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NRA und Countrymusik:"Rauer Individualismus von seiner besten Seite"

"Kein Country-Künstler wird jemals falsch liegen, wenn er offen für Waffen und Schießen eintritt", erklärt Professor Don Cusic. Das sei Teil des Images vom "Krach machenden, guten alten Jungen, der draußen ist und einfach nur eine gute Zeit haben will, ein bisschen rücksichtslos ist, aber mit einem Herz aus Gold". Waffen und Schießen gehören in den USA für viele zur Männlichkeit und zum Patriotismus. In Country-Songs haben Waffen ein durchweg positives Bild. Ein Schießeisen zu besitzen ist Teil davon, gut auf sich aufzupassen. "Rauer Individualismus von seiner besten Seite", sagt Cusic.

Doch seit Oktober hat diese kongeniale Waffen-Country-Verbindung einen Knacks bekommen - und zwar in Las Vegas: Das Country-Festival Route 91 Harvest war in vollem Gange. 22 000 Besucher waren gekommen. Gerade stand der Countrymusiker Jason Aldean auf der Bühne, als es plötzlich knallte. Gewehrfeuer war zu hören, hunderte Schüsse.

Die Musik verstummte, dann brach Panik aus. Der 64-Jährige Stephen Paddock hatte sich mit Dutzenden Schusswaffen im 32. Stock des Mandalay-Bay-Hotels verbarrikadiert und ohne Grund wahllos zehn Minuten lang auf die feiernden Menschen unten gefeuert. Am Ende zählte die Polizei 58 Tote und 546 Verletzte.

Auch Drew Baldridge war beim Country-Festival in Las Vegas dabei. Er trat am Abend vor dem Massaker auf, unter anderem mit seinem Hit "Guns and Roses". Zur Zeit des Attentats war er gerade "NRA-Künstler des Monats Oktober". Wie verarbeitet jemand ein solches Attentat? Wie geht er mit der tödlichen Waffengewalt um, wo er doch von der NRA gesponsert wird? Schusswaffen müssten nach allem, was man über die Aufmerksamkeitsökonomie weiß, eigentlich sein großes Thema sein. Doch seit dem Amoklauf geht er den Medien offenbar bewusst aus dem Weg.

In einem Beitrag von Vice News sagt Baldridge über seine Position als von der Waffenlobby geförderter Country-Star lediglich: "Ja, ich bin genau mittendrin. Aber ich glaube, meine Fans denken nicht mal darüber nach." Über Politik zu reden, sei ein "hartes Thema", er wolle, dass seine Fans Spaß hätten und sie würden sich schließlich nicht für seine politische Meinung interessieren.

Wer etwas gegen die NRA sagt, riskiert seine Karriere

So zurückhaltend und vorsichtig wie Baldridge reagieren dieser Tage viele Country-Künstler. Die meisten schweigen ganz - aus Angst. Wer seine Meinung sagt, riskiert die Karriere, so wie einst die Dixie Chicks.

Die Frauen-Country-Band aus Dallas beging im März 2003 fast künstlerischen Selbstmord. Bei einem Konzert kritisierten sie den damaligen Präsidenten George W. Bush für den Irak-Krieg. Die Entrüstung bei den Fans und in der Musikindustrie war enorm. Die Musik der Dixie Chicks wurde in vielen Radiostationen nicht mehr gespielt. Fans wollten keine Platten mehr kaufen und nicht mehr zu ihren Konzerten gehen.

Ein paar Jahre schien es, als hätten die Äußerungen den drei Country-Sängerinnen die Karriere gekostet. Die fünf Grammys, die sie 2007 gewannen, waren dann zwar eine große Genugtuung für sie, doch bis heute wollen zahlreiche Konservative nichts mehr von der Frauen-Band wissen. Mit der NRA ist es ähnlich wie mit George W. Bush.

"Das ist keine Situation, bei der ein Country-Musiker je gewinnen kann", sagt Cusic. "Wenn sie etwas gegen die NRA sagen, könnte die NRA sie mit negativer Werbung attackieren." Das passiert nicht nur Künstlern, sondern auch Politikern, egal welcher Partei, die sich gegen die NRA aussprechen.

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