Mit Carl Carlton auf der Bühne Hinter jedem Ton ein ganzes Leben

Ein piratenhafter Archetyp des Rockgitarristen: Carl Carlton.

(Foto: Thomas Rabsch)

Sollte man sich als Amateurmusiker mit einem Profi wie Carl Carlton auf die Bühne wagen? Auf jeden Fall.

Von Andrian Kreye

Das Konzert mit jenen vier Minuten, die für Freunde nun unter dem Titel "Damals, als du . . ." laufen, findet im Freiheiz statt, einer Konzerthalle nicht weit vom Münchner Hauptbahnhof gelegen. Sie ist nicht so groß, wie sie von der Bühne aus durch das Gleißen der Scheinwerferbatterien wirkt, wenn man nur die Menschen in den beiden vorderen Reihen sieht und dahinter eine rhythmisch wogende Menge.

Der Gitarrist Carl Carlton macht an diesem Abend mit seiner "Spirit of Woodstock"-Tour hier halt, ein Mann, der mit seinen 1,98 ostfriesischen Metern einen piratenhaften Archetyp des Rockgitarristen verkörpert, der das Rebellentum von Woodstock mit einem Ruck aus dem Handgelenk schleudern kann.

Es ist ein mächtiger Geist, den er beschwört. In Amerika haben sie eine ganze Generation danach benannt. Aber nach der Kleine-Welt-Theorie verkürzt sich die Trennungskette von Carl Carlton zu den Urmythen des Rock von den üblichen sechs auf ein bis zwei Glieder. Wenn Carlton zum Beispiel Stücke von Leuten wie The Band, Van Morrison und Little Feat spielt, war er mit denen irgendwann auch auf der Bühne oder im Studio.

Über Carlton ist die Distanz zwischen Bühnenrand und Dylan auf zwei Schritte verkürzt

Unser Plan: Als Journalist und Amateurmusiker für ein Stück die Rockstar-Perspektive an der Seite von Carl Carlton einzunehmen, der im Stammbaum der Popkultur zum Wurzelwerk gehört, obwohl er dafür ein bisschen jung ist. Aber die Firma Duesenberg hat schon eine E-Gitarre nach ihm benannt, was unter Musikern so viel bedeutet wie einst das Reiterstandbild für aufstrebende Fürsten.

Die Rechnung, die man mal aufmachen kann: Über Carlton ist die Distanz zwischen Bühnenrand und Bob Dylan nun auf zwei Schritte verkürzt. Weil er mit Levon Helm gearbeitet hat, dem Schlagzeuger, der in der Band spielte, die erst Dylan durch die Elektrifizierung begleitete, dann mit ihm nach Woodstock zog, wo sie sich größenwahnsinnig The Band nannte, und dann zehn Jahre lang Platten aufnahm, die die amerikanische Rockgeschichte für immer veränderten.

Rockmusik als die ultimative Demokratisierung der kulturellen Produktionsmittel

Als würde man vom Pony auf einen Rodeobullen umsteigen: Autor Kreye (am Saxophon) auf der Bühne mit Carl Carlton.

(Foto: Laura Besch)

Auf den kühnen Plan an einem Münchner Tresen folgten Carltons "Lights Out In Wonderland"-CD in der Post (zum Üben), Mails mit viel zu flehentlichem Unterton - das Tenorsaxofon taugt ja eigentlich nicht für die Rockmusik mit ihren Powerchords in E und A, aber Gitarristen lassen so etwas nicht gelten, man trifft sich dann eben beim Blues in G. Und, klar, eine Uhrzeit.

Es stellt sich dann noch die Frage, ob man sich als Amateur mit Männern auf die Bühne stellen sollte, die mit einem stählernen Flaschenhals auf dem Griffbrett die Jagdgründe der Catskill Mountains und Sümpfe von Louisiana heraufbeschwören können, oder die es gewohnt sind, mit ein paar Orgelakkorden die Stimmung von Zehntausenden aufwallen zu lassen beziehungsweise mit der Basstrommel besagtes Wogen von Menschenmengen zwei Stunden lang nicht abreißen zu lassen.

Da muss schon auch noch die andere Gleichung aufgehen, nach der Rockmusik die ultimative Demokratisierung der kulturellen Produktionsmittel ist. Auch wenn es dann gar kein Blues in G ist und die Erkenntnisse dieses Abends sowieso andere sind. Zum Beispiel, dass es im Leben keine Abkürzungen gibt. Zumindest nicht vom Münchner Hauptbahnhof zu Dylan.