Naturgewalt Mensch:Wer vom Klimawandel spricht, darf vom Kapitalismus nicht schweigen

This is a DigitalGlobe image of Hermeda Village in Darfur after it was burned and attacked.

Ruinen des ersten Klimakrieges: Luftbild eines niedergebrannten Dorfes in der Region Darfur im Sudan, 2014.

(Foto: Getty)

Der Klimawandel erzeugt Kriege und Konflikte, die auch die reichen Länder bedrohen. Sie müssen jetzt in Lösungen investieren.

Gastbeitrag von Harald Welzer

Gibt es tatsächlich Klimakriege? Nun, zumindest wird seit zehn Jahren darüber debattiert, ob es einen Zusammenhang zwischen Folgen des Klimawandels und dem Auftreten von Kriegen gibt - eine Frage, die besonders angesichts der immer intensiver werdenden Extremwetterlagen dringlich ist. Denn wenn sich Überlebensräume verändern, dann sind Gewaltkonflikte wahrscheinlicher als unter stabilen Verhältnissen.

Aber: Es ist bislang nicht möglich, einen eindeutigen Zusammenhang von Ursache und Wirkung nach dem Schema "Wenn Klimawandel, dann Gewaltkonflikt" nachzuweisen. Das ist allerdings nicht verwunderlich, gibt es doch im Prozess menschlichen Zusammenlebens niemals einfache Kausalitäten. Denn als soziale Wesen existieren Menschen in vielfältigen Beziehungen von Hierarchie, Macht, Geschichte, Tradition und Staatlichkeit, und es ist die jeweilige Figuration dieser Beziehungen, die dafür sorgt, ob eine Veränderung im Überlebensraum zu Gewalt oder gar zu Krieg führt.

Oder zu einer Neuverteilung von Ressourcen. Oder zu Flucht. Oder Vertreibung. Und dann zu Gewalt, wenn viele neue Menschen dort ankommen, wo schon viele Eingesessene sind. Um ein einfacheres Beispiel zu nehmen: Lässt sich der Sachverhalt, dass eine Ehe 50 Jahre hält und eine andere nach zehn Jahren geschieden wird, auf Kausalitäten zurückrechnen? Eben.

Aus diesem simplen Grund finden die meisten Studien keine eindeutigen Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Krieg, was aber keineswegs heißt, dass es nicht höchst relevante indirekte Zusammenhänge gibt, die sich nur nicht mit der wissenschaftlich wünschenswerten Eindeutigkeit entschlüsseln lassen.

In failed states hilft nach Umweltkatastrophen kein Technisches Hilfswerk

Indirekte Zusammenhänge stellen sich etwa so dar: In Gesellschaften mit stabiler Ordnung auf rechtsstaatlicher Grundlage wirken sich extreme Umweltereignisse - wie die Oderflut 1997 - keineswegs so aus, dass die Leute, die Haus und Hof verloren haben, aufeinander losgehen. Denn zwischendurch waren Technisches Hilfswerk, Bundeswehr und besorgte Ministerpräsidenten da, die Betroffenen waren versichert, und aus politischen Gründen wurde auch "unbürokratisch und schnell" staatliche Hilfe mobilisiert.

In Gesellschaften mit schwacher oder gar keiner Ordnung, den failed states, ist dies alles nicht der Fall. Wenn hier durch Dürren Land verloren geht, um das beispielsweise Kleinbauern und Nomaden konkurrieren, entstehen schnell Gewaltkonflikte, und nicht selten eskalieren sie und werden dauerhaft, weil es Milizen, Warlords und andere private Gewaltunternehmer gibt, für die Gewaltkonflikte eine fantastische Geschäftsgrundlage bilden.

So war es in der Region Darfur im Sudan, in der das Umweltprogramm der Vereinten Nationen schon 2007 so etwas wie den ersten Klimakrieg identifizierte. So eindeutig ist es selten. Aber auch der Krieg in Syrien hat für viele seine Ursache in der Dürreperiode, die dem Kriegsausbruch vorausging. Sie führte dazu, dass viele Menschen vom Land in die Städte gehen mussten. Statt das mit Hilfeleistungen vor Ort zu verhindern, reagierte das Assad-Regime mit Kürzungen der Unterstützungsleistungen, was die Rebellionsbereitschaft - wir befinden uns in der Zeit der um sich greifenden "Arabellion" - heftig schürte. Also auch hier: eine indirekte Folge, aber eine Folge.

Dies gilt ebenso für die Arabellion im Ganzen. Ihr waren drastisch gestiegene Lebensmittelpreise vorausgegangen, und die hatten wiederum mit Umweltereignissen zu tun. Auch hier ist die Sache nicht linear, denn Getreide wird an der Börse gehandelt, weshalb Dürren an einem Ende der Welt mit Preiserhöhungen an einem anderen Ende zu tun haben können. Was konstant bleibt: Wer am Existenzminimum lebt, für den werden selbst leichte Preisschwankungen schnell tödlich, und statt wegen Ungerechtigkeit zu sterben, stehen die Menschen lieber gegen die ungerechten Regime auf und kämpfen.

