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Digitale Kunst:Eye Candy

Kein Computerspiel, kein durchgeknalltes Renaissance-Gemälde, sondern NFT-Kunst der Musikerin Grimes.

(Foto: Grimes/Battle of the War Nymphs/Warnymph Collection/niftygateway.com)

Alle reden von NFT-Kunst. Was war das noch mal? Und warum sieht alles aus wie in einem alten Computerspiel?

Von Andrian Kreye

Es war schon Nacht in Europa. In Los Angeles schien noch die Sonne, aber wen interessiert das schon im digitalen Raum. In der Konversations-App Clubhouse fanden sich in mehreren Runden eine ganze Menge Leute zusammen, die auf das derzeit so magische Kürzel NFT reagierten. Ein sogenanntes Non Fungible Token (NFT) ist eine einzigartige Datei, die man nicht mehr vervielfältigen kann wie sonst bisher alles in der digitalen Welt - Filme, Musik, Bilder, Akten, Register, Identitäten, alles eben, was sich in Codes zerlegen lässt. Und was man nun in so ein NFT packen kann.

Für den Kunstmarkt und den Rest der Welt ist das Phänomen seit dem 11. März ein großes Rätsel. Da ging beim Auktionshaus Christie's eine NFT-Datei mit 5000 digitalen Bildern des Grafikers Mike "Beeple" Winkelmann unter dem Los Nummer 20447 nach einem Startpreis von hundert für einen Endpreis von 69 346 250 US-Dollar an einen Bieter aus Singapur. Damit ist Beeple der drittteuerste lebende Künstler der Welt. Gleich hinter David Hockney und Jeff Koons. Der eine malt Sommerbilder, der andere ist für monumentale Skulpturen aus poliertem Stahl bekannt. Beeple bastelt jeden Tag ein Meme für seine mehr als zwei Millionen Follower auf Instagram, er dreht Werbefilme und designt Bühnenbilder für Popstars wie Justin Bieber, Eminem und Nicki Minaj. "Art shit for yer facehole" nennt er seine Arbeit.

Die Männer fluchten viel in diesen NFT-Runden auf Clubhouse. Fuck. Shit. Fucking Motherfucker. Männer aus der digitalen Welt benutzen solche Worte gerne, weil sie das mit dem echten Leben verbindet, mit dem sie in ihren Jobs eher selten in Berührung kommen. Dem Reporter der Zeitschrift The New Yorker, der Beeple neulich interviewte, fiel das auch auf, dass der wirklich historisch erfolgreiche Familienvater mit dem korrekten Haarschnitt in seinem schmucklosen Home-Office in Charleston, South Carolina, die ganze Zeit schimpfte wie ein Rohrspatz, obwohl er gerade nun wirklich keinen Grund dazu hat.

Die Frauen müssen sich in der Männerwelt der digitalen Industrien ganz anders behaupten

Die Frauen sprachen dagegen betont gewähltes Business-Englisch. Die müssen sich in der Männerwelt der digitalen Industrien nun mal ganz anders behaupten. Da redeten also sehr viele Männer und ein paar Frauen aus aller Welt in einer Echokammer irgendwo im digitalen Raum über Bilddateien, die man in den Tiefen des Internets in einzigartige Werke verwandelt, die man auf virtuellen Marktplätzen versteigert, um dann große Summen Kryptowährung dafür zu bekommen, dass jemand anderes das Recht und den Zugriff auf diese Datei hat, die nirgendwo gespeichert ist, sondern durch Sicherheitsalgorithmen am Leben erhalten wird, die sich Blockchains nennen. Science fucking fiction badass matrix shit, wie man in diesen Kreisen sagen würde. Höchste Zeit, sich nach den hysterischen ersten Wochen des NFT-Hypes mal die Bilder anzusehen, um die es eigentlich geht.

Die ersten amerikanischen Kunstkritiker haben das schon getan. Jerry Saltz vom New York Magazine, Pulitzerpreisträger und gerade 70 Jahre alt geworden, hat seine Meinung vor wenigen Tagen auf Twitter kundgetan: "Ich hoffe, Sie machen ein Vermögen. Wirklich. Bis jetzt war alles nur Dreck. Was Sinn ergibt, denn es geht nur um die Vermarkter, die Dinge an Vermarkter vermarkten." Der "national art critic" Ben Davis vom Kunstportal artnet hat sich gerade durch sämtliche fünftausend Bilder geklickt, die Beeple in sein NFT gepackt hat, weil das die fünftausend Memes waren, die er seit 2007 unter dem Titel "Everydays" gepostet hat. Sein Fazit war ähnlich: "Wir haben einen Rassenaufstand und eine Abrechnung mit dem Sexismus hinter uns, und das kulturelle Projekt des Augenblicks ist ... die Erfindung neuer Wege, um jahrzehntealte Gehirnfürze auf BroBible-Niveau anzubeten?" BroBible ist eine Website, die in Amerika die sogenannte Bro Culture feiert, eine Testosteronsause im Koordinatensystem zwischen Komasaufen, Blockbuster-Pop, Männersport, kultureller Aneignung afroamerikanischer Kraftgesten sowie einem eher altmodischen Verständnis von Geschlechterrollen.

