"Die Kobra von Kreuzberg" von Michel Decar:Typen zum Pferdestehlen

"Die Kobra von Kreuzberg" von Michel Decar: B-Movie-Charme: Der Schriftsteller Michel Decar.

B-Movie-Charme: Der Schriftsteller Michel Decar.

(Foto: Constantin Riess)

In Michel Decars neuem Roman soll die Quadriga geraubt werden. Um die Familie zu beeindrucken. Wozu denn sonst?

Von Jakob Biazza

Klar, man kann Goldmünzen in Schubkarren aus Museen schieben oder enorm teuren Schmuck aus Gewölben tragen. Man kann die Gardner-Sammlung ausräumen und natürlich kann man die Mona Lisa stehlen. Alles beeindruckend. Aber doch auch etwas alltäglich. Beverly Kaczmarek entspringt aber nun mal einer sehr ambitionierten Diebesdynastie. Mit Trainingsanzügen als Uniform. Kampffarben: "titanweiß", "mambagrün" "delfinfarben", "honiggelb". Da bekommt man für Standarddelikte keinen Applaus mehr.

Die Brüder haben schließlich gerade Fabergé-Eier aus der Petersburger Eremitage gestohlen. Angeblich gab es Verfolgungsjagden. Explosionen auch. Jetzt schicken sie ständig stichelnde SMS: "Mach mal ne Ausbildung bei der Sparkasse, ist besser für dich." Der Opa will demnächst groß angelegt Pandabären entführen. Aus China ("Nicht wie diese liberalen Demokratien, die du und dein Vater immer ausplündern."). Also muss auch für Beverly endlich wieder ein richtiger Coup her. Berufsehre. Jedenfalls: Die Quadriga soll es sein, die auf dem Brandenburger Tor.

Im Club Cool Kool Qool gibt es einen Motto-Floor mit extremistischer Musik aus den Fünfzigern

Das wäre in etwa das Grundsetting in Michel Decars zweitem Roman "Die Kobra von Kreuzberg", der, nun, was eigentlich genau ist? Oder, womöglich zielführender gefragt: Was eigentlich nicht? Decar, dessen Theaterstücke unter anderem am Thalia aufgeführt wurden, am Gorki und im Residenztheater, begründet hier das Genre der Coming-of-Age-Gesellschaftspossen-Familienroman-Deutschland-und-besonders-Berlin-Diagnose-Krimi-Romanzen-Groteske. Mit B-Movie-Charme. Und NS-Trallala: "Reichenhall Medium, Stahlbrunn Still, Wolfendonner Spritz. Es war eindeutig, all diese Mineralwassermarken klangen wie Wehrmachtsgeneräle."

Zum Figurenkabinett gehört neben Beverly Dragan Vidović, der erste bekannte Wetterterrorist und Erfinder der Berliner "Winterkrise". Außerdem der ur-brutale Boy Maximow, Unterweltherrscher und Inhaber des für die weitere Handlung wichtigen Clubs Cool Kool Qool, eine Art Dada-Version des Berghain, wie man es sich vorstellt, wenn man Berlin aus der Ferne zu gleichen Teilen verabscheut und bewundert. Unter anderem gibt es einen Motto-Floor mit extremistischer Musik aus den Fünfzigern.

Der kettenrauchende Kommissar, der Beverly nachstellt, heißt Ferenc Hotfilter und ist derart ennuigeplagt, dass er - falls das Buch tatsächlich eine Gesellschaftsdiagnose stellen wollte, was gut möglich ist oder auch völlig abwegig - ganz famos den Autoritätsverlust staatlicher Instanzen symbolisieren würde. Und irgendwann sind die Pferde dann tatsächlich weg und das Leben geht trotzdem weiter, zumindest bis geklärt ist, wer nun zuständig ist in solchen Fällen. Mit einer Fortsetzung, es ist ja Berlin, wäre also leider frühestens in ein paar Jahren zu rechnen.

© SZ/fxs
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