Nachruf auf Gert Voss Als Piefke am Wiener Burgtheater unter allem Niveau bekämpft

Unter Luc Bondys Regie zeigte er am Wiener Burgtheater des alten König Lears Reise in den Wahn. Er spielte "König Ich", mit einem Vogelnest als Perücke, dem nichts als Verlassenheit und Schmerz blieb, halb nackt war er nun unter seinem ehemaligen Königsmantel. Andererseits führte er uns in Schillers "Wallenstein" lässig in die Hinterzimmer der Macht, ein cooler Typ der souverän mit seiner Position spielte.

Es geht viel verloren mit den großen Alten des Theaters. Denn: Voss konnte auch noch richtig sprechen. Er verfügte auch über die alte Sprechkultur, die im heutigen Ad Spectatores verloren geht. Und doch wurde er, als er damals mit Claus Peymann an das Wiener Burgtheater kam und man in Österreichs Hauptstadt einen Überfall der Piefkes befürchtete, unter allem Niveau bekämpft.

Claus Peymann war ein beliebtes Hassobjekt, und auch Voss bekam "die Scheiße im Schachterl". Man schickte ihm tatsächlich Exkremente, nett verpackt. Seine Zweifel an Wien, wo man selbst in der Umarmung untergeht, kamen in den letzten Jahren wieder auf, weshalb er sich für Auftritte in Berlin entschied, einer Stadt, in der er eine gewisse Intelligenz vermutete, obwohl er da auch in Österreich längst ein Star war.

Er reiste weiter durch sein einfach kompliziertes Leben, ein Mann der alten Schule, dem Lärm der Neutöner weit überlegen, obwohl er nie ein Gestriger war und nicht umsonst am Ende von Bernhards Stück, in dessen Titel er vorkam, die Gemälde der Ahnen mit den Gesichtern zur Wand drehte. Voss war nicht nur ein Klassiker- Interpret, sondern brachte auch die Zeitgenossen zu Ansehen, spielte etwa in Stücken von George Tabori, Peter Handke oder Peter Turrini.

Es bleiben seine Bettler und Könige

Er war eben ein großer Theaterkönig, auch mit einer Neigung zum Kino, der schon als Junge auf seiner langen Überfahrt auf einem US-Truppentransporter bis nach Bremerhaven mit den Matrosen Filme schaute. Und so war er auch in Filmen zu sehen wie "Hohn der Angst", "Radetzkymarsch" und "Balzac".

Es gehört zur Natur von Nachrufen, dass sie schnell verhallen. Mit ihnen beginnt das sture Vergessen. Filme und Bücher bleiben verfügbar. Das Theater ist live und vergänglich. Die abgespielte Produktion, der geniale Auftritt, sind für immer dahin. So bleibt, was wirklich prägend war.

Dazu gehört bei Voss nicht, dass ihn 1995 die Times zum besten Schauspieler Europas kürte, oder Preise und Ehrenzeichen. Es bleiben seine Bettler und Könige, seine Clowns und Bürger auch deshalb im Gedächtnis, weil wir wohl immer Grund genug haben werden, uns an sie zu erinnern. Und mit ihnen an einen Titan der Schauspielkunst, der auf die Frage "Sie sollen wieder geboren werden. Wer oder was möchten Sie sein?" zu Recht antworten konnte: "Derselbe, der ich bin."

In Wien war er auch bereits zum Kammerschauspieler ernannt. Gert Voss hatte den Gertrud-Eysoldt-Ring erhalten, die begehrte Kainz-Medaille, den Fritz-Kortner-Preis, er war Träger des Bundesverdienstkreuzes I. Klasse, des Goldenen Ehrenzeichens der Stadt Wien und des Goldenen Verdienstzeichens der Stadt Salzburg. Er war auch der Jedermann bei den Salzburger Festspielen.

Wahrscheinlich hängt sein Porträt sowieso schon im Burgtheater-Foyer, und die Ansprachen werden alle Konflikte vergessen machen wollen. Alles, was ihm wohl hoffentlich erspart bleibt, ist das Ehrengrab am Zentralfriedhof.

Gert Voss starb am vergangenen Sonntag nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 72 Jahren in Wien.