Neues Album von Kante Runter vom Großkünstlertum

Eigentlich waren Kante nie weg - nur woanders: Sie machten sieben Jahre lang Theatermusik.

(Foto: dpa)

Sieben Jahre hat Kante lieber auf Theaterbühnen als im Studio gespielt. Frontmann Thiessen erklärt, warum - und wieso es schwer ist, als Vater gute Texte zu schreiben.

Interview von Martin Pfnür

Fans der Band Kante hatten es nicht leicht in den letzten Jahren. Nach den Alben "Die Tiere sind unruhig" und "Kante plays Rhythmus Berlin" ist seit 2007 kein einziger Song von den Hamburgern erschienen. Schuld daran war eine neue Obsession des Quintetts um Sänger Peter Thiessen: das Theater. Als Bühnenband spielten Kante in Inszenierungen von Sophokles-, Brecht- und Handke-Stücken. An Häusern wie dem Wiener Burgtheater, dem Münchner Residenztheater oder dem Staatsschauspiel Dresden. Nun veröffentlicht die Band erstmals eine Auswahl ihrer Theatermusik.

SZ.de: Peter Thiessen, Sie haben die letzten sieben Jahre mit ihrer Band Kante fast ausschließlich am Theater gearbeitet. Blieb da keine Zeit mehr für Studioaufnahmen?

Peter Thiessen: Theatermusik, so wie wir sie betreiben, ist schon etwas, das einen sehr fordert. Das ist nichts, was man so nebenbei macht. Ein Stück wie Sophokles' Antigone zum Beispiel ist so ein komplexer und aufregender Stoff, da braucht man Zeit, bis man sich dem genähert hat und etwas Sinnvolles dazu zustande bekommt. Und dann sind wir während unserer Zeit am Theater ja auch noch fast alle Väter geworden...

Und das ist mit dem Band-Leben schwer zu vereinbaren.

Ich finde es nicht einfach, mit Kindern so einen Rock'n'Roll-Alltag zu bestreiten - zumindest, wenn man die Kinderbetreuung nicht dem Partner überlässt. Kinder verlangen ein sehr verantwortungsbewusstes Leben, beim Texte-Schreiben braucht es für mich hingegen einen hohen Grad an Verantwortungslosigkeit, an Offenheit für den Moment. Mir fällt es leicht, im Rahmen einer Inszenierung, eines existierenden Textes, Musik zu schreiben. Vor einem Stapel weißer Blätter zu sitzen und zu wissen: "In zwei Stunden muss ich die Kinder von der Schule abholen", das finde ich schon wesentlich schwieriger.

Es ist für Musiker schwerer geworden, mit Platten Geld zu verdienen. Hat das auch eine Rolle gespielt?

Das hat mit rein gespielt. Wenn man sich anschaut, was man heute über Downloads und Spotify verdient, dann ist das einfach nur noch lächerlich. Als Musiker wird man mittlerweile ja quasi dazu gezwungen, entweder Spezialnischen zu füllen, um sein Publikum zu finden oder etwas extrem Poppiges zu machen, mit dem man viele Leute erreichen kann. Mit allem, was dazwischen liegt, ist es extrem schwer geworden, eine Existenz zu bestreiten.

Mal abgesehen von der finanziellen Absicherung - was gefällt Ihnen am Theater, verglichen mit der Popmusik?

Ich habe bei Popmusik oft das Gefühl, dass die Leute auf Konzerte gehen, um eben das zu hören, was sie schon kennen. Das wissen die Musiker und präparieren sich auch entsprechend. Insofern ist der Raum für das Unvorhergesehene im Pop recht klein.

Und im Theater ist dieser Raum größer?

Die Schauspieler, die ich toll finde, reagieren sehr genau auf die Stimmung, die an dem jeweiligen Abend im Publikum herrscht oder auch auf Vorfälle wie platzende Scheinwerfer und Zwischenrufe. In Friederike Hellers Inszenierungen, bei denen wir sehr oft dabei sind, wenden sich die Schauspieler direkt ans Publikum und provozieren Reaktionen. Da ist einfach eine tolle Energie in der Luft, weil die Stimmung so konzentriert ist und die Leute zwar den Stoff, aber nicht die Inszenierung kennen. So etwas lässt sich nicht reproduzieren und ist auch nicht dafür gedacht.

Würden Sie sagen, dass die begleitende Rolle in einer Theaterproduktion dem Charakter der Band entgegen kommt?

Ich glaube schon, dass uns das mehr entspricht als vielen anderen Bands. Wir waren ja nie so eine Rockband, die zum Hüpfen und Händeklatschen animiert hat. Da sind wir auch nicht die Typen für. Wir waren schon immer eher eine anti-rockistische Band.

Eine Band, die sich nicht in den Vordergrund drängelt?

Ich mag es einfach, Teil eines größeren Teams zu sein, meine Fähigkeiten nicht nur für mich selbst anzuwenden, sondern diese in eine Zusammenarbeit mit anderen einzubringen und dabei die Musik auch als Handwerk zu betrachten. Man kommt da so ein bisschen runter von diesem männermäßigen Großkünstlertum.

Apropos Handwerk: Zu Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" haben Sie die Bühnenmusik von Paul Dessau neu vertont, das dürfte recht viel Arbeit gewesen sein.

Ja, da kriegt man als musikalischer Leiter, der ich damals war, eine schöne Hundert-Seiten-Partitur vom Suhrkamp-Verlag zugeschickt, zu der es auch keine Aufnahmen gibt. Das war eine riesige Herausforderung, aber auch ein großer Spaß, sich durch diese interessante Musik an der Grenze zur Atonalität zu arbeiten.

Worauf kommt es bei guter Theatermusik an?

Das ist tatsächlich eine verführerische manipulative Macht, die man da hat. Man muss sehr aufpassen. Denn am Ende sollte man den Zuschauern die Freiheit lassen, selber Emotionen zu entwickeln, anstatt ihnen musikalisch vorzukauen, was sie zu fühlen haben. Anders ist das, wenn man einen traurigen Text hat und diesen dann mit einer lustigen Musik unterlegt. Da entsteht eine interessante Reibung, die intensive Gefühle freisetzen kann.

Wie geht es jetzt mit Kante weiter?

Im Frühjahr arbeiten ich und unser Schlagzeuger Sebastian Vogel noch mal im Rahmen von "Dantons Tod" am Staatsschauspiel Dresden und dann werden wir noch einige Konzerte spielen. Ansonsten haben wir uns das Jahr jetzt aber mal reserviert, um an einer neuen Kante-Platte zu arbeiten.

"In der Zuckerfabrik" erschien am 6. Februar 2015 via Hook Music/Indigo.