstützt vom Historiker Michael Wolffsohn, seit Monaten dafür einsetzt, dass die Skulptur einen besseren Platz erhält.

Das Bemühen stößt nicht auf große Begeisterung, was einerseits verständlich ist - der künstlerische Wert der Skulptur war von Anfang an umstritten. Andrerseits ist es ein wenig schade, denn die Skulptur hat ihre eigene Biografie, die viel darüber erzählt, wie mühsam es in den Achtziger- und Neunzigerjahren noch war, Erinnerungsarbeit zu betreiben. Die Geschichte beginnt im Jahr 1985, als der damalige Gautinger Bürgermeister Ekkehard Knobloch auf seinem Schreibtisch einen Antrag von SPD und Grünen fand mit der Forderung, die Gemeinde möge an den Todesmarsch erinnern. Knobloch griff den Wunsch auf und engagierte sich fortan für ein Stationendenkmal, das den Weg der Häftlinge nachvollziehbar macht. Er schrieb andere Kommunen an, erntete Absagen, manchen rüden Brief, aber auch Zustimmung. Es gab einen Wettbewerb mit 50 Einreichungen, die Jury wählte einstimmig Pilgrims Entwurf aus. Im September 1988 erhielt der Bildhauer den Auftrag.

Kritik aus "Fachkreisen" gab es reichlich. Den einen war der Entwurf zu figürlich, andere warfen Pilgrim vor, das Geschehen zu verharmlosen, dritte höhnten, was man denn erwarten könne vom Schöpfer des zwei Meter großen Adenauerkopfs in Bonn (vor dem ehemaligen Bundeskanzleramt). Die Anfeindungen gipfelten in der Forderung, dem Münchner Akademieprofessor den Auftrag wieder zu entziehen. Trotzdem fand im Juli 1989 in Gauting die erste Enthüllung statt. Dazu reiste, auch das eine Premiere und dem Engagement Knoblochs zu danken, zum ersten Mal eine Gruppe Überlebender aus Israel an.

Inzwischen ist das Mahnmal im Münchner Süden nahezu allgegenwärtig, 22 Figurengruppen stehen entlang der Strecke des Todesmarsches. Fast in jedem Ort gingen der Aufstellung erbitterte Auseinandersetzungen voraus, geprägt nicht von kunstkritischen Argumenten, sondern von bösen Unterstellungen und manchmal sogar der Kriminalisierung der Häftlinge. Die Befürworter des Mahnmals waren regelmäßig Anfeindungen ausgesetzt; die Skulptur, stand sie denn endlich, hatte vor allem in den Anfangsjahren Anschläge mit Kot, Salpetersäure oder gleich mit einem Beil auszuhalten.

Pilgrim selbst ertrug von Anfang an Kritik an seiner Kunst mit Gelassenheit. "Ich bin keine Galeriekünstler, sondern einer, der auf der Straße was macht und ein anderes Publikum erreicht", sagt er und zitiert einen Satz, den der Holocaust-Überlebende Solly Ganor zu ihm sagte: "You made our Logo." Das 23. Exemplar der Skulptur steht in Yad Vashem in Jerusalem. Die Nummer 24, um die es hier geht, stand erst als Leihgabe des Künstlers im Museum der Dachauer Gedenkstätte, bis es der Verleger und Kunstmäzen Rolf Becker kaufte und es später der Landeshauptstadt schenkte. Das Werk trägt im Unterschied zu den anderen keine Texttafel. "Die habe ich herausgenommen um einer allgemeineren Gültigkeit willen und in die entstandene Lücke zusätzliche Figuren eingefügt", sagt Pilgrim.

Ursprünglich war der Bildhauer auch mit dem Standort im NS-Dokumentationszentrum einverstanden gewesen. Er hatte ihn Anfang 2015 mit Gründungsdirektor Winfried Nerdinger selbst ausgesucht. Die seiner Ansicht nach zu geringe Besucherfrequenz sei für ihn nicht absehbar gewesen, sagt er. "Inzwischen habe ich das Gefühl, mein Werk ist auf ein totes Gleis abgeschoben." Er könnte sich sein Werk auf dem Vorplatz des Zentrums vorstellen. Aber dort steht bereits "Brienner 45", das Medienkunstwerk der Brüder Benjamin und Emanuel Heisenberg, das sich mit Pilgrims Skulptur ganz sicher nicht verträgt. Und das Foyer, sein zweiter Vorschlag, wird gerade mit Buchhandlung und Café neu überplant, Standort-Festlegungen würden da nur behindern.

Trotzdem hat Mirjam Zadoff, die Chefin des NS-Dokuzentrums, nach einem alternativen Standort für das Werk gesucht. Das ist nicht leicht, da es im Haus so gut wie keine frei verfügbare Fläche gibt. "Wir haben dem Künstler einen sehr schönen und zentralen Bereich mit viel Tageslicht im ersten Obergeschoss angeboten und denken, dass damit eine für alle zufriedenstellende Lösung gefunden wäre", teilt sie mit. Ob Pilgrim das auch so sieht, wird sich an diesem Dienstag bei einem Ortstermin entscheiden.

© SZ vom 11.02.2020
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