Kunst und Moral Eine eigentümliche Heilserwartung

Jackson nützt es wenig, dass sich in seinen Liedern nichts Anstößiges oder Abstoßendes findet.

(Foto: dpa)

Darf man Michael Jacksons Musik noch hören? Die Frage muss anders lauten: Wer will sich eine solche Entscheidung ernsthaft vorschreiben lassen?

Kommentar von Sonja Zekri

Wieder einer weniger, wieder ein Idol unter Verdacht, wieder eine Illusion zerplatzt. Gegen den 2009 verstorbenen Superstar Michael Jackson stehen Vorwürfe des jahrelangen, systematischen, mit Drohungen und Psychoterror durchgesetzten Kindesmissbrauchs im Raum. Sie sind nicht neu, aber die Aussagen inzwischen erwachsener Zeugen, die einst für ihn und nun gegen ihn ausgesagt haben, belasten ihn schwer.

Viele, die seine Musik lieben und Jackson verehren, stellen sich nach der Ausstrahlung einer anklagenden amerikanischen Fernsehdokumentation die Frage, ob sie Jacksons Lieder noch hören dürfen. Einzelne Radiosender in Großbritannien und Norwegen haben sie schon mal ganz oder vorübergehend aus dem Programm genommen. Ähnlich wie bei dem Schauspieler Kevin Spacey, den der Regisseur Ridley Scott nach Missbrauchsanschuldigungen aus einem fertigen Kinofilm schnitt, wie bei dem Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein, mit dem niemand mehr zusammenarbeiten will, wie auch bei dem R&B-Sänger R. Kelly, gegen den Anklage wegen sexuellen Missbrauchs in mehreren Fällen erhoben wurde und mit dem Lady Gaga beispielsweise nicht mehr arbeiten will, trifft nun das Werk von Michael Jackson eine Art exorzistischer Impuls, die Austreibung des Bösen aus der Kultur und der Kunst, vielleicht: der Welt.

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Gewiss, einfach weiter Michael-Jackson-Songs zu hören oder "House-of-Cards"-Staffeln anzuschauen, in denen Spacey noch mitspielt, dürfte den meisten nur noch um den Preis einer erheblichen Verdrängungsanstrengung gelingen. Aber mehr noch als mögliche Antworten verrät bereits die Frage "Darf man das noch hören, sehen, anschauen?" viel über das Verhältnis einer Gesellschaft zu ihren Künstlern und, ja, auch zu ihrer Kunst: Sie zeugt von einer eigentümlichen Heilserwartung, der Vorstellung von einer intakten, moralisch sauberen Kunst, die Hörer oder Betrachter begleitet, beflügelt, erhebt.

"Kill your Idols" war im Pop immer mehr Behauptung als Programm

In der Popmusik greift die europäische Tradition der Trennung zwischen Künstler und Werk ohnehin am wenigsten, denn die Verschmelzung von Leben und Werk ist der Motor ihrer Wirkung: Im Pop verschmelzen Werk und Leben des Künstlers, aber auch das künstlerische Werk mit dem Leben des Publikums. Wahrscheinlich ist dieser Effekt so stark, weil die Prägung durch Popmusik meist in die Kindheit oder in die Jugend fällt, eine Zeit also, in der die Persönlichkeit noch offen und formbar ist. Die Hartnäckigkeit, mit der manche diesen Zustand noch als Erwachsene zu idealisieren und zu konservieren versuchen, ist ein wenig verblüffend. Aber sie erklärt einiges von dem Entsetzen über den tiefen Sturz Michael Jacksons, eines Mannes, der nie erwachsen und schon gar kein Mann sein wollte, der als Schwarzer zu extremen Mitteln griff, um weiß zu wirken, eines märchenhaft reichen, übermächtigen Stars, der auch dann noch als verletzlich und kindlich wahrgenommen wurde, als er womöglich längst schon Täter war. Kill your idols - der Name der New Yorker Punkband war im Pop immer mehr Behauptung als Programm.

Deshalb nützt es Jackson nun wenig, dass sich in seinen Liedern nichts Anstößiges oder Abstoßendes findet. Es nützte ja schon Richard Wagner nicht. Wolframs Lied an den Abendstern aus dem "Tannhäuser" ist eine der anrührendsten Arien der Operngeschichte. Aber es gibt Musikliebhaber, die Wagners antisemitischen Dreck nicht aus dem Kopf bekommen und nie einen Fuß nach Bayreuth setzen würden.

Manchmal verändern sich die Werke von Künstlern unter Anklage oder auch nur unter Verdacht im Lichte der Erkenntnisse, werden kritischer beurteilt, werden selbst zur historischen Quelle. Man kann darüber reden, ob es richtig war, dass die Hamburger Deichtorhallen im vergangenen Jahr eine Ausstellung des Modefotografen Bruce Weber absagten, nachdem Vorwürfe laut geworden waren, dass er seine Models zum Ausziehen genötigt hatte. Webers Fotografien aus den Neunzigern zeigen athletische, vor allem männliche Körper als Skulpturen aus Licht, Schatten und Muskeln. Sie präsentierten einen stolzen, unter anderem auch schwulen Hedonismus, der seine Kraft aus der Überwindung der Verklemmtheit und einem neuen Selbstbewusstsein gewann. Man wird diese Bilder nicht mehr mit der Unbefangenheit jener Jahre sehen können, aber sie dem Blick ganz zu entziehen hieße, dem Betrachter sein Urteil abzunehmen.

Jackson hören oder nicht, Wagner hören oder nicht - wer will sich denn diese Entscheidung ernsthaft vorschreiben lassen? Es gehört zu den Privilegien und den Zumutungen der Kunst, dass sie ein Raum bleibt, der so erhaben oder so schmutzig ist wie die Welt, die sie hervorbringt. Selbst wenn alle Spacey-Filme gelöscht, alle Jackson-Alben vernichtet, alle Weber-Fotografien weggesperrt sind, wird sich daran nichts ändern.

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