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Modefotografie:Webers Bilder hatten etwas Emanzipatives, Politisches

Es sind die bekannten Fragen: Wo ist Kunst vielleicht doch nur Kunst? Wo muss man sie vom wahren Leben womöglich trennen - beziehungsweise: vom imaginierten wahren Leben, denn man war ja nicht dabei. Dass Bruce Webers Bilder häufig nicht nur gute Fotografie sind, sondern Kunst - auch dann, wenn sie zu kommerziellen Zwecken entstehen -, daran besteht kein Zweifel. Bei Testino, der aus Peru stammt und berühmt dafür wurde, dass er 1997 das letzte Porträt von Lady Diana vor ihrem Tod fotografierte, erscheint die Bewertung schwieriger. Seine Fotos wirken oft etwas gefallsüchtig, bis zur totalen Künstlichkeit mit Photoshop bearbeitet. Das muss nicht bedeuten, dass sie keine Kunst sind, aber wer sie ansieht, denkt selten: So etwas habe ich noch nie gesehen. Bei Testino sehen die Models, Männer wie Frauen, noch ein bisschen praller und makelloser aus.

Wurde die amerikanische Gesellschaft prüder? Oder wurde Weber übergriffiger?

Bruce Weber hingegen hat in den Achtzigerjahren seine eigene, neue Ästhetik geprägt: nackte Athleten in Schwarzweiß, in ihre eigene Körperlichkeit verliebt, ganz ohne Scham. Nicht pornografisch, es gab keine Erektionen, keine Küsse. Stattdessen Muskeln, Schatten, gemeißelte Silhouetten. So etwas hatte man vielleicht bei Leni Riefenstahl gesehen, aber bei Weber verband es sich mit dem Körper- und Fitness-Bewusstsein der Achtziger und mit einer Andeutung von Sex. Webers Bilder hatten etwas Emanzipatives, Politisches. Man unterstellte den Fotos einen homoerotischen Blick oder schwules Verlangen, wurde dann aber doch von der Tatsache irritiert, dass Weber seit den Siebzigerjahren verheiratet war. Seine Frau ist die Filmproduzentin Nan Bush.

War diese Ehe ein altmodisches Arrangement zwischen einem verkappten Schwulen und seiner Alibi-Frau? Oder hatten Weber und Bush - was fortschrittlicher gewesen wäre - ihre eigene, ganz unkomplizierte Art gefunden, mit den Sensibilitäten des anderen umzugehen? Genau diese Offenheit, man könnte sagen: diese Unentschiedenheit machte Webers Fotos jedenfalls so stark.

Nur scheinen, wie Weber ja selbst zugibt, manche Models gar nicht so freiwillig mitgemacht zu haben, wie man es auf den Fotos zu erkennen glaubte. War die Nacktheit, die Weber für ganz unproblematisch hielt, für einige doch ein Problem? Wurde die Gesellschaft in den USA prüder? Oder wurde Weber übergriffiger? "Ich habe Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass das nichts mit Sex zu tun hatte. Es war ein Kunst-Ding", sagt Alex Geerman, der 2008 von Weber fotografiert wurde und auf Business Of Fashion über Webers "Atemübungen" spricht. Geerman stehen die anderen Models gegenüber, denen es sehr unangenehm war, für Weber nackt in ihre Chakras hinein zu atmen, und es anscheinend nicht wagten, Nein zu sagen, als er seine eigene Hand auf ihren Körper legte.

Die "Me Too"-Debatte hat die Modewelt erreicht. Aber helfen Verträge vor dem Foto-Shooting?

Was macht man mit all diesen Informationen? Alles absagen, nichts mehr anschauen? Die Schampuslaune vergessen, die 1990 aus Bruce Webers' Musikvideo für den Pophit "Being Boring" der Pet Shop Boys sprudelte? Seinen Dokumentarfilm "Let's Get Lost" über den Jazz-Trompeter Chet Baker, 1988 für einen Oscar nominiert, nie wieder zeigen? Seinen neuen Film "Nice Girls Don't Stay For Breakfast" über den Hollywood-Haudegen Robert Mitchum und dessen Zweitkarriere als sanfter Jazz-Crooner nicht auf Festivals einladen? Das wäre absurd. Aber es scheint gut möglich zu sein, dass es so weit kommt.

Die "Me Too"-Debatte begann vor einer Weile damit, dass sie die sexuelle Ausnutzung von Machtunterschieden anprangerte, zwischen Männern in hohen Positionen und Frauen, deren Karriere vom Wohlwollen dieser Männer abhängt. Diese Debatte kommt nun auch in der Mode an, und bei den Männern. Das ist gut.

Sicher kann man sich fragen, wieso männliche Models überrascht sind, wenn sie sich bei einem berühmten Akt-Fotografen ausziehen sollen. Man kann aber auch fragen, ob es unverantwortlich von einer Modelagentur war, diese Männer zu diesem Fotografen zu schicken. Aus dem Text in der New York Times geht hervor, dass hinter den Kulissen der Industrie schon seit Jahren getuschelt wurde, und ja, dass manche Agenten anscheinend nach dem Motto handelten: Da musst du durch.

Zu begrüßen ist es deshalb, dass in der Modeindustrie nun die Rufe nach einer Model-Gewerkschaft lauter werden. Sie könnte Regeln festlegen, was Fotografen dürfen und was nicht, was Agenturen leisten müssen. Vor allem könnte sie Models ermutigen, selbstbewusster Grenzen zu ziehen, und sie könnte sie in Streitfällen vertreten.

Allerdings kann man sich nur mit einiger Mühe vorstellen, wie praktikabel die geforderten Nacktheitsverträge sein sollen. Wenn Nacktheit nichts Beiläufiges oder Situatives mehr hat, sondern vor einem Shoot schon unterschrieben sein muss. Der Traum vom befreiten Körper, den Bruce Weber und Mario Testino in ihren Bildern träumten, er scheint ausgeträumt zu sein. Sollten dadurch weniger Models in übergriffige Situationen kommen, ist das gut. Nur: Wird sich ein Model, das sich für einen Test-Shoot ausgezogen hat, nachdem es vorher schriftlich zugestimmt hat, nicht noch komischer fühlen, wenn es den großen Auftrag danach - aus welchem Grund auch immer - trotzdem nicht bekommt? Dann wäre die Verletztheit eine andere, und es gäbe darüber wenigstens einen Vertrag. Na ja.

© SZ vom 18.01.2018/khil
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