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Musik: "Jewish Gangsters Greatest Hits":Kosher Nostra

Ohne sie würde Amerika noch immer von Scheitelfrisuren und Vorgarten-Idyllen beherrscht: Wie jüdische Gangster im frühen 20. Jahrhundert die Popmusik erfanden, davon zeugt nun ein Musik-Sampler.

Arthur Flegenheimer alias "Dutch" Shultz, Sohn deutsch-jüdischer Einwanderer, gehörte Anfang des 20. Jahrhunderts zu den gefürchteten Gangstern New Yorks. Während der Prohibition war es ihm gelungen, die Schwarzbrennereien und illegalen Alkohol-Schänken in Harlem und der Bronx unter seine Kontrolle zu bringen. Auch die schwarzen Lotteriebetreiber in Harlem kassierte er der Reihe nach ab: Meist genügte es, dass Shultz - ein unscheinbarer Typ mit schlechter Frisur und Kleidern von der Stange - seine Pistole auf den Tisch legte, um einen Spielbank-Unternehmer ins Angestelltenverhältnis zu zwingen. Half das nicht, ließ er seine Gunmen auch schon mal mit Knochenbruch und Blendung nachhelfen.

A study in nonchalance. Dutch Schultz lights a cigarette dur

Gangster und Musikliebhaber: Arthur Flegenheimer alias "Dutch" Shultz.

(Foto: NY Daily News via Getty Images)

"Dutch", schreibt der Historiker Ron Chepesiuk, "überrollte Harlem als sei es sein Ehrgeiz, die Nachbarschaft in eine Plantage des organisierten Verbrechens zu verwandeln."

Wenn es allerdings um Musik ging, befand sich der ruchlose Gangster ganz im Einklang mit der schwarzen Bevölkerung. Der Jazz-Liebhaber Shultz verhalf etwa Louis Armstrong 1924 zu dessen erstem Auftritt in New York, sein Nachtclub Connie's Inn spielte zusammen mit dem Cotton Club und dem Small's Paradise eine wichtige Rolle in den Karrieren von Jazzgrößen wie Count Basie, Cab Calloway oder Duke EllingtonMusiker und Gangster: Ihre Symbiose lieferte das Hip, ohne das Amerika noch immer von Scheitelfrisuren und Vorgarten-Idyllen beherrscht würde.

Die Namen der von der Unterwelt finanzierten Nachtclubs, Revue-Theater und Broadway-Tempel sind Teil des Weltkulturerbes. Dass auch eine Reihe jüdischer Gangster mitmischte, ist dagegen weniger bekannt. Lange stand die italienische Mafia im Vordergrund. Dabei spielten Männer wie Meyer Lansky, Benjamin "Bugsy" Siegel, "Dutch" Shultz, Louis "Lepke" Buchalter oder der als "Zar der Unterwelt" von Havanna bis New York agierende Arnold "The Brain" Rothstein in derselben Liga.

Erstmals dokumentierte 2003 die kontrovers diskutierte Ausstellung "Kosher Nostra - Jüdische Gangster in Amerika 1890-1980" des Künstlers und Kurators Oz Almog im Jüdischen Museum in Wien die Geschichte der jüdischen Unterwelt. Almogs Arbeit inspirierte nun einen Musik-Sampler, den der für seine Balkan-Electro-Fusion bekannte Frankfurter Produzent Stefan Hantel alias Shantel in fünfjähriger Recherche zusammengetragen hat. Knapp zwei Dutzend Popnummern zwischen Swing, jiddischem Jazz und Rock'n'Roll.

Wenn Oz Almogs Ausstellung die "Normalisierung" der amerikanischen Juden auch in punkto Kriminalität belegte, dann liefert "Kosher Nostra - Jewish Gangsters Greatest Hits" das popkulturelle Nebenprodukt dieser jüdischen Assimilation.

"Der Broadway", schreibt Hantel im CD-Booklet, "war das ideale kulturelle Milieu der Gangster. Und er war einer der raren Plätze außerhalb der Unterwelt, an denen man - auch wenn man einer ethnischen oder anderen Minderheit angehörte - es zu etwas bringen konnte." Gerade ihr Außenseitertum ermöglichte es den Unterwelt-Figuren, in ihren Clubs und Theatern etwas wirklich Neues zu erschaffen. Die Gossenmusik der Juden und Schwarzen aus dem Ghetto auf den Broadway zu holen. Und für die Massen anzurichten. Es war die Geburt des amerikanischen Pop.

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