Junges Kino:Ein Fest für die Underdogs

Nico Film Max Ophüls Festival

Nico (Sara Fazilat) lernt Karate, nachdem sie in Berlin angegriffen wurde. Der gleichnamige Film "Nico" ist im Spielfilmwettbewerb des Festivals zu sehen.

(Foto: Francy Fabritz/Max Ophüls Preis)

Der Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken gehört zu den wichtigsten Festivals für den deutschsprachigen Nachwuchsfilm. Dieses Jahr findet er komplett digital statt. Die besten Tipps aus dem Programm.

Von Kathleen Hildebrand

Es gibt, ohne irgendjemandem zu nahe treten zu wollen, zwei Sorten von Filmfestivals: die, zu denen die Menschen nicht nur der Filme wegen reisen, sondern auch wegen einer besonders glücklichen Konstellation aus der Schönheit des Ortes und der Jahreszeit, in der sie stattfinden. Cannes im Mai, Venedig im September.

Und dann gibt es Festivals, die etwas härter kämpfen müssen: die Berlinale im furchtbaren Berliner Februar. Oder der Max-Ophüls-Preis, der zwar eins der wichtigsten Festivals für den deutschsprachigen Nachwuchsfilm ist, aber im Januar in Saarbrücken stattfindet. Da kann man Grautöne entdecken, die man vorher nicht für möglich gehalten hat.

Doch dieses Jahr ist das anders. Orte sind egal, die Jahreszeit auch. Denn wenn die Corona-Pandemie dem Kulturbetrieb irgendetwas Positives gebracht hat, dann Zugänglichkeit, gerade bei Filmfestivals.

Aus Saarbrücken wird also seit Montag die 42. Ausgabe des Max-Ophüls-Preises gestreamt. Komplett. Unter ffmop.cinebox.film kann man Einzel- und Mehrfachtickets kaufen. Das lohnt sich. Denn auch wenn sich, wie oft im jungen deutschen Film, das Heitere nicht eben an jeder Ecke aufdrängt, lassen die zwölf Filme aus dem Spielfilm-Wettbewerb doch Hoffnung schöpfen.

Sami, Joe und ich Film Max Ophüls Festival

"Sami, Joe und ich": Ein Schweizer Beitrag über drei Migrantentöchter in einer Hochhaussiedlung.

(Foto: Abrakadabra/Nelly Rodriguez)

Darauf, dass eine neue Generation von Filmemachern und Filmemacherinnen Perspektiven in den Mittelpunkt stellt, die bei den Etablierten oft zu kurz kommen. Sie zeigen Geschichten von Migrantentöchtern, von Altenpflegerinnen und von überforderten Müttern. Von einem Jungen, der auf einer Elektroschrott-Müllhalde in Ghana aufwächst, und von Gefängnisinsassen. Es ist ein Festival der Underdog-Figuren, und nicht für jede von ihnen gibt es am Ende ein Happy End, wie die klassische Heldenreise des Films es vorsieht. Die jungen Filmemacher leisten sich eine freche Katharsis-Verweigerung.

Da ist zum Beispiel Nico im gleichnamigen Langfilmdebüt von Eline Gehring. Die junge Deutsch-Perserin Nico (Sara Fazilat) würde einem wahrscheinlich den Mittelfinger zeigen, würde man sie "Underdog" nennen. Sie ist cool und fröhlich und sehr gut in ihrem Job als Altenpflegerin. Aber dann wird sie an einem Sommerabend rassistisch angegriffen und verprügelt, und natürlich hinterlässt das ein schreckliches Trauma.

Drei Wiener "Hacklerkinder" zetteln eine Revolte gegen ihren schleimigen neuen Chef an

Nico fängt an, Karate zu lernen. Aber so richtig hilft das Hartleibigmachen nicht gegen die Traurigkeit. Sie verbringt einen Sommer des Haderns in einem Berlin, das weit weg ist von Mitte und Szene, das Eline Gehring dafür aber auf ganz selbstverständliche Art als vielfältige Stadt zeigt. Nico und ihre Freundin Rosa wechseln hin und her, zwischen Farsi und Deutsch.

Auch der Schweizer Wettbewerbsbeitrag "Sami, Joe und ich" macht es sich nicht leicht mit Problemlösungen für seine Titelfiguren. Die drei Migrantentöchter, Schulabgängerinnen aus einer sehr aufgeräumten Schweizer Hochhaussiedlung, müssen mit Enttäuschungen, elterlicher Strenge und sexueller Gewalt fertigwerden. Regisseurin Karin Heberlein tut nicht so, als werde alles schon wieder gut für die drei, dafür ist die Gesellschaft, in der sie leben, die falsche. Sie gönnt ihnen aber zumindest einen optimistischen Sommerabend.

Formale Experimente sind selten im diesjährigen Ophüls-Programm, die meisten Spielfilme im Wettbewerb halten sich an sozialkritischen Realismus. Dass das auch mit leichterem Ton geht, zeigt vor allem der österreichische Beitrag "3Freunde2Feinde" von Sebastian Brauneis über drei Wiener "Hacklerkinder", die in ihrem Betrieb eine kleine Revolte gegen den schleimigen neuen Chef anzetteln und danach durch die Wiener Nacht streifen.

Junges Kino: In "Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen" hält der demente Curt (Günther Maria Halmer) seine Pflegerin Marija (Emilia Schüle) für seine verstorbene Ehefrau.

In "Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen" hält der demente Curt (Günther Maria Halmer) seine Pflegerin Marija (Emilia Schüle) für seine verstorbene Ehefrau.

(Foto: Zieglerfilm Baden-Baden/Ivan Maly)

Noch lyrischer ist "Die Sonne brennt" von Joséphine Demerliac, der wie eine Antithese zur unbeschwerten Liebesseligkeit der Nouvelle Vague wirkt. Die 23-jährige, etwas orientierungslose Französin Zou gerät in Berlin an mehrere unangenehme Männer, die in ihr partout nicht die Prinzessin erkennen wollen, als die das junge Mädchen sich sieht. Selbst aus liberalen Künstlertypen bricht ein hässlicher, selbstsüchtiger Sexismus heraus. Demerliac zeigt den Einbruch dieser Realität in Zous Selbstbild mit Bild-im-Bild-Konstruktionen und Ultra-Nahaufnahmen.

Der souveränste, im konventionellen Sinn "fertigste" Film des Wettbewerbs ist "Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen" mit Emilia Schüle als Marija, die ihren kleinen Sohn in der Ukraine zurücklässt, um in der Nähe von Hamburg einen grimmigen alten Mann zu pflegen. Die moderne Form von Leibeigenschaft, die Arbeitsmigration in der Pflege bedeutet, zeigen die Regisseure Nadine Heinze und Marc Dietschreit in allen Schattierungen, von humoristisch bis herzzerreißend brutal. Am Ende des Films steht ein herrlich komisch inszeniertes Weihnachtsfest im September, bei dem Marija die dysfunktionale Familie gefesselt und geknebelt zwangsweise heilt. Ihr, dem Underdog, wird hier eine klassische Genugtuung zuteil. Und auch wenn die sich mehr nach guter Freitagabendunterhaltung als nach knallhartem Realismus anfühlt: Gut tut sie allemal.

© SZ/dbs
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