Süddeutsche Zeitung

Mit Carl Carlton auf der Bühne:Hinter jedem Ton ein ganzes Leben

Sollte man sich als Amateurmusiker mit einem Profi wie Carl Carlton auf die Bühne wagen? Auf jeden Fall.

Von Andrian Kreye

Das Konzert mit jenen vier Minuten, die für Freunde nun unter dem Titel "Damals, als du . . ." laufen, findet im Freiheiz statt, einer Konzerthalle nicht weit vom Münchner Hauptbahnhof gelegen. Sie ist nicht so groß, wie sie von der Bühne aus durch das Gleißen der Scheinwerferbatterien wirkt, wenn man nur die Menschen in den beiden vorderen Reihen sieht und dahinter eine rhythmisch wogende Menge.

Der Gitarrist Carl Carlton macht an diesem Abend mit seiner "Spirit of Woodstock"-Tour hier halt, ein Mann, der mit seinen 1,98 ostfriesischen Metern einen piratenhaften Archetyp des Rockgitarristen verkörpert, der das Rebellentum von Woodstock mit einem Ruck aus dem Handgelenk schleudern kann.

Es ist ein mächtiger Geist, den er beschwört. In Amerika haben sie eine ganze Generation danach benannt. Aber nach der Kleine-Welt-Theorie verkürzt sich die Trennungskette von Carl Carlton zu den Urmythen des Rock von den üblichen sechs auf ein bis zwei Glieder. Wenn Carlton zum Beispiel Stücke von Leuten wie The Band, Van Morrison und Little Feat spielt, war er mit denen irgendwann auch auf der Bühne oder im Studio.

Über Carlton ist die Distanz zwischen Bühnenrand und Dylan auf zwei Schritte verkürzt

Unser Plan: Als Journalist und Amateurmusiker für ein Stück die Rockstar-Perspektive an der Seite von Carl Carlton einzunehmen, der im Stammbaum der Popkultur zum Wurzelwerk gehört, obwohl er dafür ein bisschen jung ist. Aber die Firma Duesenberg hat schon eine E-Gitarre nach ihm benannt, was unter Musikern so viel bedeutet wie einst das Reiterstandbild für aufstrebende Fürsten.

Die Rechnung, die man mal aufmachen kann: Über Carlton ist die Distanz zwischen Bühnenrand und Bob Dylan nun auf zwei Schritte verkürzt. Weil er mit Levon Helm gearbeitet hat, dem Schlagzeuger, der in der Band spielte, die erst Dylan durch die Elektrifizierung begleitete, dann mit ihm nach Woodstock zog, wo sie sich größenwahnsinnig The Band nannte, und dann zehn Jahre lang Platten aufnahm, die die amerikanische Rockgeschichte für immer veränderten.

Rockmusik als die ultimative Demokratisierung der kulturellen Produktionsmittel

Auf den kühnen Plan an einem Münchner Tresen folgten Carltons "Lights Out In Wonderland"-CD in der Post (zum Üben), Mails mit viel zu flehentlichem Unterton - das Tenorsaxofon taugt ja eigentlich nicht für die Rockmusik mit ihren Powerchords in E und A, aber Gitarristen lassen so etwas nicht gelten, man trifft sich dann eben beim Blues in G. Und, klar, eine Uhrzeit.

Es stellt sich dann noch die Frage, ob man sich als Amateur mit Männern auf die Bühne stellen sollte, die mit einem stählernen Flaschenhals auf dem Griffbrett die Jagdgründe der Catskill Mountains und Sümpfe von Louisiana heraufbeschwören können, oder die es gewohnt sind, mit ein paar Orgelakkorden die Stimmung von Zehntausenden aufwallen zu lassen beziehungsweise mit der Basstrommel besagtes Wogen von Menschenmengen zwei Stunden lang nicht abreißen zu lassen.

Da muss schon auch noch die andere Gleichung aufgehen, nach der Rockmusik die ultimative Demokratisierung der kulturellen Produktionsmittel ist. Auch wenn es dann gar kein Blues in G ist und die Erkenntnisse dieses Abends sowieso andere sind. Zum Beispiel, dass es im Leben keine Abkürzungen gibt. Zumindest nicht vom Münchner Hauptbahnhof zu Dylan.

"Das war wie der erste Sex."

Carltons Weg vom ostfriesischen Bauernhof der Kindheit zu den Aufnahmen mit Levon Helm in der Woodstocker Scheune war im Rückblick vielleicht zwangsläufig, aber weder geradlinig noch klar. Carlton gehört gerade noch zu jener Generation, die mit der Rockmusik Erweckungserlebnisse verbinden konnten.

Bei Menschen, die heute fünfzig und jünger sind, gab es die nicht mehr, weil Rockmusik und Popkultur in den Achtzigerjahren zur Selbstverständlichkeit wurden. Mit den Erweckungserlebnissen verblasste dann bald der Traum vom Rockstarleben, und irgendwann gab es auch keine neuen Rockstars mehr. Das Durchschnittsalter in diesem Berufszweig ist inzwischen jedenfalls auf weit über 50 gestiegen.

Erweckungserlebnisse

Sein erstes Erweckungserlebnis hatte Carl Carlton mit zehn. Damals hieß er noch Karl Buskohl. Der elterliche Hof lag in der Nähe des Dollart, einer Meeresbucht am nordwestlichsten Ende von Deutschland, dort, wo die Deiche von Holland beginnen. Samstags musste er mit dem Vater die Tiere zum Markt bringen. Nach dem Markt durfte er mit in die Kneipe der Viehhändler.

