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"Mein Weg nach Olympia" im Kino:Unvollkommene Schönheit

Mein Weg nach Olympia

Ein Kreuz wie ein Möbelpacker: Die einbeinige Schwimmerin Christiane Reppe in "Mein Weg nach Olympia".

(Foto: Hajo Schomerus; Senator Filmverleih)

Wie der amerikanische Politkrawallfilmer Michael Moore ist Niko von Glasow ein Propagandafilmer, der Überzeugungsarbeit in eigener Sache leistet: In "Mein Weg nach Olympia" zeigt der Contergan-Geschädigte Menschen, für die die Beschäftigung mit Schönheit und Leistungsfähigkeit des eigenen Körpers ein großes Thema ist - trotz ihres Handicaps.

Von Martina Knoben

Sport ist Mord, findet der Filmemacher Niko von Glasow; und wenn man ihn vor der Kamera sieht, glaubt man zu wissen warum: Von Glasow ist contergangeschädigt, er kam mit verkürzten Armen zur Welt. Dass ein Körperbehinderter mit Sport nicht viel am Hut hat, ist doch eigentlich klar - oder?!

Für seinen neuen Film hat der Regisseur aber Menschen getroffen, die trotz und auch wegen ihrer Körperbehinderung Leistungssport treiben. Der armlose Bogenschütze Matt Stutzman, die einbeinige Schwimmerin Christiane Reppe, der gelähmte Boccia-Spieler Greg Polychronidis, die Tischtennisspielerin Aida Dahlen und die Sitzvolleyball-Mannschaft aus Ruanda - sie alle trainieren für die Paralympics in London.

Wenn von Glasow mit ihnen spricht, prallen Welten aufeinander; und das ist oft herzhaft komisch, wenn etwa der - intellektuell geschmeidige, körperlich aber sichtlich untrainierte - Regisseur neben der blonden Schwimmerin Reppe steht, die ein Kreuz hat wie ein Möbelpacker, und ihr erzählt, dass er Sport doof findet und die Paralympics eine Feelgood-Show für Nichtbehinderte.

Schon seine früheren Filme "Nobody's Perfect" und "Alles wird gut" lebten von der Präsenz des Regisseurs, der - ähnlich wie der amerikanische Politkrawallfilmer Michael Moore - als Katalysator funktioniert, weil er die Geschichten, die seine Filme erzählen, durch seine Initiative erst hervorbringt.

In "Nobody's Perfect" waren das Aktaufnahmen von Behinderten, für die von Glasow ebenfalls behinderte Freunde und Bekannte aufsuchte, um sie für sein Projekt zu begeistern. Er selbst ließ sich ebenfalls nackt fotografieren.

Nie selbstmitleidig

Im Zweifelsfall ist von Glasow also noch mal stärker involviert als Michael Moore. Seine Behinderung hat er in allen seinen Filmen thematisiert. "Mein Weg nach Olympia" erzählt über den Umweg der Sportmuffeligkeit natürlich auch über sein Verhältnis zum eigenen Körper und dessen Unvollkommenheit: nie selbstmitleidig, wahrhaftig, aber eben auch mit der Eleganz des Showmans. Auch für die Menschen in seinem Film ist die Beschäftigung mit Schönheit und Leistungsfähigkeit des eigenen Körpers ein großes Thema.

Die Kamera ist ihnen ein starker Verbündeter, wenn sie etwa die beinamputierte Schwimmerin zeigt, wie sie kraftvoll und elegant durchs Wasser pflügt, oder den armlosen Bogenschützen, wie er den Bogen bärenstark und hoch konzentriert mit dem Fuß spannt.

"Mein Weg nach Olympia" ist ein parteiischer Film, wie Moore ist von Glasow ein Propagandafilmer, der Überzeugungsarbeit in eigener Sache leistet. Ein Feelgood-Mitleids-Movie für Nichtbehinderte entsteht dabei aber gerade nicht - sondern eine immer mal wieder sarkastische, sehr menschliche Komödie, die das Ausmaß der Tragik, die eine Behinderung darstellt, nicht kleinredet. Den Witz bringt von Glasows Humor hinein, seine wohl auch durch die Behinderung gestählte Selbstironie.

Und nicht zuletzt sind es die Persönlichkeiten, die von Glasow als Protagonisten gewählt hat, die den Film auszeichnen - einige werden zu Freunden des Filmemachers.

Besonders im Gedächtnis bleibt der griechische Bocciaspieler, dessen Sport selbst bei der offensiven Olympia-Berichterstattung im Hintergrund blieb, so unspektakulär sind eigentlich die Bilder. Von Glasow aber macht - mit den Mitteln des Sportfilms - ein spannendes Endspiel daraus: bei den Paralympics und dann in den Ruinen Olympias.

Mein Weg nach Olympia, D 2013 - Regie, Buch: Niko von Glasow. Kamera: Hajo Schomerus. Schnitt: Bernhard Reddig, Mechthild Barth. Verleih: Senator, 85 Minuten.

© SZ vom 19.10.2013/pak
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