FILE PHOTO: A detail shot from a collage 'EVERYDAYS: THE FIRST 5000 DAYS' by a digital artist BEEPLE

Ein Bild aus "Everydays: The First 5000 Days". Handelt es sich um einen Emoji-Götzen? Digitaler Turmbau zu Babel?

(Foto: CHRISTIE'S IMAGES LTD. 2021/BEEP/via REUTERS)

Ben Davis' Einschätzung bringt Beeples Mammutwerk schon ganz gut auf den Punkt. Vor allem in den späteren Jahren sind seine Motive eher plumpe Kommentare auf Politik und Popkultur. Trump als Domina, Hillary Clinton als Cyborg. Die Simpsons, Michael Jackson und Buzz Lightyear in verschiedenen Phasen der Zerfleischung. Zombies, Monster, postapokalyptische und außerirdische Landschaften. Ein bisschen Porno, ein bisschen Rassismus, sehr viel Science-Fiction. Das ist durchaus exemplarisch. Schaut man sich die Bilder und Animationen an, die sonst auf den NFT-Verkaufsplattformen wie Nifty Gateway, SuperRare, OpenSea und Foundation zu sehen sind, fällt einem die fast schon uniforme Bildsprache auf. Was heißt auffallen. Sie springt einen aus dem Bildschirm an wie ein geifernder Rottweiler. Alles glänzt, leuchtet, schimmert, blitzt und wabert. Selbst Popstar Grimes hat ihre "WarNymph Collection", die sie als NFTs für sechs Millionen Dollar losgebracht hat, als Kurzvideos voller Engelchen, Lichtschwerter und Landschaften zwischen Mittelerde- und Kosmoskitsch inszeniert, die den Arbeiten von Beeple sehr ähnlich sehen. Die DJs Steve Aoki und Diplo, die sich auch schon als NFT-Künstler versuchen, liefern dagegen eher bunte Comicfiguren.

Es ist eine Bildsprache, die man sonst auf Screensavern findet, auf Covern von Heavy-Metal-Platten, Actionfilmplakaten und Videospielboxen. Das sind visuelle Muskelspiele mit 3-D-Effekten und einer Farbpalette zwischen grell und aufdringlich mit verschiedenen Schattierungen finster dazwischen. Es ist ein Feuerwerk bewährter Motive aus Fotorealismus, Comicwelten und Street-Art. Der kalifornische Künstler Matty Mo erklärte das in einer der Clubhouse-Runden ganz gut. Er habe schon einige NFTs produziert, erzählte er und verglich das mit dem Unterschied zwischen Gitarrespielen daheim und auf der Bühne eines Coffee Houses. "Wenn ich im Coffee House auftrete, bringe ich ja auch meine E-Gitarre und einen Verstärker mit, den ich aufdrehen kann."

Man könnte den Vergleich mit der Musik noch weiterdrehen, denn die Bildsprache der NFTs ist eben nicht nur laut, sondern auch sehr einheitlich. Wie studioproduzierte Popmusik, die mit den gängigen Computerprogrammen für Musik wie Ableton, Pro Tools oder Fruity Loops gemacht wird. Die dominieren den jeweils aktuellen Klang der Popmusik sehr hörbar. Genauso laufen die Bilder und Animationen der NFT-Welt durch die immer gleichen Filter der immer gleichen Programme wie Cinema 4D, Adobe Aero oder Illustrator.

Ursprünglich war das mal Inspirationsmaterial, das sich Grafikdesigner an Pinnwände heften

Die Wurzeln der NFTs liegen auch nicht in der Kunstgeschichte, sondern in einer Praxis, die sich "eye candy" nennt. Bonbons für die Augen. Ursprünglich war das mal Inspirationsmaterial, das sich Grafikdesigner an Pinnwände heften. Man sieht das aber auch in all jenen Situationen, in denen Menschen gezwungen sind, ihre Arbeitstage in der Matrix zwischen Zweckmöbeln und den Benutzeroberflächen der Computerprogramme zu verbringen. Da sind die japanischen Manga-Figuren, Science-Fiction-Bilder, Comic-Tierchen und Aufkleber, die in Computerlaboren, Agenturen und sonstigen Großraumbüros rund um die Rechner drapiert werden als kleine Schlüsselreizfluchten aus der Tristesse des digitalen Alltags.

