"mother!" im Kino:Kein Muster des Spukhaus-Films bleibt ausgespart

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Zwischenfrage also an alle Frauen da draußen, die von dieser Figur schon in der Kurzbeschreibung schwer genervt sind: Sollte man einer starken und selbstbestimmten Schwester nicht zumindest mal so weit folgen, bis klar wird, was sie hier vielleicht sucht? Zwischenantwort: Ja doch, sollte man.

Das nächste Problem ist dann diese hochaufragende alte Villa. Sie ist riesig, sie steht einsam irgendwo mitten im Grünen, und sie ist für dieses Paar viel zu groß. Architektonisch gesehen besteht sie aus sehr viel weiß getünchtem Holz und einer Orgie an Achtecken, vom Oberlicht über den Grundriss bis hin zu Parkett und Paneelen.

Das ist so auffällig, dass man gleich mal die okkulte Bedeutung der Zahl Acht nachschlagen muss, und siehe da: Sie ist eine heilige Zahl, die für Erneuerung steht. Acht Menschen waren auf der Arche Noah, liest man weiter, und wie es der Teufel will, hat Darren Aronofsky die Geschichte Noahs und der Sintflut gerade erst in seinem letzten Film erzählt. Chaos und Wut. Völlige Vernichtung. Neuanfang. Langsam verdichten sich hier die Zeichen.

Außerdem scheint die Villa zu leben. Dunkles Pulsieren in den Wänden, ein zugemauerter Keller, der vielleicht Geheimnisse birgt, ein Loch im Parkett, das zur schwärenden, blutenden Wunde wird - kein Muster des Spukhaus-Films bleibt hier ausgespart. Vielleicht hat die Heldin Halluzinationen, vielleicht aber dient das Ganze auch nur zur Ablenkung von völlig anderen Strategien. Viel dringlicher stellt sich zum Beispiel die Frage, ob ein einziges Paar so viel Wohnraum für sich beanspruchen darf, fürs traute Basteln am heimischen Glück. Das wird dann mit großer psychologischer Gewalt verneint. Zwei Bewunderer des Mannes nisten sich ein, brillant gespielt von Ed Harris und Michelle Pfeifer, ein weiteres Paar. Der Dichter begrüßt das, die neue Offenheit soll ihm Inspiration bringen, seine Frau aber ahnt nichts Gutes und wird mit jeder Wendung brutal bestätigt. Die Eindringlinge werden immer frecher und übergriffiger, sie ziehen weitere Verrückte nach und bringen buchstäblich Mord und Totschlag ins Haus.

Wer bereit ist, sich berühren zu lassen, wird grausam bestraft

Aronofsky hat nun ein fast perverses Vergnügen daran, sich mit der Handkamera am Engelsgesicht seiner Hauptdarstellerin festzusaugen, während diese - immer noch barfuß - durch ihr vergewaltigtes Heim irrt und bei jedem Akt der Transgression, den sie erleben muss, noch eine Spur entsetzter schaut. Jennifer Lawrence spielt das bis nah an ihre völlige Auflösung - da haben sich auch, über die Kamera hinweg, zwei Extremisten gefunden.

Als Metapher für den Kampf zwischen Abschottung und Offenheit, Fremdenangst und Integrations-Phantasmen haut dieser Teil des Films ziemlich exakt auf das blaue Auge der Gegenwart, das ohnehin schon bedenklich zugeschwollen ist. Zunächst scheinen dabei die Jünger der Offenheit einen tollen Sieg davonzutragen - Terror und Turbulenzen ermöglichen Wut, Wut klärt die Fronten der Paarbeziehung, mit dem Streit kommt die Lust zurück und produziert nicht nur ein Baby, sondern gleich noch einen ganzen neuen Roman.

So weit, so schlicht, vulgärpsychologisch war auch Aronofskys Ballettoper "Black Swan" nicht viel komplexer gestrickt. Aber das ist noch keineswegs das Ende, denn jetzt gibt es einen großen Zeitsprung, neun Monate später. Das Baby muss jeden Moment kommen, der Roman ist schon erschienen. Offenbar bewegt er die Welt, er scheint ein wahres Manifest der Grenzenlosigkeit zu sein, eine Hymne auf die Libido des Teilens, denn nun sammeln sich Leser vor dem Haus, Anhänger, Jünger, die Aufnahme fordern, Teilhabe, Führung und Lenkung.

In dem Moment weiß man, dass Aronofsky noch eine halbe Stunde Filmzeit hat, dass er vor absolut nichts mehr zurückschrecken wird, dass irgendwann ein Feuersturm kommt und alle Terrorwarnsysteme auf Dunkelrot stehen. Ansonsten liegen seine Absichten noch tiefer im Dunkeln als zu Beginn des Films - und das ist, wie gesagt, ein herrliches und verstörendes Gefühl. Was immer man sich hier vorstellen mag - es bereitet nicht annähernd auf das vor, was dann kommt.

Sagen wir also nur so viel: Aronofskys Sicht auf Beziehungsglück, Mutterschaft, Dichterruhm, ja die Welt überhaupt könnte schließlich düsterer kaum sein - wer bereit ist, sich berühren zu lassen, wird grausam bestraft. Für "Mother!" aber gilt das paradoxerweise nicht. Der Film ist eine Zumutung, von der man im Nachhinein das Gefühl nicht loswird, sie könnte sich absolut gelohnt haben.

Mother!, USA 2017 - Regie & Buch: Darren Aronofsky. Kamera: Matthew Libatique. Mit Jennifer Lawrence, Javier Bardem. Paramount, 115 Minuten.

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