Dort schenkte ihm der Vater Münzen für die Jukebox. In der gab es nicht nur die üblichen Schlager und Hits, sondern auch Ray Charles und John Lee Hooker. "Boom, Boom von Hooker!" Man spürt immer noch diesen Moment in seiner Stimme. "Das war wie der erste Sex."

Das zweite Erweckungserlebnis kam im Internat auf Langeoog. "Easy Rider" lief im Inselkino. 1969 im Winter. Die Szene, in der Peter Fonda und Dennis Hopper auf dem Wüstenhighway von Arizona die Tafelberge entlangfahren, die schweren Trommelschläge im Auftakt von "The Weight", in dem Levon Helm mit The Band von der schweren Reise durchs Heilige Land singt. "Wie ein Blitz" durchzuckte ihn das Lied, das dann wie ein Nordstern über seinem Leben stehen sollte.

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"Ich habe mir einen amerikanischen Straßenkreuzer gekauft, bin nach Cannes gefahren und im Carlton abgestiegen."

Der Entschluss stand fest. Er wurde Musiker. Erst im benachbarten Holland. Nicht nur, weil Groningen näher war als Oldenburg, sondern weil das Anfang der Siebziger auch eine Frage der Haltung war: "Die deutschen Musiker waren eher Hippies, die Holländer eher Mods." In Groningen traf er auf den Punk-Charismatiker Herman Brood. Es folgten die ersten Profi-Gigs. Und der erste Wechsel. "Als einziger Nicht-Junkie ging das in der Band nicht mehr." Bei der Nostalgieband Long Tall Ernie & The Shakers gab es das erste richtige Geld. Und einen neuen Namen.

Von Amsterdam nach New York

"Ich habe mir damals einen amerikanischen Straßenkreuzer gekauft, bin nach Cannes gefahren und erst mal im Carlton abgestiegen." Das Geld war schnell weg. Auf der Rückfahrt nach Amsterdam musste er den Wagen an einer Tankstelle verkaufen und weitertrampen. Und weil er trotzdem so vom Hotel an der Croisette schwärmte, hieß er von da an Carl Carlton.

Von Amsterdam ging es nach New York. Willy de Ville hatte ihn engagiert, der in Europa die großen Hallen füllte. Nur war er in Amerika gar kein Star. Carlton hauste bei der Freundin des Rolling-Stones-Pianisten Nicky Hopkins, die Hippiekleider schneiderte und ihm ein paar Dollar für Botendienste zahlte. Also zurück nach Europa. Touren mit Manfred Mann und Joe Cocker, Bandprojekte, Studiojobs. Es folgten Jahre mit Robert Palmer, der so etwas wie Carltons großer Bruder wird. Bis zu seinem Tod.

Tiefgang, den man nicht lernen kann

Wann verliert der Rock and Roll in der zweiten Reihe an Glanz? "Nie." Tief in der Musik loderten immer "Boom, Boom" und "The Weight". Und weil dieses Lodern auf seiner Gitarre für einen Tiefgang sorgt, den man nicht lernen kann, gab es ausgerechnet in Deutschland jene Art von Arbeit für ihn, von der die fahrenden Gesellen des Rock and Roll sonst nur träumen: festanstellungsähnliche Gigs bei Peter Maffay und Udo Lindenberg.

Regelmäßiges Einkommen. Produzenten-Punkte. Genug Geld, um sich das Dockside Studio anzumieten, dort, wo die Sumpfländer von Louisiana in die Prärie von Texas übergehen, so ein magischer Ort, wo schon B.B. King, Allen Toussaint und die Neville Brothers sich die Seele des amerikanischen Südens aus dem Leib sangen. Aufnahmen mit der eigenen Band Songdogs. Und dort schließt sich der Kreis.

Den Studiobesitzer erinnern die Songdogs an die frühe Band, deswegen ruft er bei Levon Helm in Woodstock an. Der steigt ins Auto nach Louisiana, ist begeistert, spielt mit. Und so beginnt die Freundschaft mit dem Mann, mit dessen Trommelschlägen im Inselkino von Langeoog die ewige Heldenreise des Karl Buskohl begann, der den Rock and Roll gesucht hat und ihn immer wieder aufs Neue finden muss, weil es in dieser Musik keine Ewigkeit gibt, sondern nur diesen Moment, in dem ein Akkord, ein Wort, ein Trommelschlag einen Blitzschlag auslösen kann.

Als würde man vom Pony auf einen Rodeobullen umsteigen

Kann der Plan also gut gehen? Im Freiheiz fühlt sich der Sprung neben Carl Carlton auf die große Bühne an, als würde man vom Pony auf einen Rodeobullen umsteigen. Little Feats "Sailin' Shoes": ein vertracktes Voodoogebräu aus Soul und Funk. Carltons Gitarre scheint sich unter dem Stahlrohr am Finger aufzubäumen. Seine Band entfesselt den Schub unter dem Aufheulen der Slide-Akkorde. Ein Rhythmus legt sich über den anderen, zusammen schlagen sie Funken. Den Zuhörern im Saal war Woodstock nie näher. Vorne am Bühnenrand verschwindet das Publikum allerdings in eine ferne Galaxie.

Demokratische Produktionsmittel? Der Blues ist zu schaffen. Die Läufe sitzen. Aber es geht nicht um richtige Noten. Ein ganzes Leben muss hinter jedem Ton stehen. Zumindest für diese vier Minuten.

Carl Carlton, Woodstock & Wonderland: 8. 12. Berlin, 9. 12. Isernhagen, 10. 12. Dortmund, 12. 12. Nordhorn, 13. 12. Leer, 14. 12. Erfurt, 15.12. Hanau, 18.12. Osnabrück, 19.12. Brilon

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Quelle:
SZ vom 28.11.2015/luc
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