"Mogli" auf Netflix Mogli, umzingelt von Computerkreaturen

Der Panter Baghira wird in der Originalfassung von Christian Bale gesprochen, der Junge Mogli von Rohan Chand gespielt.

(Foto: Netflix)
  • Nach Disney hat nun auch Netflix eine Version des Dschungelbuchs veröffentlicht.
  • Die Netflix-Variante ist deutlich grimmiger und blutiger geworden als die von Disney.
  • Leider wird man bei dieser Verfilmung nie den Eindruck los, ein Computerprodukt zu sehen, das sich für real ausgibt, es aber eben nicht ist.
Von Jonas Lages

Vor ein paar Jahren lieferten sich die Hollywoodstudios Warner und Disney ein Wettrüsten. Beide planten eine Neuverfilmung des "Dschungelbuchs". Disney war schneller und Jon Favreaus "Jungle Book" vor zwei Jahren nicht nur kommerziell ein großer Erfolg, sondern auch technisch ein weiterer Beweis, dass man für realistisch anmutende Filme nur noch eine Blue Screen und sehr viele Computer braucht.

Bei Warner saß man wenig später auf einem fertigen Film, von dem man nicht genau wusste, was man mit ihm anstellen sollte - denn die Kinozuschauer waren erst mal gut bedient mit dem "Dschungelbuch". Also verkaufte das Studio seine Version an Netflix, wo er nun zu sehen ist. Der Streamingdienst avanciert langsam zum Waisenhaus für elternlose Filmprojekte.

Auf der Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal beteuerte der Regisseur Andy Serkis, dass sein Film deutlich näher an der literarischen Vorlage aus dem späten 19. Jahrhundert sei. Rudyard Kipling, Literaturnobelpreisträger und Verfechter des Imperialismus, schrieb zwei "Dschungelbücher" mit Kurzgeschichten. Es sind Fabeln, die in ihrem düster-poetischen Ton mehr an Joseph Conrad als an Disney denken lassen. Wenn Kiplings Held etwa in "Moglis Brüder" seine Fackel gegen die Wölfe erhebt, besteht kein Zweifel, dass sich hier ein Mensch mit prometheischen Mitteln die Natur zum Untertanen macht. Der Trickfilm aus den Sechzigern hatte also im Grunde nur Titel und Figurennamen mit der Vorlage gemein; auch das Remake kam ihr nicht sehr viel näher.

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Die Netflix-Variante ist nun tatsächlich deutlich grimmiger und blutiger als bei Disney geworden. Das Drehbuch übernimmt auch mehr Elemente aus Kiplings Erzählungen - der Bär Balu darf nun endlich Wolfslehrer sein -, reichert sie aber gleichwohl mit genauso vielen Neuerungen an, die wohl Spannung erzeugen sollen.

Der gemütliche Balu wirkt wie ein Pub-Besucher nach dem vierten Pint

Mogli ist nach wie vor der Menschenjunge, der von Wölfen großgezogen wird. Doch diesmal verlässt er frühzeitig den Dschungel. Er scheitert nämlich an einem Aufnahmeritus und der Tiger Shir Khan trachtet ihm mal wieder nach dem Leben. Doch auch bei den Menschen, die ihn zunächst im Käfig halten und dann zu domestizieren suchen, findet er keinen Platz. Mogli ist weder Wolf noch Mensch.

Der Film legt so den Fokus auf die Andersartigkeit seines Protagonisten und die Anfeindungen, denen er ausgesetzt ist. "Alles, was ich je wollte, war ein Wolf zu sein", sagt das Menschenkind, das seinen Wolfsbrüdern körperlich unterlegen ist und von feindseligen Wölfen als Freak bezeichnet wird. Weil diese Überdeutlichkeit noch nicht genug zu sein scheint, wird Mogli noch ein quietschender Albino-Wolf als Spiegel an die Seite gestellt. Doch leider kann der Film seinem Thema keine Tiefe abgewinnen und wirkt nach dem zehnten Dialog, der Moglis Anderssein ausbuchstabiert, doch arg redundant.

Das größte Problem ist jedoch gar kein erzählerisches, sondern ein technisches. "Mogli" ist ein sogenannter Live-Action-Film, aber abgesehen vom Protagonisten, seinem Dorf-Intermezzo und einer Handvoll Palmenwedel, sind die Filmwelt und ihre Bewohner komplett animiert. Und leider erkennt man das in jeder Einstellung. Man wird nie den Eindruck los, ein Computerprodukt zu sehen, das sich für real ausgibt, aber es eben nicht ist.

Und das kann bisweilen ziemlich unheimlich sein. Denn Stars wie Benedict Cumberbatch, Cate Blanchett, Christian Bale und auch Regisseur Andy Serkis selbst haben den Tieren neben ihren Stimmen noch ihre Mimik geliehen.

Andy Serkis hat mit diesem Motion-Capture-Verfahren bereits den Superaffen King Kong oder das Höhlenwesen Gollum in "Herr der Ringe" dargestellt. Doch ein Wolf, der aussieht wie ein zerzaustes Steifftier, das menschliche Emotionen millimetergenau im Gesicht führt, ist dann doch ein bisschen viel. Und wenn der von Christian Bale beseelte Panther Baghira über den Dschungel doziert, erwartet man jeden Moment, dass sich die Raubkatze das samtschwarze Fell über die Ohren zieht und Bruce Wayne erscheint - Bales große Rolle als Batman. So wird "Mogli" zum ungewollten Ausflug ins Uncanny Valley. Darunter versteht man, dass die Akzeptanz für menschenähnliche Gestalten plötzlich abnimmt, wenn diese dem Menschen zu sehr ähneln. Um genau diesen Effekt zu vermeiden, hatte Disney noch größtenteils auf das Motion-Capture-Verfahren verzichtet. Gute Entscheidung. Aber immerhin sorgt der Bär Balu, der mit seinem schwindendem Haaransatz und den vielen Sorgenfalten wie ein Pub-Besucher nach dem vierten Pint klingt, für ein wenig Erheiterung in dieser ansonsten doch recht trostlosen Veranstaltung.

Wieso aber kramt man heutzutage eigentlich eine Geschichte hervor, in der sich am Ende ein Mensch über die wilde Natur erhebt? Seit dem vorletzten Jahrhundert haben sich die Machtverhältnisse im Anthropozän ja doch ein wenig verschoben. Vielleicht ist Serkis' Variation aber gar keine rückwärtsgewandte Wiederbelebung der Naturunterwerfung. Mogli lebt ja längst nicht mehr im Dschungel - er wohnt in einem Wald aus Pixeln. Hier ist der Mensch umzingelt von Computerkreaturen und versucht sich in ihre Welt zu integrieren. Damit wird Moglis Identitätskrise im Grunde zur Dystopie. Der Film blickt nicht in die Vergangenheit. Er bebildert unserer Zukunftsängste: die Herrschaft der menschenähnlichen Maschinen. Unheimlich.

Mowgli, USA 2018 - Regie: Andy Serkis. Buch: Callie Kloves, nach der Vorlage von Rudyard Kipling. Kamera: Michael Seresin. Mit: Rohan Chand, Freida Pinto, Matthew Rhys. Netflix, 104 Minuten.

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