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Film "Grizzly II":Sie waren jung und brauchten das Geld

Grizzly II

Sechs Minuten Ruhm, dann kommt die wütende Grizzly-Mama: Laura Dern und George Clooney im Jahr 1983.

(Foto: GBGB International)

Oh, Schreck - eine sehr frühe Sünde von George Clooney, Charlie Sheen und Laura Dern ist aufgetaucht: der Horrorfilm "Grizzly II".

Von David Steinitz

Das Genre des Grizzlybären-Horrorfilms fristet in der Geschichte des Kinos bislang eher ein Nischendasein - und wer findet, dass das ein Skandal ist, hat natürlich vollkommen recht.

Aber zumindest in dieser Hinsicht gibt es zu Jahresbeginn eine gute Nachricht: Der Film "Grizzly II: Revenge", gedreht 1983, nur niemals vollendet, wurde knapp vierzig Jahre später fertiggestellt. Darin bewundern kann man in der Blüte ihrer Jugend als unbekannte Schauspieler: George Clooney, Charlie Sheen und Laura Dern.

Grizzly-Hardcore-Fans werden jetzt natürlich müde auflachen und sagen, ach, das kennen wir doch längst! Denn die ungarische Produzentin des Films, Suzanne C. Nagy, verkündete bereits vor einiger Zeit, dass sie die Filmaufnahmen der späteren Hollywood-Stars aus dem Archiv geholt habe. Jetzt aber hat sie den Film auch online gestellt, damit man ihn in seiner ganzen Pracht bewundern kann. Zumindest in Amerika ist er als Video on Demand bei den üblichen Streaming-Plattformen erhältlich.

Grizzly II

Weil der Grizzly mehr nach Attrappe als nach Bär aussieht, sieht man ihn im Film immer nur kurz und verschwommen.

(Foto: GBGB International)

Natürlich wäre der Film für immer im Keller verstaubt, wenn nicht zufälligerweise Clooney, damals 22, Sheen, damals 18 und Dern, damals 16, in ihrem späteren Leben berühmt geworden wären. So stehen ihre Namen auch jetzt auf dem Plakat ganz oben.

Das ergibt marketingtechnisch natürlich Sinn, ist aber auch ein bisschen dreist: Die drei überleben die ersten sechs Filmminuten nicht. Sie werden Opfer einer wütenden Grizzly-Mutter, die in einem Nationalpark Rache am Menschen für ihre von Wilderern getöteten Grizzly-Kinder nimmt.

Natürlich gibt es auch einen Grizzly-II-Mund-Nasen-Schutz: Wenn man einen Film ausschlachtet, dann richtig

In dem Nationalpark soll ein Woodstock-Musikfestival für Tausende Teenager stattfinden, und zu Beginn des Films übernachten sie im Park. Aber kaum haben sich Clooney und Dern unter der Picknickdecke zum Kuscheln versteckt, kommt ein Grizzly - beziehungsweise eine faszinierend statische Grizzlypuppenattrappe - und frisst erst die beiden und dann Charlie Sheen auf.

Die Entstehungsgeschichte von "Grizzly II" ist mindestens so skurril wie der Film selbst. Dass es ihn überhaupt gibt, daran ist indirekt Steven Spielberg schuld. Nachdem 1975 sein "Weißer Hai" ins Kino kam und ein Welthit wurde, machten sich umgehend fleißige Kopisten ans Werk. Sie drehten Horrorfilme am Fließband, in denen die verschiedensten Raubtiere ihre Reißzähne in schöne Teenagerkörper rammten. Dazu gehörte auch "Grizzly", Teil eins, der 1976 anlief und bei einem bescheidenen Budget von unter einer Million Dollar ein Vielfaches einspielte.

Grizzly II

Auf einem Militärübungsplatz der Russen wurde in der ungarischen Pampa ein riesiges Musikfestival extra für den Film veranstaltet.

(Foto: GBGB International)

Ungefähr zur gleichen Zeit, also mitten im Kalten Krieg, entsandte die ungarische Filmindustrie eine junge Frau namens Suzanne C. Nagy nach Amerika. Nagy hat nach eigenen Angaben Jura studiert und war danach eine der ersten Frauen an der ungarischen Filmhochschule in Budapest. Sie wurde damit beauftragt, ihrem Heimatland ein bisschen Hollywood-Glamour hinter den Eisernen Vorhang zu holen, indem sie amerikanische Filmemacher dazu überreden sollte, ihre Produktionen nicht im teuren Los Angeles zu drehen, sondern im günstigen Ungarn.

