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Mozart-Oper "La Clemenza di Tito":Chance verspielt

Mozart La Clemenza di Tito München Tara Erraught Angela Brower

Insbesondere Tara Erraught als Sesto (rechts im Bild) kam in "La Clemenza di Tito" zu musikalischen Ehren.

(Foto: Wilfried Hösl)

In München feierte "La Clemenza di Tito" Premiere. Es geht um die immerwährende Frage der Legitimation von Macht. Aber leider tut sich Regisseur Jan Bosse mit Mozarts letzter Oper schwer.

Der Jubel am Ende wird wohl selbst die Sänger überrascht haben, insbesondere der englische Tenor Toby Spence in der Hauptrolle des Kaisers Tito Vespasiano. Er hatte sich offenbar eine Erkältung eingefangen, kämpfte immer wieder gehen rauhe Töne und brüchige Übergänge. Trotzdem zeigte er auch seinen geschmeidigen lyrischen Tenor, mitunter auch kraftvoll auftrumpfend.

Aber vielleicht beginnt hier schon das Missverständnis in der neuen Produktion von Wolfgang Amadeus Mozarts letzter Oper "La Clemenza di Tito" - die Großmut des Titus - an der Bayerischen Staatsoper , die am Montagabend Premiere feierte.

Denn so erwartbar die Handlung ablief, so wenig war sie inszeniert oder auch nur ansatzweise dramatisch in Szene gesetzt. Von diesem großen und keineswegs stereotypen Königsdrama wurde nur erzählt, in Teilen eigentlich nur behauptet - dargestellt oder gar nachgelebt wurde es nicht.

Regisseur Jan Bosse hatte offenbar keinen rechten Plan, was er mit diesem Stück anfangen sollte. Ein stilisiertes Amphitheater diente Solisten und Chor zum Treppensteigen, der auf halbe Höhe gefahrene Orchestergraben bot dessen Insassen die Möglichkeit, halb ins Bild zu rücken - die Soloklarinette durfte sogar ein bisschen mitspielen. Bedeutendster Effekt dieser Maßnahme: Das Orchester klang besser, präsenter, runder, heller - nicht hohl oder topfig, wie das aufgrund der Architektur manchmal der Fall ist.

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Besser, präsenter, runder klang die Musik im höher gefahrenen Orchestergraben.

(Foto: Wilfried Hösl)

Auch der neue Chefdirigent Kirill Petrenko schien keine packende Idee zu haben, wie man Mozarts späte und schon etwas entrückte Klangwelt in ein Drama verwandelt, das einen von Anfang an mitreißt. Das Orchester war bestens disponiert, Petrenko konnte über weite Strecken Piano und auch Pianissimo spielen lassen, vermittelte damit aber auch unterschwellig den Eindruck, dass er fürs Dramatische nicht zuständig sei.

Einige wenige Arien, besonders im zweiten Akt, gerieten bezaubernd anmutig, insbesondere Tara Erraught als Sesto kam da doch noch zu musikalischen Ehren, obwohl sie bis dahin eher als Fehlbesetzung durch das Stück geisterte. Es war nicht leicht, nachzuvollziehen, dass dieser Sesto der engste Vertraute des Kaisers Titus sein sollte, womöglich gar sein Geliebter. Am Ende singt Sesto: "Erinnere dich einen Augenblick unserer ersten Liebe!"

Vitellia, kraftvoll gesungen von Kristine Opolais, drängt Sesto, der unsterblich in sie verliebt ist, den Kaiser zu töten, der sie als Braut abgewiesen hat. Wie sie glaubt. Am Ende will er sie aber doch heiraten, nachdem er Sesto wegen des Mordkomplotts zum Tode verurteilt hat. Als Zuschauer wartet man dann eine geschlagene Stunde darauf, dass er von Titus begnadigt wird. Es kann gar nicht anders kommen, und es wäre die letzte Chance für den Regisseur gewesen, diesen Schluss einfach zu kippen und Sesto köpfen zu lassen. Vergeblich wartet man auf eine rettende Überraschung.

Ein bisschen rührend, aber arg hilflos

Was vielleicht noch, aufgrund der musikalischen Qualität, ein bisschen mitnimmt: Die Wandlung der Vitellia von der selbstsüchtigen Furie in ein beinahe empathiefähiges menschenähnliches Wesen. Sie singt ihre Schuld und Reue herzergreifend, wie im ersten Akt schon Sesto seine Zerrissenheit darsellt - und beide werden in dieser schweren Stunde von Mozart nicht im Stich gelassen: der Komponist schickt ihnen sein Lieblingsinstrument, die Soloklarinette steht ihnen bei. Dass der Regisseur dies so deutlich ausstellt und den Musiker auf die Bühne zieht, ist ein bisschen rührend und ein bisschen arg hilflos, was die Gesamtregie angeht.

Wenn man Mozarts letzte Oper, eine eigentlich schon aus der Mode gekommene Opera Seria mit langen und auch musikalisch langweiligen Rezitativen, uraufgeführt in Prag 1791, heute auf die Bühne bringt - bis in die Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde sie ja kaum noch gespielt und war auch danach nicht gerade ein Renner, dann müsste man sowohl musikalisch als auch inszenatorisch jene Chancen nutzen, die in dem durchaus modernen Intrigenstoff stecken. "Wir wollen sehen", sagt Titus, "ob die Bosheit der anderen länger währt oder meine Nachsicht".

Das ist nicht nur ein Kernthema der Humanismus, das ist ein immerwährendes Thema der Legitimation von Macht. Davon und von allem anderen war in München leider nichts zu sehen, und nur wenig zu hören. Die Regie kapitulierte regelmäßig, die Musik erstarb immer wieder in vornehmer Innerlichkeit. Dies immerhin auf hohem Niveau.

Am 15. Februar um 19 Uhr wird "La Clemenza di Tito" hier live und kostenlos übertragen.