Musik für Kinder:Wie Kindermusik die Welt der Erwachsenen erobert

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Bibi & Tina 4

Eins von vier "Bibi & Tina"-Soundtrack-Alben landete sogar auf Platz eins der deutschen Albumcharts.

(Foto: Andreas Schlieter; Andreas Schlieter/DCM)

Musik für Kinder war lange Zeit die dunkelste Ecke des Popuniversums. Nun macht sie sogar Eltern Spaß. Gut so?

Von Marc Deckert

Jede Band träumt von so einem Publikum: Ein großer Teil der 1800 Menschen im Saal hat sich verausgabt bis zur Erschöpfung. Nahe der Bühne toben ein paar Hundert in einem dichten Pulk: Es wird gerannt, Körper stoßen aneinander, einige sitzen mitten im Getümmel, halten sich müde an den Händen, nehmen eine Auszeit. Es drängt sich die Frage auf: Was wird hier erst passieren, wenn die Band anfängt? In einer halben Stunde wird die Hip-Hop-Band Deine Freunde auf der Bühne stehen. Ihre Lieder handeln vom Aufessen-Müssen ("Nachtisch"), von Eltern, die nicht zuhören ("Schatz") und von langen Nachmittagen, die mit dem Aufschieben des Unvermeidlichen vorübergehen ("Hausaufgaben").

Kinder mögen die Band nicht nur, sie verehren sie, ähnlich wie Einhörner oder Ninjago-Fantasie-Figuren: kaum ein Kind im Saal, das nicht das T-Shirt mit den Comic-Konterfeis der drei Musiker trägt. Die druckvollen Bässe, die lauten Beats wirken für jemanden, der gerade sein allererstes Konzert erlebt, geradezu überwältigend. Doch das ist nicht unbedingt das, was die Band ausmacht: Viele der Stücke ziehen einen speziellen Humor aus der genauen Beobachtung der Welt von Familien. Beispieldialog aus einem Song: "Wie war's in den Ferien?" - "Gut." - "Was hast du da erlebt?" - "Viel." - "Wie war's mit den anderen?" - "Gut." - "Und was habt ihr so gemacht?" - "Gespielt." Wenn die Band das Stück "Erzähl mal" live spielt, müssen gerade die Eltern lachen. "Wir hören oft, wie toll es ist, dass wir diese Marktlücke entdeckt haben", sagt der Deine-Freunde-Rapper Florian Sump dazu. "Dabei haben wir gar keine Lücke gesucht. Wir haben erst mal gemacht."

Neue Kindermusik. Neben den erwartbaren Hüpf- und Bewegungsliedern, Mathe-CDs mit Techno-Beats und Disney-Soundtracks stehen in den Ladenregalen inzwischen auch Alben, die "Neue deutsche Kindermusik" oder "Coole Kinderlieder" heißen. Neben Deine Freunde stößt man auf Bummelkasten oder Die Gäng, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen. Kindermusik mit Humor und zeitgemäßem Klang - was es ja in anderer Gestalt auch früher schon einmal gab: etwa in den 70er-Jahren, als Fredrik Vahle mit Liedern wie "Cowboy Jim aus Texas" das pädagogische Establishment ärgerte. Deine Freunde sind mit dem deutschen Kindermusikpaten Rolf Zuckowski verbündet, dem sie 2012 ihr erstes Demo schickten und der für sie sofort ein eigenes Musiklabel gründete. Was aber neu ist, das sagen sie selbst, seien die Orte und die Umstände ihres Schaffens. Kindermusik klingt jetzt groß und laut, sie erobert die Clubs und Hallen der Erwachsenen. Lukas Nimscheck, Sänger von Deine Freunde, formuliert es so: "Die Kinder sollen denken: 'Boa, ich bin hier auf einem richtigen Konzert.'"

In der Popgeschichte waren Altersgrenzen immer schon durchlässig

Im Sommer 2017 spielten sie vier eigene Open-Air-Konzerte vor rund 30 000 Zuschauern. Sie reisen in einem bequemen "Nightliner"-Bus wie Rockstars - eine auch für sie neue Erfahrung ("Wenn du uns vor einem Jahr besucht hättest, hätte das hier anders ausgesehen", sagt Florian Sump). Bei den Deine-Freunde-Konzerten gibt es einen Saalbereich vor der Bühne, der für die Kinder reserviert ist. Kann man Sechsjährige nur mit einem Armbändchen mit Handynummer in diesen tobenden Kessel lassen? Anfangs gibt es bange Kontrollblicke der Eltern. Aber wenn das Konzert angefangen hat, trinken die Eltern ihr Becherbier und wippen selbst glücklich zum 90er-Jahre-Rave-Sound von "Hausaufgaben" mit.

