Musik für Kinder Wer Musik für Kinder macht, muss kein Lehrer sein und kein Pausenclown

Von dieser Ambivalenz leben auch Deine Freunde. Sie lassen die Lebenswelten von Kindern und Erwachsenen bewusst aufeinanderprallen. Es gibt ein Stück, das zuerst sehr hektisch ist und sich dann plötzlich brutal verlangsamt. Die Bewegungen frieren ein, die Band bewegt sich in Zeitlupe, alles wird zäh: Das Lied handelt davon, wie Kinder sich anziehen. In dem Lied "Schatz" wiederum will ein Kind ganz dringend etwas sagen. Doch sein aufgeregter Redefluss wird vom Refrain gebremst: "Schatz, ich unterhalt mich grad." Dazu dudelt ein leicht spießiger Soulpop, das akustische Pendant zu Kirsch-Bananen-Saft. Eigentlich eine Gemeinheit, denn die Musik will hier wohl sagen: Das ist der Sound der Eltern. Die Vermischung der Welten bringt es mit sich, dass Pop für Kinder auch für etablierte Musiker interessanter wird - weil sie dort Freiheiten und Möglichkeiten entdecken.

Wie Peter Plate und Ulf Leo Sommer, die 2013 den Auftrag annahmen, ein paar Songs für einen deutschen Independentfilm mit dem für sie seltsamen Titel "Bibi & Tina" zu schreiben. Zum Ponyhof fanden die beiden Berliner nicht sofort den Zugang, wie sie zugeben. Dafür aber zur Zielgruppe: "Kinder sind unheimlich gute Hook-Erkenner", sagt Sommer. Soll heißen: Sie verstehen die universelle Sprache des Pop, merken sofort, wenn ein Refrain (die "Hookline" des Lieds) ins Ohr geht. Plate, der gerade die sehr erfolgreiche Band Rosenstolz auf Eis gelegt hatte und sich in einer Art Sinnkrise wiederfand, beschreibt es als Glücksfall. "Es war ein Freischwimmen", sagt er. Weil sie in die Musik der Filme alles hineinpacken konnten, was ihnen selbst gefiel: Pop mit schimmernden Oberflächen, Refrains mit hohem Wiedererkennungswert ("Wir sind Abba-Fans", sagt Plate), großes Sentiment, aber auch mal ein Rap-Experiment. Eins von vier "Bibi & Tina"-Soundtrack-Alben landete sogar auf Platz eins der deutschen Albumcharts.

Festivals wie das "Lollapalooza" in Berlin werben mit Bühnen für Kindermusik

Wer Musik für Kinder macht, muss also kein Lehrer mehr sein und kein Pausenclown. Und dass die Eltern gezielt mit angesprochen werden, ist aus Sicht der Macher nur logisch: Denn die Eltern sind diejenigen, die die Tickets und die Musik kaufen. Verdeutlicht wird das durch Alben wie das 2015 erschienene "Unter meinem Bett". Die CD steht heute bei vielen Familien im Regal. Songschreiber mit eher erwachsenen Fans machen darauf Kindermusik: Die Auswahl - mit dabei sind unter anderem PeterLicht, Jan Plewka, Olli Schulz - richtet sich spezifisch an ein Publikum, das noch Musik kauft. Liest man die Rezensionen auf Amazon, hat man den Eindruck, dass das Album Leben retten kann. Insgesamt 40 000-mal verkauften sich Teil eins und Teil zwei. Der dritte ist gerade erschienen. Natürlich tragen die Alben auch einer Marktentwicklung Rechnung.

Während Jugendliche Musik nur noch streamen, sind ältere Hörer, Eltern etwa, noch dazu bereit, CDs zu kaufen. Noch dazu ist die Zielgruppenüberschneidung für die Künstler attraktiv: Der Berliner Musiker Francesco Wilking, selbst dreifacher Vater, stellte fest, dass die Kindersongs, die er zu "Unter meinem Bett" beigetragen hatte, nun auch bei den Konzerten seiner Erwachsenenband Die Höchste Eisenbahn vom Publikum gefordert werden. Wilking könnte sich vorstellen, dass Musik für Kinder sich noch viel stärker ausdifferenziert. "Im Moment gibt es nur ein Regal. Warum nicht zehn Regale mit vielen Genres, genau wie für die Erwachsenen?"

Nicht nur musikalisch, auch räumlich bricht Kindermusik gerade aus einer Zwangsjacke aus. Sie verlässt das Getto der Stadtteilfeste, Rewe-Familientage und Hüpfburgen. Sie traut sich in die Clubs, wie beim "Milchsalon", den es in Berlin schon seit acht Jahren gibt - und der jetzt auch in anderen Städten gastiert. Die Konzertbookerin Patricia Parisi fragte sich, warum sie mit ihren Kindern immer wieder Orte aufsuchen musste, an denen jeder Erwachsene sofort den unwiderstehlichen Drang verspürt, sich mit Alkohol zu betäuben. Der Milchsalon war ihre "egoistische" Lösung: "Es war eine Win-win-Situation", erinnert sich Patricia Parisi. "Konzerte für Kinder in einer Location für Erwachsene - meine Kinder fanden das großartig. Sie durften an einen Ort, der ihnen sonst verschlossen war. Und Erwachsene mochten die clubbige Atmosphäre."

Und die Entwicklung geht noch viel weiter: Festivals wie das "Lollapalooza" in Berlin oder das "A Summer's Tale" bei Lüneburg werben mit Bühnen für Kindermusik. Sie spiegeln damit auch eine veränderte Realität wider: Für Erwachsene gibt es zunehmend mehr Festivals, die mit Natur und angenehmer Atmosphäre locken statt mit Lärm und Dosenbier. Dorthin kann man Kinder ohnehin problemlos mitnehmen. Manchmal hören Kinder und Eltern dort auch die gleichen Bands, zum Beispiel Sportfreunde Stiller, wo die vordersten Reihen inzwischen ähnlich besetzt sind wie im Tobekessel von Deine Freunde.

Man kann diese Entwicklung kritisieren und sagen: Eltern leben mit gemeinsamen Konzertbesuchen nur ihren Kontrollzwang auf etwas nettere Art aus. Sie wollen Kinder geschmacklich früh auf ihre Seite ziehen, sich kleine Ebenbilder schaffen. Man kann es aber auch anders beschreiben. Francesco Wilking sieht darin eine Aufhebung künstlicher Grenzen: "Wir hatten jahrelang diese alberne Trennung: für die Kinder den musikalischen Sandkasten und für die Erwachsenen emotional komplizierte Songs über Todessehnsucht." Es ist also kein Wunder, wenn Erwachsene inzwischen ganz gern Kindermusik (mit)hören. Die Kinder können damit leben. Und die Zeit, in der sie sich geschmacklich abgrenzen, kommt ja erst noch: die Pubertät.

Süddeutsche Zeitung Familie
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Dieser Text stammt aus Süddeutsche Zeitung Familie. Das 2in1-Magazin für Eltern und Kinder - jetzt hier bestellen.