Neunte Station in Dakar, Senegal Die Bilderräuber

Manche verbeugten sich tief, während sich der Verkehr langsam an ihrer Andacht vorbei quälte. Am Abendhimmel kreisten große schwarze Vögel, und der Vollmond tauchte die letzten Minuten des Tages in ein weiches und doch aufwühlendes Licht.

Wenn man daran glaubt, dass Seele und Identität im eigenen Abbild liegen, dann wiegt der Diebstahl eines solchen Bildes schwer. Eine fiktive Geschichte, die auf ganz realen Beobachtungen beruht.

Von Michael Glawogger

Wenn man daran glaubt, dass Seele und Identität im eigenen Abbild liegen, dann wiegt der Diebstahl eines solchen Bildes schwer.

Es war Freitag, und rund um die kleine Moschee beteten an die hundert Männer auf dem Gehsteig vor den Geschäften und zwischen den parkenden Autos. Manche verbeugten sich tief, während sich der Verkehr langsam an ihrer Andacht vorbei quälte.

Doku-Blog Vom Zauber des Augenblicks
Doku-Blog

Filmprojekt von Michael Glawogger

Vom Zauber des Augenblicks

Der preisgekrönte Dokumentarfilmer Michael Glawogger ist zu einer ungewöhnlichen Reise aufgebrochen: Ohne Script und ohne Plan will er sich ein Jahr lang um die Welt treiben lassen und spontan alles Interessante aufnehmen. Mit dabei ist Süddeutsche.de: Der Filmemacher berichtet über seine Abenteuer im Doku-Blog.   Von Paul Katzenberger

Am Abendhimmel kreisten große schwarze Vögel, und der aufsteigende Vollmond tauchte die letzten Minuten des Tages in ein weiches und doch aufwühlendes Licht.

Es war Valentinstag, und alle Straßenverkäufer boten in Plastik verpackte, kurzstielige rote Rosen feil, die sie in billiges Parfüm getaucht hatten.

Er hatte an diesem Abend keine Verwendung für Rosen - und auch kein Interesse an Hemden, Telefonkarten, Sonnenbrillen, einer Rolex oder dem Besuch einer Kunstgalerie. No problem, wurde ihm versichert, wobei er gar nicht auf die Idee gekommen wäre, dass es ein Problem geben könnte. Bis er merkte, dass seine Ausweistasche mit all seinen Karten verschwunden war. Führerschein, Personalausweis, Kreditkarten - alles weg.

Er durchsuchte ungläubig die Innentasche seiner Jeansjacke und kalkulierte innerlich, was dieser Verlust bedeutete. Erst unlängst war er in einem Hotelzimmer in Russland aufgewacht, weil ihn die Mitarbeiterin einer Kreditkartenfirma mit sanfter Stimme in einen verwehenden Traum hinein gefragt hatte, ob er sich gestern Abend wirklich neun Fernsehgeräte, fünfzehn Stangen Zigaretten und ein opulentes Abendessen geleistet hätte.

Er hatte sich im Zimmer umgeschaut, und der einsame Hotelfernseher war ein ziemlich deutliches Zeichen dafür gewesen, dass es jemand anderes gewesen sein musste, der mit seiner Kreditkarte einem achtbaren Kaufrausch verfallen war.

Fernseher, ... immer wieder Fernseher

Es war ihm also noch durchaus frisch im Gedächtnis, was es hieß, all diese Karten erst sperren, dann neu besorgen und überdies beweisen zu müssen, dass man nicht neun Fernseher als Andenken von Russland nach Wien mitgenommen hatte.

Er wurde ganz langsam in seinen Bewegungen. Die schwarzen Vögel am Himmel hatten etwas Bedrohliches bekommen, und der Mond schien jetzt eher aggressiv als milde vom mittlerweile schon nächtlichen Himmel.

Was sich der Dieb hier würde anschaffen wollen? Er zögerte einen Moment, die Karten sofort sperren zu lassen, denn dann würde er es nie erfahren. Aber es wäre wohl enttäuschend gewesen. Wahrscheinlich wären es wieder Fernseher gewesen. Ein Auto war zu teuer, eine Wohnung dauerte zu lange, und was braucht der Mensch sonst außer Fernseher?

Als er das noch nicht in allen Facetten fertig gedacht hatte, hielt ihm ein älterer Herr in gespielter Empörung über die jungen Leute, die hier ihr Unwesen trieben, seine Ausweistasche entgegen. Es fehlte nichts, und er gab dem Mann wortlos ein gutes Trinkgeld.

Die Diebe waren in seiner Wertschätzung beträchtlich gestiegen, denn er hatte große Achtung vor Menschen, die ihren Beruf gut beherrschen und ihm mit Herz nachgehen. Es braucht Geschick und Mut, sich Tag für Tag wildfremden Menschen anzunähern, ihnen etwas zum Verkauf anzubieten, sie mit Hilfe von Mitarbeitern zu umschwärmen und ihnen dabei in die Tasche zu greifen.