Neuer Roman von Patrick Modiano Paris, wie es flimmert und wirbelt

Nach dem Nobelpreis für Patrick Modiano wird sein neues Buch eher veröffentlicht als ursprünglich geplant.

(Foto: AP/Gallimard)

In seinem neuen Roman "Gräser der Nacht" lässt Patrick Modiano kunstvoll Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen. Das Buch ist der perfekte Einstieg ins Werk des Nobelpreisträgers.

Von Joseph Hanimann

Wer seit Patrick Modianos Erstlingsroman "La Place de l'Étoile" aus dem Jahr 1968 den Einstieg ins Werk des Nobelpreisträgers verpasst hat, dem wird hier eine außerordentliche Chance geboten. Sein neuer Roman "Gräser der Nächte" vereint wie wenige andere zuvor so ziemlich alles, was die Qualität dieser großen zeitgenössischen Erinnerungsliteratur ausmacht und enthält bis in die feinsten Nebentöne den unverwechselbaren Modiano-Sound. Das Bestreben, das Nachglühen vergangener Ereignisse gleichsam rückwärts zu überholen und das Licht der alten Gegenwart noch einmal strahlen zu lassen, wird in diesem Buch ständig mitreflektiert.

Der mit lückenhaften Aufzeichnungen in einem alten Notizheft durchs Pariser Montparnasse-Viertel irrende Erzähler spürt sehr genau, dass da in seinem Leben einmal etwas Bedeutsames sich abspielte. Es ist ihm, als ob "ein anderes Ich, ein Zwilling, sich in dieser Gegend herumtriebe, ohne gealtert zu sein", und ihm kaum vernehmbare Zeichen gäbe. Er kann die Erinnerungsfetzen aber an keinem realen Ort mehr festmachen. Die vertrauten Straßen und Häuser blicken ihn an wie ein ausgestopfter Hund.

Ein leichtes Schwindelgefühl

Dann aber, vor der Hausnummer 11 der Rue d'Odessa, kommt plötzlich der Einfall, wie ein leichtes Schwindelgefühl, das der Proustschen Erfahrung mit dem Stück Madeleine nicht ganz unähnlich ist: Hier hat doch Paul Chastagnier immer sein Auto geparkt.

Wie sich von da an im Buch die Gedächtniswolken lichten und immer neue Durchblicke freigeben, zeugt von einer Meisterschaft, die nur den Größten des Genres gegeben ist. Statt Erinnerungsrausch, Geborgenheitsglück beim Einschlafen, Belle-Époque-Geraschel und bis in die Ewigkeit fortdauerndem Tafelgeklirr aus dem Salon gibt es bei Modiano aber nur die ständig wiederkehrende Ungewissheit, ob da tatsächlich mal was war.

Dauerndes Weiterirren

Eine "wiedergefundene Zeit" kommt bei ihm nicht vor. Vorgesehen ist vielmehr ein dauerndes Weiterirren durch die Straßen auf den Spuren einer aus der Zeit ragenden Situation wie der mit jenem Mädchen, das der Erzähler vor Jahrzehnten kennenlernte und bald wieder verlor.

Aus seinen Aufzeichnungen und aus der realen Stadttopografie versucht er, die Dinge zu rekonstruieren. Da war die Bekanntschaft mit der angeblichen Studentin, die sich damals Dannie nannte. Da waren ihre ausweichenden Antworten und ihr etwas seltsames Verhalten sowie die undurchschaubaren Männer, mit denen sie im Unic Hotel verkehrte. Es gab auch die diskreten Warnungen vor diesem Milieu, die Hinweise auf Schüsse, die in einer Wohnung gefallen sein sollen, sowie die Vorladung des Erzählers aufs Polizeikommissariat.

Thriller, Liebes- und Schlüsselroman

All diese Erinnerungen wirbeln wie in einem unterbelichteten Schwarz-Weiß-Film von Georges Franju durcheinander im Paris der frühen Sechzigerjahre und seinen mysteriös gebliebenen Affären. Ungeklärt ist beispielsweise bis heute das spurlose Verschwinden des marokkanischen Oppositionspolitikers Mehdi Ben Barka 1965, auf das die Romanhandlung offensichtlich anspielt. Mit seiner stets etwas unheimlichen Spannung ist dieser Roman ein Thriller ohne eigentliche Events, ein Liebesroman ohne Liebesszenen, ein Schlüsselroman ohne Schlüssel.

Mit seinen Aufzeichnungen und seinen Träumen, zuletzt auch mit der ihm ausgehändigten Polizeiakte, kreist der Erzähler zwischen damals und heute die Ereignisse ein. Manchmal ist da das Handy, an dem ein Tischnachbar im Café gerade herumfingert, der einzige Hinweis dafür, dass er in der Gegenwart sitzt.