Sich mit den Kindern verschwören. Und das auch noch so, dass die Eltern dabei lachen müssen. In der gegenwärtigen Kindermusiklandschaft zwischen Kika-Singalarm und pädagogischer Vollwertkost ist das noch ziemlich ungewöhnlich. Aber es fühlt sich nicht unnatürlich an. Eher wohltuend. Man denkt an angenehme Erlebnisse mit den Pixar- oder Minions-Filmen. Oder an Klassiker des Familien-Entertainments wie die "Muppet Show". Auch diese bot ja immer beides: Slapstickhumor für die Kinder - wenn Gonzos Trompete explodierte -, aber auch jede Menge Lacher für die Erwachsenen - wenn die oft sehr berühmten Stargäste von den Puppen vorgeführt wurden. Man kann natürlich fragen, was Kinder davon haben, wenn die Eltern sich heimlich von ihnen CDs ausleihen. Aber vielleicht müsste man zuerst fragen, ob es wirklich ein Naturgesetz ist, dass Kinder und Erwachsene getrennte CD-Regale haben (oder wo auch immer man Musik heute ablegt).

In der Popgeschichte waren Altersgrenzen immer schon durchlässig. Einige der erfolgreichsten Bands aller Zeiten - die Beatles, Queen - hatten in ihrer Musik ein Element, das Kinder sofort und instinktiv begreifen und lieben. Zugleich sind diese Bands in ihrem Wesen ambivalent: Denn sie sind nicht für Kinder da. Viele der Botschaften sind nur für Erwachsene zu entziffern, einige sind sogar nicht jugendfrei. Und die Erfahrung zeigt: Genau diese Ambivalenz ist etwas, was Kinder interessiert. Wo es ein Geheimnis gibt, werden sie neugierig. Viele Eltern kennen das: Wenn ein Kind mal sechs, sieben Jahre alt ist, entziffert es lieber rätselhafte englische Songtexte, als Kindergartenlieder zu hören. Kindermusik lebt also immer mit einem Paradox: Je eindeutiger sie sich nur an Kinder richtet, desto weniger interessant ist sie für die Zielgruppe. Denn die will ja gerade beweisen, dass sie schon groß ist.

Wer Musik für Kinder macht, muss kein Lehrer sein und kein Pausenclown

Von dieser Ambivalenz leben auch Deine Freunde. Sie lassen die Lebenswelten von Kindern und Erwachsenen bewusst aufeinanderprallen. Es gibt ein Stück, das zuerst sehr hektisch ist und sich dann plötzlich brutal verlangsamt. Die Bewegungen frieren ein, die Band bewegt sich in Zeitlupe, alles wird zäh: Das Lied handelt davon, wie Kinder sich anziehen. In dem Lied "Schatz" wiederum will ein Kind ganz dringend etwas sagen. Doch sein aufgeregter Redefluss wird vom Refrain gebremst: "Schatz, ich unterhalt mich grad." Dazu dudelt ein leicht spießiger Soulpop, das akustische Pendant zu Kirsch-Bananen-Saft. Eigentlich eine Gemeinheit, denn die Musik will hier wohl sagen: Das ist der Sound der Eltern. Die Vermischung der Welten bringt es mit sich, dass Pop für Kinder auch für etablierte Musiker interessanter wird - weil sie dort Freiheiten und Möglichkeiten entdecken.

Wie Peter Plate und Ulf Leo Sommer, die 2013 den Auftrag annahmen, ein paar Songs für einen deutschen Independentfilm mit dem für sie seltsamen Titel "Bibi & Tina" zu schreiben. Zum Ponyhof fanden die beiden Berliner nicht sofort den Zugang, wie sie zugeben. Dafür aber zur Zielgruppe: "Kinder sind unheimlich gute Hook-Erkenner", sagt Sommer. Soll heißen: Sie verstehen die universelle Sprache des Pop, merken sofort, wenn ein Refrain (die "Hookline" des Lieds) ins Ohr geht. Plate, der gerade die sehr erfolgreiche Band Rosenstolz auf Eis gelegt hatte und sich in einer Art Sinnkrise wiederfand, beschreibt es als Glücksfall. "Es war ein Freischwimmen", sagt er. Weil sie in die Musik der Filme alles hineinpacken konnten, was ihnen selbst gefiel: Pop mit schimmernden Oberflächen, Refrains mit hohem Wiedererkennungswert ("Wir sind Abba-Fans", sagt Plate), großes Sentiment, aber auch mal ein Rap-Experiment. Eins von vier "Bibi & Tina"-Soundtrack-Alben landete sogar auf Platz eins der deutschen Albumcharts.