Man muss der NFT-Szene zugutehalten, dass sie den Kunstanspruch nie selbst formulierte. Der wurde erst mit Beeples Rekord-Auktion bei Christie's an sie herangetragen. Die Auktionatoren und Schätzer haben auch schon gesagt, dass sowohl die Künstler als auch die Sammler aus ganz anderen Welten kämen als ihre sonstige Klientel. Die beiden Herren, die das Beeple-NFT ersteigerten, sind beispielsweise Vignesh Sundaresan und Andand Venkateswaran aus Singapur, die mit Kryptowährungen wie Ethereum sehr viel Geld verdient und damit den NFT-Kunst-Investmentfonds Metapurse aufgesetzt haben. Der wiederum eine neue Kryptowährung namens B20 herausgibt, deren Wert von zwei auf bereits neun US-Dollar pro Einheit gestiegen ist.

Die beiden stellen ihre NFT-Sammlung auch schon in einem Museum aus. Das befindet sich in einer virtuellen Welt namens Cryptovoxels, in der man für Kryptowährung virtuelle Immobilien kaufen kann. Doch, das machen Leute. Die beiden von Metapurse zum Beispiel. Als Besucher kann man sich da mit einem Avatar durch eine ruckelige Pixelwelt bewegen, die sehr an Kindervideospiele wie "Minecraft" oder frühe Versionen von "Sim City" erinnert.

NFTs sind keine Revolution im Kunstmarkt. Sie sind eine Simulation des Kunstmarktes

Es ist kein Zufall, dass die ersten vier herkömmlichen Kunststars, die NFTs produzieren oder gesagt haben, dass sie das wollen, jeder für sich für einen Wendepunkt der Kunstgeschichte stehen, an dem sie eine Bewegung der Subkultur in teure Sammlerware verwandelten.

Roger Dean zum Beispiel. Der gestaltet seit Anfang der Siebzigerjahre die Planetenlandschaften für die Plattencover und Bühnenbilder der Rockgruppe Yes, die aus der Psychedelik der Hippies eine lukrative Bombastmaschine machten. Der verkauft schon auf Nifty Gateway. Genauso wie Kenny Scharf, der im New York der Achtzigerjahre mit seinen Comic-Männchen der Graffiti-Kunst den urbanen Stachel nahm. Noch am Überlegen sind Jeff Koons und Damien Hirst, der eine hat die Pop-Art zu Millionendollarereignissen aufgeblasen, der andere die Konzeptkunst. Die verstehen auch diesmal, das hier ist nichts mit Kunst. Aber was mit Geld.

Der finanzielle Erfolg und Medienhype der NFT-Bilder weckt nun Hoffnung bei Heerscharen mittelmäßiger und erfolgloser Kunstschaffenden, dass die neue Technologie auch die Demokratisierung des Kunstmarktes und damit ein Weg zu Ruhm und Reichtum sein könnte. Doch der Markt ist längst im Griff von einem halben Dutzend Plattformen, die ihre Ware in sehr kleiner Menge veröffentlichen, wohl wissend, dass die Verknappung der Einzigartigkeit den Preis steigert. NFTs sind keine Revolution im Kunstmarkt. Sie sind eine Simulation des Kunstmarktes. Und als wollte die Szene den Kunstbetrieb noch demütigen, verkaufte Nifty Gateway am vergangenen Donnerstag Bilder, die ein Roboter vom Modell Sophia mit künstlicher Intelligenz und mechanischem Arm gemalt hatte für über eine Million Dollar. Alleine ein Selbstporträt brachte mehr als 680 000 ein.

NFTs bringen aber nicht nur den Kunstmarkt durcheinander, sondern vor allem eine Beschleunigung von Geldkreisläufen, die nur noch wenig mit dem zu tun haben, was Leute in der Welt der Kryptowährungen verächtlich "Fiat Money" nennen. Fiatgeld, also Staatswährungen wie Dollar, Renminbi oder Euro, sind für sie ein Anachronismus. Sie wollen ein revolutionäres Finanzsystem errichten, das sich von Mittelsmännern wie Nationalstaaten, Banken und Börsen befreit. NFTs sind über den Umweg der Kunst eines der ersten Phänomene, die der unkundigen Öffentlichkeit vorführen, wie so etwas funktioniert. Die NFT-Verkaufsplattform OpenSea hat immerhin eine Kollektion im Angebot, die das schon im Namen trägt: "Not Art".

© SZ/freu
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