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Kulturgeschichte:Die Maske als Symbol der Krise

Die Maske heute hat nichts mit Verkleidungslust und Maskenball zu tun.

(Foto: Collage: Christian Tönsmann)

Mehr Gas- als Karnevalsmaske gibt sie der Corona-Gesellschaft ein Emblem und macht doch zugleich deutlich: Es ist nicht die Maske, sondern die Pflicht, um die es letztlich geht.

Zum Begriff der Krise gehört, dass sie endet. Das gilt vor allem für die Krise im medizinischen Sinne. Als temporäres Phänomen der Zuspitzung und akuter Wendepunkt ist sie die Phase eines schweren Krankheitsverlaufs, die über Gesundung oder Tod entscheidet. Je länger sie andauert, desto unverkennbarer lässt die Corona-Krise die Zeitform der akuten, temporären Zuspitzung hinter sich. Sie wird chronisch. Sie bereitet der "neuen Normalität", von der Finanzminister Olaf Scholz spricht, nicht den Boden, sie ist die neue Normalität.

Die Einführung der Maskenpflicht in allen Bundesländern ist dafür ein markantes Zeichen. Sie macht die Gesellschaft insgesamt als Corona-Gesellschaft kenntlich. Technisch gesehen, bedeutet sie die Verhüllung von Mund und Nase im öffentlichen Raum, aber die Verhüllung dient weder der Anonymisierung noch der Verwandlung der Träger. In der Ordnung der Dinge ist die Schutzmaske ein strikt funktionales, pragmatisches Stück Schutzkleidung, auch wenn sie durch originelle Fertigung als ästhetische Attraktion maskiert oder durch Verwendung kostbarer Materialien wie beispielsweise Seide als Distinktionsmerkmal eingesetzt wird.

Nicht dem Karneval entstammt die Schutzmaske, sondern der Klinik, nicht der Lust an Verkleidung, sondern dem Reservoir der Hygienemaßnahmen in Krankenhäusern und Fabriken. Die Objekte des 1911 gegründeten Hygiene-Museums in Dresden oder das Medizinhistorische Museum der Berliner Charité machen den Ort der Schutzmasken in der Ordnung der Dinge sichtbar. Der Operationssaal gehört dazu, obwohl ein Ölgemälde noch aus dem Jahr 1922 den Chirurgen Ferdinand Sauerbruch zeigt, wie er ohne Handschuhe und Mundschutz operiert. Das war aber schon die Demonstration eines medizinischen Virtuosen, der seinen übersensitiven Fingern so wenig einen Überzug zugestehen mochte wie etwa ein grandioser Pianist. Arbeiter in Fabriken, in denen "Gewerbekrankheiten" zu befürchten waren, konnten sich dergleichen Laxheiten nicht leisten. Die moderne Schutzkleidung ist wie die Hygienemaßnahmen und die Desinfektionstechnologie ein Produkt der Industrialisierung.

Warum ist die Schnabelmaske so berühmt?

Eine lehrreiche Geschichte erzählt Marion Ruisinger, Direktorin des Deutschen Medizinhistorischen Museums in Ingolstadt, auf der Website des Museums (www.dmm-ingolstadt.de). Sie handelt von der sogenannten "Pestarztmaske", die es im kollektiven Bildbewusstsein der Europäer wegen ihrer charakteristischen Physiognomik als Schnabelmaske zu einiger Berühmtheit gebracht hat.

Der Pestarzt mit der Schnabelmaske taucht weder in den Quellen zur großen Pest im 14. Jahrhundert noch bei den Pestausbrüchen im Dreißigjährigen Krieg auf. "Die 'Schnabelmaske' spielte die längste Zeit überhaupt keine Rolle im Seuchengeschehen. Sie begleitete erst den Abgesang der Pest - und auch das nur in Italien und Südfrankreich. In Mitteleuropa gibt es keinen einzigen historischen Beleg dafür, dass Pestärzte ihre Schutzkleidung jemals durch einen 'Lederschnabel' ergänzt hätten."

Wie aber wurde er dann so berühmt? Durch die Einblattdrucke, die ihn im 18. Jahrhundert, ausgehend von Nürnberg und Augsburg, populär werden ließen, nicht zuletzt weil die Bürger der mitteleuropäischen Reichsstädte in ihnen Figuren südeuropäischer medizinischer Rückständigkeit sahen, über die sich trefflich spotten ließ. Vom Süden her arbeitete das Auftauchen der Pestmaske im venezianischen Karneval an ihrer Popularisierung. Die ästhetische Attraktivität und die Lust am Herabschauen auf andere bescherten einem marginalen Element der Seuchenmedizin seine großen Auftritte.

Den Energien von Karneval und Verkleidungslust, Rausch und Entgrenzung, Dämonenbeschwörung und Aufladung mit magischen Kräften, von denen die Masken in ethnologischen Museen erzählen, verdanken die Schutzmasken wenig. Sie stehen der Gasmaske näher als der Karnevalsmaske. Was die staatlich verordnete Schutzmaske mit den Ritualen archaischer Tänze verbindet, ist allenfalls das Element von Zwang. Die Pflicht, nicht die Maske gibt im Kompositum Maskenpflicht den Ton an.

Anders als die Leere, die durch Ausgangssperren entsteht, lässt die Maskenpflicht die Individuen, die sich einer Präventionsmaßnahme fügen, im öffentlichen Raum als solche sichtbar werden. Das hat einen eigentümlichen Effekt. Die Maskenpflicht markiert jedes Individuum in den betroffenen öffentlichen Räumen als potenziellen Krankheitsüberträger unabhängig davon, was das Individuum über das Corona-Virus im Allgemeinen, seine eigene Risikotoleranz und die Maskenpflicht im Besonderen denkt. Ob Loyalität, Angst vor Sanktionen oder Einsicht in die Notwendigkeit hinter dem Maskentragen steckt, ist ungewiss.

Für das, was die Individuen über die Schutzmasken denken, sind im Nahbereich, in Familien und Hausgemeinschaften, die Formate der Kommunikation unter Anwesenden zuständig, und im öffentlichen Bereich die Medien, vor allem die sozialen Medien. Hier haben die Individuen der Corona-Gesellschaft die Möglichkeit, sich von den Schutzmasken, die sie tragen müssen, zu distanzieren, sich über sie lustig zu machen, sich zu beschweren ("meine Brille und meine Maske vertragen sich nicht"). Absehbar ist, dass mit dem allgemeinen Übergang von der Freiwilligkeit zur Maskenpflicht nicht nur Meinungen aufeinanderstoßen werden, sondern Verhaltensweisen. Jede Verordnung produziert Verstöße. In der Maskenpflicht tritt der Staat als Instanz sanktionsbewehrter Vorsorge auf. Die Corona-Gesellschaft muss aber die Verhaltenskonflikte vor allem als Zivilgesellschaft regulieren. Das Virus ist ein Stresstest nicht nur für das Gesundheitssystem.

© SZ vom 25.04.2020/luch
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