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Kolumne Mediaplayer: Neu auf DVD:Technicolor auf schwärzestem Untergrund

Film/ Sibyl - Therapie zwecklos; Sybil

Ein Film voller unmöglicher Beziehungen: Virginie Efira ist die Psychoanalytikerin "Sibyl".

(Foto: Alamode)

Bruce Willis spielt in "Trauma Center" den müden guten Cop, und Virginie Efira als Psychoanalytikerin "Sibyl" will ihre Praxis aufgeben: die Neuerscheinungen auf DVD.

Von Fritz Göttler

Schau sie dir an, sagt der Arzt zu der Frau und hält ihr die Spritze in seiner Hand entgegen - die ist gefährlicher als eine Kugel. Täglich muss er ihrem todkranken Mann eine Injektion geben, dem Großreeder, der sein Geschäft vom Krankenbett aus dirigiert, unerbittlich und schikanös. Die Frau und der Arzt, Lana Turner und Anthony Quinn, sind in einer heftigen Liebe verbunden. Die tödliche Spritze, nicht als Überdosis, die könnte man bei einer Autopsie nachweisen, aber eine kleine Luftblase genügt ... Um der täglichen Versuchung zu entkommen, will der Arzt in die Schweiz gehen, ein Land so schön, so rein.

Mediaplayer 4. Januar
(Foto: Verleih)

Für die Frau wäre die Trennung der größte Horror. "Portrait in Black" heißt der Film, 1960, von Michael Gordon, "Das Geheimnis der Dame in Schwarz". Das beklemmende Finale der großen Melodramen-Serie der Universal, die vor allem mit dem Namen Douglas Sirk verbunden ist - ein Jahr zuvor hat er sich mit "Imitation of Life", ebenfalls mit Lana Turner, vom Filmemachen verabschiedet. Michael Gordon, der durch McCarthys Kommunistenjagd auf die "Schwarze Liste" kam, gibt dem Melo-Technicolor den schwärzesten Untergrund. Liebe und Selbstzerstörung, tiefe Schatten, in denen die Liebenden versinken. (Tonpool)

Eine verborgene Liebe in Lettland, "Mellow Mud", im ersten Spielfilm von Renārs Vimba. Raya ist fast achtzehn, sie lebt mit dem kleinen Bruder auf dem Land. Die Mutter ist vor Jahren nach London gefahren und kam nicht wieder zurück. Die Großmutter stirbt, und um nicht ins Waisenhaus gesteckt zu werden, verbuddeln die Kinder sie heimlich hinter dem Haus. Raya, zart und nixenhaft gespielt von Elīna Vaska, liebt und pflegt die Bäume ihrer Apfelplantage. In der Englischstunde wird Hemingway gelesen, vom kurzen glücklichen Leben des Francis Macomber. "Do you have that feeling of happiness about what's going to happen?" Raya verliebt sich in den jungen Englischlehrer. Die Landschaft ist morastig, unsicheres Terrain, und manch wackeliger Brettersteg darin endet plötzlich im Wasser. (Neue Visionen)

Mediaplayer 4. Januar
(Foto: Verleih)

Noch ein Film voller unmöglicher Beziehungen, "Sibyl" von Justine Triet. Virginie Efira ist die Psychoanalytikerin Sibyl, sie will ihre Praxis aufgeben und wieder Romane schreiben. Ihre Patientin Margot klammert sich an sie, Adèle Exarchopoulos, man kennt sie aus "Blau ist eine warme Farbe" von Abdellatif Kechiche. Sie ist Schauspielerin, in ihren Partner verliebt, unglücklich, schwanger. Sibyl muss beim Dreh helfen, auf Stromboli. Ich habe Angst, sie bringt sich um, sagt Sibyl zu einem Kollegen, und der erwidert lakonisch: Das ist dein Metier. Einmal muss sie für die Regisseurin einspringen, Sandra Hüller. Auf Stromboli legt Sibyl sich nachts an den schwarzen Strand, breitet die Arme aus und öffnet sich dem Unfassbaren, wie es Ingrid Bergman einst tat, im Film von Rossellini. Fate knows what's best for you. (Alamode/Al!ve)

Noch einmal Angst als Metier, "Il traditore", von Marco Bellocchio. Die Geschichte von Tommaso Buscetta, einem wichtigen Mann der Cosa Nostra, der 1980 nach Rio de Janeiro floh. Die Gegner erwürgen seine Söhne, die in Italien blieben, er wird verhaftet, ausgeliefert, kooperiert mit dem Richter Falcone. Mit seinen Aussagen hat er Dutzende Prozesse gegen Cosa-Nostra-Leute ermöglicht. Ein Affentheater. "Ich blieb den Prinzipien treu", erklärt er den anderen, "ihr seid die Verräter." Er trägt klasse Anzüge, einmal sieht man, wie er sich im Gefängnis die Haarwurzeln färbt. Der Look ist alles. Einer der Angeklagten zitiert Michel Butor: "Der Blick ist der Ausdruck der Realität." (Pandora)

Hast du Feuer? Mit einer der schönsten Fragen im Kino, an einem der schönsten Orte, einem Bahnhof bei Nacht im Regen, geht "Der See der wilden Gänse" los, der neue Film von Diao Yinan, der mit "Schwarze Kohle, dünnes Eis" 2014 bei der Berlinale gewann. Ein Mann ist auf der Flucht, aber die Frau, die am Bahnhof auf ihn wartet, ist nicht seine, sondern eine Fremde. Ein Gangstermeeting in Wuhan läuft aus dem Ruder, ein Motorrollerfahrer wird geköpft, die Polizei macht mobil. Am Seeufer gibt es ein starkes surreales Weiß-Blau, da müssen sich die Strandmädchen verkaufen. Ein Film zwischen Chandler und Tschechow, deutet Diao Yinan an, er liebt die Verachteten, die Loser. In denen, sagt er, gibt es eine Ekstase, eine Kraft, die nur sie selbst würdigen. (Alive)

Bruce Willis in zwei kleinen Genrefilmen von Matt Eskandari, "Trauma Center" und "Survive the Night", produziert und gedreht von dem gleichen Team. "Trauma Center" spielt in San Juan auf Puerto Rico, ein Mädchen wird Zeugin, wie zwei Cops, ins Drogengeschäft verwickelt, einen Mitwisser niederschießen. In ihrem Oberschenkel steckt eine Kugel, die die beiden verraten würde. Das Mädchen wird isoliert, auf einer ausrangierten Quarantänestation, doch die Cops kommen trotzdem an sie ran. Ein Überlebenskampf. Bruce Willis ist, als der müde gute Cop, für ihre Sicherheit verantwortlich. In "Survive the Night" wird seine Familie von zwei kriminellen Brüdern nachts heimgesucht, sein Sohn, ein Arzt, soll dem einen eine Kugel rausholen aus dem Bein, die er sich bei einem sinnlosen Überfall eingefangen hat. Willis verachtet seinen Sohn, weil der, wegen eines angeblichen Kunstfehlers entlassen, nicht um seinen Ruf gekämpft hat. Natürlich gehört unsere Liebe ganz den beiden Loser-Brüdern, die keine Chance haben von Anfang an. (Eurovideo)

© SZ/kni
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