Ein letztes Beispiel liefert der Hurrikan Katrina, der 2005 New Orleans zerstörte, fast 2000 Menschen tötete, eine Million obdachlos machte und die Sozialstruktur der Stadt nachhaltig veränderte, weil die ärmeren, mehrheitlich von Schwarzen bewohnten Viertel überproportional betroffen waren. Die Menschen mussten die zerstörten Viertel verlassen und kehrten oft nicht wieder zurück.

Noch heute sieht das betroffene Gebiet heillos aus. Im Verlauf der Katastrophe kam es zu spontaner Gewalt, zu Plünderungen und schließlich zum Einsatz der Armee. Zwischen einem Umwelt- und einem Gewaltereignis ist also ein eindeutiger Zusammenhang sichtbar, wobei uneindeutig bleibt, ob Katrina etwas mit dem Klimawandel zu tun hat.

Mauern und befestigte Grenzen erleben eine erstaunliche Renaissance

Gewalt jedenfalls ist immer eine Option sozialen Handelns. Sie wird insbesondere dann angewendet, wenn ihre zivilisatorischen Regulierungen - vor allem das staatliche Gewaltmonopol - ausfallen oder wie in failed states nicht vorhanden sind. Von daher liegt vermehrte Gewalt infolge vermehrter Umweltveränderungen infolge des Klimawandels auf der Hand.

Insofern wird man dem Wissenschaftlichen Beirat für Globale Umweltveränderungen zustimmen, der Klimapolitik als Sicherheitspolitik bezeichnet. Die Tragweite dieser Sicht kommt auch dort zum Ausdruck, wo in den reichen und selbst relativ gering vom Klimawandel betroffenen Gesellschaften die wachsenden Flüchtlingszahlen als Stress empfunden werden und dieser Stress wiederum das innenpolitische Klima erheblich verändert.

In meinem 2008 erschienenen Buch "Klimakriege" habe ich genau solche Folgen prognostiziert, aber das wurde allgemein als eher alarmistisch empfunden. Das wäre schön gewesen, aber heute haben wir mehr extreme Wetterereignisse, mehr Flüchtlinge - allein 900 000 Afrikaner mussten 2017 ihren Grund und Boden aufgeben - und in den reichen Ländern mehr und radikalere Tendenzen zur Abschottung als damals.

Mauern und befestigte Grenzen erleben, drei Jahrzehnte nach dem Fall der Berliner Mauer, eine erstaunliche Renaissance, ebenso wie die Politik der Angst und der Wunsch nach autokratischen, und das heißt immer: gewaltsamen, Problemlösungen. Europa ist mit mehr Flüchtlingen konfrontiert und wählt Abschottung als Lösung, dabei nehmen die Fluchtursachen weltweit zu. Dazu zählen Landraub, Landverlust, gewaltsame Vertreibung und eben Folgen des Klimawandels.

Aufforstung wäre eine Option gegen den Klimawandel - aber die muss finanziert werden

Der Klimawandel wirkt als Konfliktanlass, Armutsursache, Auslöser von extremen Wetterereignissen und daraus folgenden Wanderungsbewegungen und Konflikten - heute mehr als noch vor zehn Jahren. Etwa 65 Millionen Menschen weltweit mussten ihre Heimat verlassen, jede Minute kommen statistisch 24 dazu. Neu ist, dass die armen Gesellschaften relativ gesehen immer mehr Flüchtlinge aufnehmen und die reichen immer weniger: Während sie vor zehn Jahren noch mehr als ein Viertel der Flüchtlinge weltweit aufnahmen, sind es heute nur noch 14 Prozent - obwohl sie zweifellos weit mehr zu den Fluchtursachen beitragen als die armen.

Die Welt steht zu Beginn des 21. Jahrhunderts also mehr unter Umwelt- und Klimastress denn je, aber Wege zu einer zivilisierten Stressbewältigung werden kaum gesucht. Die Suche gilt vor allem der Bewahrung und Sicherung von Besitzständen, weshalb Abschottung das dominante Rezept darstellt.

Das macht die reichen Gesellschaften nicht glaubwürdiger und entwertet zunehmend auch das zivilisatorische Modell des demokratischen Rechtsstaats. Global befindet sich dieser Typ von Gesellschaft nach einer langen Aufstiegsbewegung gerade auf dem Rückzug. Es ist kaum zu erkennen, wie sich das westliche, demokratische Gesellschaftsmodell so modernisieren könnte, dass es seinen Standard von Freiheit, Sicherheit und Demokratie bewahrt, zugleich aber ein weniger zerstörerisches und, global betrachtet, weniger ungerechtes Naturverhältnis entwickelt.

