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Neues Album von A$AP Ferg:Das Streben nach Goldzähnen

Lebt den amerikanischen Traum, auch wenn er noch so klischeehaft ist: A$AP Ferg.

(Foto: Sony Music)

Vom Ghetto in die Charts: Der New Yorker Rapper A$AP Ferg will uns weismachen, dass der amerikanische Traum noch funktioniert.

Off the Record: die Pop-Kolumne von Julian Dörr

"We learned more from a three minute record than we ever learned in school", sang Bruce Springsteen 1984. Und das stimmt auch heute noch. Pop kann uns die Welt erklären - in unserer neuen wöchentlichen Musik-Kolumne.

Die Sache mit dem Kapitalismus und dem amerikanischen Traum ist ja heute mehr denn je eine große Mogelpackung. Du wirst Erfolg haben, solange du nur hart genug arbeitest. So ein Quatsch! Noch nie was von sozialer Ungerechtigkeit gehört? Und dennoch: Der Hip-Hop, dieses einerseits innovative, andererseits aber auch pfauenstolze Dicke-Hose-Genre hält weiter beharrlich an alten Idealen fest. Vom Ghetto auf das Cover der GQ: Rap's best dressed A$AP Rocky hat es vorgemacht - jetzt legt sein Homie A$AP Ferg nach, einer der spannendsten Schattenmänner des aktuellen Rap.

"Always Strive and Prosper" heißt seine zweite Platte. Streng dich immer an und du wirst reich. Zum einen ist das die Langversion des Kollektiv-Kürzels A$AP, zum anderen ist es das Mantra des angelsächsischen Kapitalismus. Auf "Always Strive and Prosper" will uns A$AP Ferg also weismachen, dass der amerikanische Traum auch heute noch existiert.

Die Verbindung von Kapitalismus und Hip-Hop ist seit den Gangsta-Rap-Tagen der frühen Neunziger symbiotisch. In ihrer Musik zelebrierten die Männer ihre Schusswunden - street credibility - dafür gab es Bling-Bling und sozialen Aufstieg. Anstatt mit Drogen zu dealen, rappten sie darüber. Hip-Hop trägt das Versprechen des amerikanischen Traums im Herzen. "Always Strive and Prosper" - oder frei nach der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung: Leben, Freiheit und das Streben nach Goldzähnen.

"Strive" ist eine Motivationsrede aus der Ibiza-Freiluft-Disko

A$AP Ferg lebt diesen Traum und trägt dabei alles auf, was der Juwelier zu bieten hat. Übergroße Ringe, funkelnde Ohrstecker und die obligatorische vergoldete Zahnreihe. Für einen Mann aus der zweiten Reihe ist das beeindruckend viel Bling-Bling. A$AP Ferg oder Darold Ferguson, wie der Rapper mit bürgerlichem Namen heißt, ist ein echter Emporkömmling. Geboren und aufgewachsen auf den Straßen des New Yorker Stadtteils Harlem, über den er im Opener "Hungry Ham" rappt, hat er seinen Weg in die oberen Kreise des Hip-Hop gemacht.

"You can be you tonight", heißt es zu den ersten Takten von "Strive". Und weiter: "So get off your ass and create your life." Beweg deinen Arsch und mach was aus deinem Leben. Früher war ich Eisverkäufer bei Ben & Jerry's, heute bin ich Rap-Star. Dazu hüpfen die Piano-Akkorde, Computerhände klatschen den Rhythmus. Produziert hat diese Motivationsrede DJ Mustard, der schon seit Jahren die Ibiza-tauglichsten Tracks des zeitgenössischen Pop liefert.

Der Schlüsselsong in A$AP Fergs Erzählung vom amerikanischen Traum ist aber ein anderer. Nach der Selbstermächtigung folgt die Selbstkrönung und die zelebriert der 27-Jährige im satt wummernden Banger "New Level". Zusammen mit Future, dem Rap-Darling der Stunde, beerdigt A$AP Ferg die Konkurrenz im wörtlichen Sinne.

Glitzernde Steinchen, rote Teppiche, ein neues Haus für die Mutter und jede Menge Bitches. Das knallt und ist herrliche Protzerei - aber ist das heute nicht vor allem schrecklich peinlicher Quatsch und völlig aus der Zeit gefallen? Sieht die schwarze Lebensrealität in den USA nicht ganz anders aus? Überfüllte Knäste, Rassenunruhen und unschuldige Tote statt post racial Promi-Dinner im Weißen Haus mit Jay-Z, Beyoncé und den Obamas?

Der amerikanische Traum - der große Ungleichmacher

Im Intro zur Platte verkündet eine Stimme: "Now you're the voice of the guys on the corners and the kids who have no direction, guide them. Teach them the world can be accumulated with patience." Der Hirte A$AP Ferg soll die verlorenen Kinder zum Erfolg führen. Aber kann und sollte man vom amerikanischen Traum predigen, der ja immer auch ein großer Unterdrückungsmechanismus und Ungleichmacher war? Darf man vom glitzernden Aufstieg schwärmen? Man darf, auch heute noch - wenn man dabei so selbstreflektiert ist wie A$AP Ferg.

Denn der erzählt demaskierend ehrlich vom eigenen kreativen Akt. In "Let It Go" heißt es: "I'm not dumb, I know what I write." Es wird geprollt, geprotzt und gedisst. Aber jeder glorifizierende Moment wird mit der harten Realität gegengeschnitten. Die Erinnerung an die hart buckelnde und fürsorgliche Großmutter ("Grandma"), das Negativbeispiel des verrückten Onkels ("Psycho"), der Abschied vom jung verstorbenen Produzenten-Kumpel A$AP Yams ("Yammy Gang").

Die Penthouse-Träume der Aufsteiger und die Straßen von Harlem - auf "Always Strive and Prosper" verschmelzen sie zu einer Platte, die ebenso Bling-Bling-Statement ist wie die Geschichte eines Jungen aus der Hood, der nur knapp davongekommen ist. Der amerikanische Traum mag eine Mogelpackung sein, aber machmal halten einen auch Lügen am Leben.

A$AP Ferg: "Always Strive and Prosper" (Sony Music)

© SZ.de/khil/jobr

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