Man darf die Dame als Pionierin ihres Fachs bezeichnen. Mittlerweile werben viele Länder mit Vertretern in Amerika um große US-Produktionen. Ungarn ist heute ein Hollywood-Hotspot, wo Blockbuster wie "Der Marsianer" mit Matt Damon oder "Blade Runner 2049" mit Ryan Gosling gedreht werden, mit vielen Steuernachlässen und gewerkschaftlich nicht ganz so streng organisierten Crew-Mitgliedern.

Auf jeden Fall gelang es Nagy, das Produktionsteam von "Grizzly II" nach Ungarn zu locken. Obwohl der Film von Anfang an mehr B-Ware als Hochglanzprojekt war, wurde ein großer Aufwand betrieben. Das Musikfestival, um das herum der Grizzly wütet, wurde extra für den Film auf einem Trainingsgelände des russischen Militärs veranstaltet, Horden ungarischer Teenagerstatisten in die Pampas gekarrt. Nagy behauptet, es seien 50 000 gewesen.

Der trashige Jeansjacken-Charme der Achtzigerjahre ist längst in den Mainstream zurückgekehrt

Sie war zu diesem Zeitpunkt als Produzentin mit an Bord. Laut ihrer Darstellung reiste ihr Co-Produzent mitten in den Dreharbeiten ab und ließ sie ohne Geld und mit einer Crew von 300 Leuten allein im ungarischen Wald zurück. Daraufhin habe sie das Zepter übernommen und den Film unter der Regie ihres Landsmannes André Szöts halbwegs fertig gedreht. Danach sei ihr aber das Geld ausgegangen, um ihn schneiden und veröffentlichen zu können.

Wer es ganz genau wissen möchte, kann auf der Internetseite des Films, grizzly2revenge.com, für 19,99 Dollar ihr Buch "Swimming Among Sharks: The Story Behind The Making Of Grizzly II" erwerben. Es hat 96 Seiten. Wem das dann noch nicht reicht, der kann in ihrem Grizzly-Shop auch Poster, T-Shirts, Tassen, Bettwäsche und ja, wer hätte es 1983 geahnt, einen Grizzly-II-Mund-Nasen-Schutz kaufen. Und wer dann immer noch nicht genug hat und vielleicht sogar persönlich nachfragen möchte: Im "Press Kit" für 49,99 Dollar ist laut Website auch ihre persönliche Visitenkarte enthalten.

Dass die Frau von der ganzen Sache ein klein wenig besessen und "Grizzly II" ihr Lebenswerk zu sein scheint, sieht man auch dem von ihr vollendeten Film an. Sie nennt sich selbst im Vorspann erst zweimal selbst als Produzentin und dann erst den Regisseur, der bereits vor 15 Jahren gestorben ist. Und bei dem, was danach folgt, handelt es sich eigentlich auch mehr um Work-in-Progress als um einen ganzen Film. Das sieht man an der Laufzeit, die nur eine Stunde und vierzehn Minuten beträgt. Und an der Tatsache, dass der Film damals wohl nicht ganz fertig gedreht wurde, weil Nagy ihn jetzt mit etwas konfus anmutenden Drohnenaufnahmen des Grizzly-Parks und anderem Stockmaterial bereichert hat.

Gerade wegen dieses amateurhaften Charmes ist der Film ein typisches Werk seiner Zeit. Also der Achtzigerjahre, in denen der Siegeszug der VHS-Kassette dazu führte, dass Filmemacher immer besser auch B-Ware ans jugendliche Publikum bringen konnten. Und genau diese Zeit mit ihren Jeansjacken und BMX-Rädern hat sich in den letzten Jahren über Serien wie "Stranger Things" ohnehin zurück in den Mainstream geschlichen.

Grizzly II

Charlie Sheen, damals 18, wird das dritte Opfer des Grizzlys.

(Foto: GBGB International)

Dort, also im Mainstream, sind die drei Bärenopfer natürlich längst angekommen. Laura Dern drehte mit David Lynch "Blue Velvet" und "Wild at Heart", später "Jurassic Park" mit Steven Spielberg. Zuletzt war sie unter anderem in der HBO-Serie "Big Little Lies" zu sehen. Charlie Sheen wurde ein gefragter Schauspieler und ein noch gefragterer Verrückter, der den Boulevard mit Irrsinn fütterte wie kaum ein zweiter. Und George Clooney wurde halt His Georgeness George Clooney.

Bedenkt man, welche Armeen von glücklosen Jungschauspielern durch die billigen Horrorfilme der Achtzigerjahre stolperten, von denen man nie wieder etwas gehört hat, ist der zufällige Star-Hattrick von "Grizzly II" eigentlich deutlich unwahrscheinlicher als ein Lottogewinn.

© SZ/kni
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