Festivals wie das "Lollapalooza" in Berlin werben mit Bühnen für Kindermusik

Wer Musik für Kinder macht, muss also kein Lehrer mehr sein und kein Pausenclown. Und dass die Eltern gezielt mit angesprochen werden, ist aus Sicht der Macher nur logisch: Denn die Eltern sind diejenigen, die die Tickets und die Musik kaufen. Verdeutlicht wird das durch Alben wie das 2015 erschienene "Unter meinem Bett". Die CD steht heute bei vielen Familien im Regal. Songschreiber mit eher erwachsenen Fans machen darauf Kindermusik: Die Auswahl - mit dabei sind unter anderem PeterLicht, Jan Plewka, Olli Schulz - richtet sich spezifisch an ein Publikum, das noch Musik kauft. Liest man die Rezensionen auf Amazon, hat man den Eindruck, dass das Album Leben retten kann. Insgesamt 40 000-mal verkauften sich Teil eins und Teil zwei. Der dritte ist gerade erschienen. Natürlich tragen die Alben auch einer Marktentwicklung Rechnung.

Während Jugendliche Musik nur noch streamen, sind ältere Hörer, Eltern etwa, noch dazu bereit, CDs zu kaufen. Noch dazu ist die Zielgruppenüberschneidung für die Künstler attraktiv: Der Berliner Musiker Francesco Wilking, selbst dreifacher Vater, stellte fest, dass die Kindersongs, die er zu "Unter meinem Bett" beigetragen hatte, nun auch bei den Konzerten seiner Erwachsenenband Die Höchste Eisenbahn vom Publikum gefordert werden. Wilking könnte sich vorstellen, dass Musik für Kinder sich noch viel stärker ausdifferenziert. "Im Moment gibt es nur ein Regal. Warum nicht zehn Regale mit vielen Genres, genau wie für die Erwachsenen?"

Nicht nur musikalisch, auch räumlich bricht Kindermusik gerade aus einer Zwangsjacke aus. Sie verlässt das Getto der Stadtteilfeste, Rewe-Familientage und Hüpfburgen. Sie traut sich in die Clubs, wie beim "Milchsalon", den es in Berlin schon seit acht Jahren gibt - und der jetzt auch in anderen Städten gastiert. Die Konzertbookerin Patricia Parisi fragte sich, warum sie mit ihren Kindern immer wieder Orte aufsuchen musste, an denen jeder Erwachsene sofort den unwiderstehlichen Drang verspürt, sich mit Alkohol zu betäuben. Der Milchsalon war ihre "egoistische" Lösung: "Es war eine Win-win-Situation", erinnert sich Patricia Parisi. "Konzerte für Kinder in einer Location für Erwachsene - meine Kinder fanden das großartig. Sie durften an einen Ort, der ihnen sonst verschlossen war. Und Erwachsene mochten die clubbige Atmosphäre."

Und die Entwicklung geht noch viel weiter: Festivals wie das "Lollapalooza" in Berlin oder das "A Summer's Tale" bei Lüneburg werben mit Bühnen für Kindermusik. Sie spiegeln damit auch eine veränderte Realität wider: Für Erwachsene gibt es zunehmend mehr Festivals, die mit Natur und angenehmer Atmosphäre locken statt mit Lärm und Dosenbier. Dorthin kann man Kinder ohnehin problemlos mitnehmen. Manchmal hören Kinder und Eltern dort auch die gleichen Bands, zum Beispiel Sportfreunde Stiller, wo die vordersten Reihen inzwischen ähnlich besetzt sind wie im Tobekessel von Deine Freunde.

Man kann diese Entwicklung kritisieren und sagen: Eltern leben mit gemeinsamen Konzertbesuchen nur ihren Kontrollzwang auf etwas nettere Art aus. Sie wollen Kinder geschmacklich früh auf ihre Seite ziehen, sich kleine Ebenbilder schaffen. Man kann es aber auch anders beschreiben. Francesco Wilking sieht darin eine Aufhebung künstlicher Grenzen: "Wir hatten jahrelang diese alberne Trennung: für die Kinder den musikalischen Sandkasten und für die Erwachsenen emotional komplizierte Songs über Todessehnsucht." Es ist also kein Wunder, wenn Erwachsene inzwischen ganz gern Kindermusik (mit)hören. Die Kinder können damit leben. Und die Zeit, in der sie sich geschmacklich abgrenzen, kommt ja erst noch: die Pubertät.

Süddeutsche Zeitung Familie
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Dieser Text stammt aus Süddeutsche Zeitung Familie. Das 2in1-Magazin für Eltern und Kinder - jetzt hier bestellen.

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