Rapper El Général Generation Revolte

Der tunesische Rapper El Général hat mit "Rais Lebled" die Protesthymne der arabischen Jugendrevolution geschrieben. Ein Gespräch über Rap als Widerstandsinstrument und die Macht des Internets.

Interview: Jonathan Fischer

Die Unruhen in der arabischen und islamischen Welt sind eine Jugendrevolte. 60 Prozent der Menschen in den arabischen und islamischen Ländern von Marokko bis Iran sind unter 30 Jahre alt. Deswegen spielen Jugendkulturen wie die sozialen Netzwerke im Internet oder Popmusik und Hip-Hop auch eine entscheidende Rolle.

60 Prozent der Menschen in den arabischen Ländern sind unter 30 Jahre alt. Die Aufstände in der arabischen Welt sind eine Jugendrevolte.

(Foto: AP)

Die Unruhen werden aber keineswegs von einer gesichtslosen Bewegung angetrieben. Längst gibt es Schlüsselfiguren der Generation, wie den 30-jährigen ägyptischen Google-Projektleiter Wael Ghonim, den 30-jährigen ägyptischen Ingenieur und Facebook-Aktivisten Ahmed Maher oder den 22-jährigen Pharmaziestudenten Hamda Ben-Amor aus der tunesischen Hafenstadt Sfax, der als "El Général" die Protesthymne der arabischen Jugendrevolution geschrieben hat.

In dem Rap "Rais Lebled" (Der Chef meines Landes) fasst El Général Dinge in Worte, die Millionen nicht zu sagen wagten: "Herr Präsident, Ihr Volk stirbt". Worte, die später auch die Demonstranten in Ägypten, Algerien, Bahrain, Libyen und Marokko skandierten.

El Général ist der nun auch in Europa und den USA bekannteste Vertreter einer Subkultur, die sich längst in der gesamten arabischen Welt ausbreitet. Es sind keine subtilen Songs, die den Protest transportieren. Will man Vergleiche zur letzten Epoche finden, in der Pop politische Bedeutung hatte, dann ist El Général kein Bob Dylan, sondern eher ein Woody Guthrie, der mit schlichten Songs und direkten Texten arbeitet. Die in Nordafrika und der arabischen Welt eine umso stärkere Wirkung entfalten.

SZ: Wie erklären Sie sich die enorme Wirkung Ihres Songs "Rais Lebled"?

El Général: Ich habe offensichtlich zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Nerv getroffen: "Die Menschen essen aus Mülltonnen/ viele haben kein Dach über dem Kopf/ werden vom Unrecht erdrückt/ während sich diese Hundesöhne - Sie kennen sie, Herr Präsident - die Taschen vollstopfen...". Oder: "Die Polizisten müssen nichts fürchten, wenn sie ihre Schlagstöcke einsetzen/ weil niemand da ist, um nein zu sagen."

SZ: Wurden Sie durch amerikanische Rapper mit politischen Botschaften wie etwa "Public Enemy" beeinflusst?

El Général: Ich spreche kein Englisch. Deshalb habe ich deren Texte nie verstanden. Aber ich habe das Feeling mitbekommen, die Wut, die sie ausdrücken.

SZ: War Ihnen bewusst, was Sie riskierten, als Sie diesen Protest-Rap ins Netz stellten? Als Ihr Song auf Facebook zum Hit reüssierte, wurden Sie am 24. Dezember immerhin verhaftet.

El Général: Hat Ihnen jemand den Song übersetzt? "Ich habe mich entschieden, über das Unrecht zu sprechen/ auch wenn mich viele gewarnt haben/ und ich weiß, dass Schläge auf mich warten". Ich war allerdings trotzdem überrascht, als eines Morgens 30 Beamte in Zivil in mein Haus in Sfax kamen, um mich barfuß und in Unterwäsche festzunehmen. Sie sagten mir nicht, wohin sie mich bringen würden. Und meine Familie rechnete mit dem Schlimmsten.

SZ: Was hatte Sie ursprünglich zu dem Song getrieben?

El Général: Ich war motiviert, weil es in dem Song nicht um mich geht, sondern weil ich für alle frustrierten Jugendlichen um mich herum sprach. Ich habe schon seit 2008 politische Raps geschrieben. Friedliche Nummern, die vor allem eine Untergrund-Gemeinde hörte.

SZ: Sie wurden nach drei Tagen wieder freigelassen. Hat man Ihnen mehr Respekt entgegengebracht als einem gewöhnlichen politischen Dissidenten?

El Général: Der Präsident selbst hatte angeordnet, dass ich nicht geschlagen und gefoltert werden durfte, um keine Märtyrerfigur zu schaffen. Er wusste, dass wir Rapper das Sprachrohr der tunesischen Jugend darstellen. Die Polizisten zwangen mich aber, eine Erklärung zu unterschreiben, keine politischen Texte mehr zu schreiben oder aufzuführen.

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