Der Weg in mehr Abschottung und mehr Gewalt ist kein zwangsläufiger; vielleicht setzen die immer sichtbarer werdenden Folgen des Klimawandels und der damit verbundenen sozialen Folgen auch einen Modernisierungsschub in Gang, der ohnehin überfällig ist - mindestens seit ihn die "Limits to Growth" vor fast 50 Jahren gefordert haben - und der bislang aus kurzfristigen Nutzenkalkülen und politischer Dummheit ausgeblieben ist.

Immerhin gibt es eine Option, die vergleichsweise schnelle Wirkungen entfalten kann: Da Wälder Kohlendioxid aus der Atmosphäre in klimarelevanten Größenordnungen aufnehmen, fordern Forstwissenschaftler schon seit zwei Jahrzehnten nicht nur einen sofortigen Stopp des Abholzens und Abbrennens der Regenwälder, sondern ein umfassendes Waldaufforstungsprogramm auf 200 Millionen Hektar in den Tropen und den Subtropen. Beides zusammen würde die weltweit emittierten Klimagase um etwa zehn Milliarden Tonnen reduzieren. Das ist mehr als die Hälfte der 16 Milliarden Tonnen, die (nach Absorption durch Ozeane und Landsenken) in der Atmosphäre verbleiben und die Erderwärmung verursachen.

Ein derartiges Programm liegt mit der bereits 2011 initiierten "Bonn Challenge" vor. Dies ist eine internationale Initiative, die sich dem Erhalt und Wiederaufbau von Wäldern in den Tropen und Subtropen widmet. Die Initiatoren waren die deutsche Bundesregierung, die International Union for Conservation of Nature (IUCN) und die Global Partnership on Forest and Landscape Restoration (GPFLR). Sie kamen überein, dass bis zum Jahr 2020 etwa 150 Millionen Hektar aufgeforstet werden sollten.

Ein globales Waldaufforstungsprogramm würde 20 Jahre lang jährlich etwa 130 Milliarden Dollar kosten; zusätzlich müssten den Schwellen- und Entwicklungsländern für ihren Ertragsausfall bei den Regenwäldern jährlich etwa 50 Milliarden Dollar erstattet werden. Der deutsche Beitrag betrüge entsprechend dem prozentualen Anteil am Welt-BIP, jährlich um neun Milliarden Dollar.

Das hört sich nach viel Geld an, was sich aber relativiert, wenn man sieht, dass allein die Hurrikane in der Karibik im vergangenen Jahr Schäden in Höhe von 320 Milliarden Dollar verursacht haben. Wenn zur Begrenzung des Klimawandels nichts unternommen wird, werden sich die Kosten auf ein Vielfaches erhöhen. Eine Welt, in der Hungerkatastrophen durch Ernteausfälle und Bodenverluste zurückkehren, wird eine Welt der erzwungenen Migration und der Gewaltkonflikte sein.

Noch eine Bemerkung zum Schluss: Alle Überlegungen und Befunde, die ich in diesem Text angestellt habe, haben mit einem "Anthropozän" nichts zu tun. Diesem Konzept liegt ja die Folklore zugrunde, es sei "der Mensch", der mittlerweile zu einer geologischen Kraft geworden sei und das Erdsystem nachhaltig aus dem Takt bringe. Das haben aber die menschlichen Lebensformen, die ja bekanntlich historisch und kulturell sehr verschieden ausfielen, über Zehntausende Jahre der Existenz des Homo sapiens nicht getan.

Es ist erst der global verbreitete wachstumswirtschaftliche Kapitalismus, also eine historisch extrem junge Wirtschaftsform, der die gigantischen Zerstörungswirkungen entfaltet, die systemisch zu werden drohen. Flapsig könnte man sagen, es ist das "Knetozän", das unseren gegenwärtigen Weltzustand beschreibt, nicht das "Anthropozän", das die Schuld einem überhistorischen und transkulturellen Abstraktum "Mensch" zuschreibt und damit das Thema entpolitisiert.

In einer solchen Sicht gibt es nur eine Art kosmischen Verhängnisses, aber keine Verantwortlichen in Form etwa einer Autoindustrie, einer Hyperkonsumkultur, einer absurd ausufernden Mobilität und einer Digitalwirtschaft mit dynamisch wachsendem Energiebedarf. Man könnte in Paraphrase eines berühmten Satzes von Max Horkheimer auch sagen: Wer vom Klimawandel spricht, darf vom Kapitalismus nicht schweigen. Oder noch einfacher: Wer Anthropozän sagt, lügt.

Harald Welzer, geboren 1958, ist Soziologe und Sozialpsychologe. Er lehrt unter anderem an der Universität St. Gallen und an der Europa-Universität Flensburg. Er leitet außerdem die Stiftung Futurzwei, deren Mitgründer er ist. Zuletzt erschien von ihm "Wir sind die Mehrheit. Für eine Offene Gesellschaft" (Fischer).

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