Netzkolumne: Terror im Suchmaschinenzeitalter:Unaufhaltsame Gewalt

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Netzkolumne: Terror im Suchmaschinenzeitalter: Der Täter, der am vorvergangenen Wochenende in Buffalo zehn Menschen ermordete, streamte seine Tat über Twitch. Das Portal schaltete nach eigenen Angaben binnen zwei Minuten ab. Da waren die Bilder im Netz nicht mehr zu stoppen.

Der Täter, der am vorvergangenen Wochenende in Buffalo zehn Menschen ermordete, streamte seine Tat über Twitch. Das Portal schaltete nach eigenen Angaben binnen zwei Minuten ab. Da waren die Bilder im Netz nicht mehr zu stoppen.

(Foto: Derek Gee/AP)

Unser Autor stellt fest: Live gestreamter Terror wie in Buffalo setzt auf eine ausgefeilte Verbreitungsstrategie. Plattformen müssen anders zusammenarbeiten, um das zu stoppen.

Von Michael Moorstedt

Das Live-Streamen von Verbrechen ist kein neues Phänomen. Seit die großen sozialen Netzwerke die entsprechenden Möglichkeiten bieten, sind Dutzende Fälle bekannt geworden, in denen Vergewaltigungen, Amokläufe, Geiselnahmen und Polizeigewalt in Echtzeit für ein potenziell globales Publikum ins Netz geladen wurden. Kriminalpsychologen begründeten das Streaming zu dieser Zeit meist mit Dummheit, schließlich schafften die Täter vor allem auch eine Menge Beweise. Doch die meiste Zeit ging es um Verbrechen - und nicht um Terrorismus.

Als er am vorvergangenen Wochenende in einem Supermarkt im US-Bundesstaat New York zehn Menschen ermordete, sendete der Täter die Bilder seiner Tat live über das Streaming-Portal Twitch. Eine Eindämmung der Bilder des Terrors ist nicht mehr möglich. Schon bei normalen Videos tun sich die großen Tech-Konzerne schwer bei der Löschung von verstörenden Inhalten. Bei Live-Inhalten dauert es noch länger, bevor im Moderationsmaschinenraum von Facebook und Co. die Alarmlichter anspringen - und mehr als ein paar Minuten braucht es nicht, bis sich ein Clip quasi unlöschbar in das Internet eingegraben hat.

Nicht auf den großen Plattformen, sondern eher auf den Randbereichen des Internets findet sich laut einer Analyse des Thinktanks Tech Policy Press der ideale Nährboden für die gespeicherten Streams. Denn obwohl auf Twitch ein potenzielles Publikum wartet, sahen dort kaum mehr als 20 Zuschauer die Übertragung. Und obwohl das Unternehmen laut eigener Aussage weniger als zwei Minuten benötigte, um den Stream nach den ersten Schüssen abzuschalten, hat diese Zeit bereits ausgereicht, um die Tat nachhaltig im Internet zu verewigen.

Die Inhalte, so die Autoren, dringen manchmal aus den dunkelsten Ecken des Internets zu den offensten öffentlichen Plätzen vor, ohne dass ein einzelnes Unternehmen eingreifen kann. Die Propagandastrategie des Schützen stützte sich auf die Nutzung anonymer Filehosting-Plattformen und auf die digital versierte und maximal zynische Nutzerbasis von 4chan, die sich bei der Verbreitung der Inhalte des Schützen als effektiv erwiesen. Auch die Chat-App Discord, ursprünglich für Videospieler gedacht, hat bei der Verbreitung offenbar eine wesentliche Rolle gespielt.

Gegen das Content-Recycling kommen die Moderatoren der einzelnen Plattformen offenbar nicht an

Auf Facebook oder Twitter werden oft nur entsprechende Links gepostet; manchmal spielen die Plattformen laut New York Times sogar Werbung daneben aus. Stattdessen wird der Inhalt auf wenig bekannten Webseiten wie Kiwifarms, Catbox oder Ghostbin gehostet. Dadurch, so das Fazit, ergebe sich praktisch ein unaufhaltsames Content-Recycling, das nur durch "eine solidere Zusammenarbeit im gesamten Ökosystem der Internet Service Provider" gestoppt werden könne. Die Moderationsbemühungen der einzelnen Mainstream-Plattformen kommen dagegen offenbar nicht an. Auch das Video vom Christchurch-Terroranschlag aus dem März 2019, auf das sich der Täter in Buffalo explizit beruft, ist noch immer online. Auf einschlägigen Foren geben sich Nutzer Tipps, wie man die Datei manipulieren kann, sodass automatische Löschroutinen das Material nicht erkennen. Oft reichen dabei offenbar einfachste Veränderungen, etwa unterschiedliche Sequenzen in Zeitlupe oder in doppeltem Tempo abzuspielen.

Wahrscheinlich benötigen wir nach Buffalo und Christchurch eine neue Theorie der Bilder: Der Terrorakt ist im Zeitalter der Suchmaschinenoptimierung komplett auf maximale Aufmerksamkeitsgenerierung ausgelegt - auf Wirkmechanismen, die Inhalte auf den Plattformen der großen Tech-Konzerne viral gehen lassen. Live-Video lässt die Distanz zwischen Betrachter und Objekt kollabieren. Niemand - nicht der Täter, nicht die Opfer, nicht die Zuschauer - weiß, was als Nächstes passieren wird. Die Nachbilder bleiben auf der Netzhaut zurück.

Der Stream ist selbst ein Akt der Gewalt, wenn er aus dem Zuschauer einen hilflosen Zeugen macht; im schlechtesten Fall lässt er ihn zum Komplizen werden. In einer Zeit, in der das Always-on zum Dogma geworden ist, ist Wegschauen die einzig verbleibende Option.

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