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Monografie über Mary Warburg:Geschnittene Flügel

Mary Warburg bei der Arbeit an der Büste von Peter Paul Braden, 1928, Warburg
Archive des Warburg Institute, London

Unzufrieden mit den Verhältnissen: die Künstlerin Mary Warburg.

(Foto: Warburg Institute, London)

Mary Warburg, geborene Hertz, war mehr als nur die bildhauende Frau und Familienmutter hinter dem großen Gelehrten Aby Warburg. Eine großangelegte Monografie betreibt jetzt ihre Rehabilitation als vielschichtige Künstlerin eigenen Rechts.

Von Peter Richter

"Lieber Kamerad!", beginnt die junge Frau aus Hamburg das, was offensichtlich auf keinen Fall wie ein Liebesbrief klingen soll: "Diese Anrede u daß ich Ihnen überhaupt schreibe, zeigt schon von vornherein den Zweck dieses Briefes: nämlich Ihnen zu sagen, daß ich von jetzt an für Sie ein Junge sein will, Ihr guter Freund und Kamerad, wollen Sie es mit mir versuchen?"

Ein paar Briefe lang geht das so, dann schreibt sie nicht mehr "Kamerad" sondern: "Liebster". Und noch später schreibt sie: "Liebster alter Mann". Da sind beide 44. Noch einmal zehn Jahre später wird daraus "Mein geliebter alter Bangebusen."

Er antwortet mit: "Liebe allerbeste alte Frau".

Nachdem diese Geschichte also scheinbar mit einer fast schon spröden Abwehr romantischerer Beziehungsoptionen beginnt, endet sie mit einem so warmen Eheglück wie bei Philemon und Baucis - dies allerdings womöglich ebenfalls nur scheinbar, wie nun einem Band zu entnehmen ist, der nicht nur diesen Briefwechsel an die Öffentlichkeit bringt: Es ist ein großbürgerliches Sittenbild vom Fin de Siècle und ein tiefer Einblick in die Privatverhältnisse hinter einer der Prunkfassaden der Geistesgeschichte.

Es geht schon damit los, dass sich die beiden Gleichaltrigen aus Hamburg in Florenz zum ersten Mal begegnen. Es hat damit zu tun, dass Mary Hertz, so heißt die junge Frau, aus einer begüterten Familie von Kaufleuten stammt, aber dringlich Künstlerin werden will, heißen "Malhunger" verspürt, wie sie bereits als Teenager schreibt. Und es gipfelt in dem Problem, dass der junge Mann, den sie da in Florenz kennenlernte, der folgenreichste Kunst- und Kulturhistoriker seiner Zeit werden sollte.

Mary könnte für Warburgs "Nymphe" das Vorbild gewesen sein

Mary Hertz traf also auf Aby Warburg, den Hamburger Bankierssohn, der gerade dabei war, in seinen Studien zur Renaissance aufzugehen. Und zunächst einmal erschien das wohl auch eher als ein großer Gewinn, und zwar für beide. Die kunstenthusiastische Frau hätte sich keinen gelehrteren Museumsführer wünschen können - "Frln. Hertz sehr verständig", notiert dieser nach einem ersten gemeinsamen Besuch im Palazzo Pitti.

Die beiden Kunsthistoriker Bärbel Hedinger und Michael Diers legen in ihrem Buch nun nahe, dass umgekehrt auch Warburg wesentlich von Mary Hertz inspiriert wurde, nicht zuletzt als er sich zu seiner berühmt gewordenen Dissertation über die "Geburt der Venus" und den "Frühling" von Sandro Botticelli entschloss. Dass Warburgs Lieblingslebensthema, die von Antike bis Moderne immer wiederkehrende Figur der bewegt ins Bild hineinschneienden "Nymphe", immer auch die in sein eigenes Leben hineingeschneite Mary gespiegelt haben könnte, ist immerhin eine der herzerwärmenderen Thesen der Wissenschaftsgeschichte.

Die Folgen waren auf jeden Fall für beide herausfordernd. Ein eigener Aufsatz beleuchtet, was allein die Eheschließung damals für ein heikles Problem aufwarf. Denn Warburgs jüdisches Elternhaus war religiös konservativ bis an die Grenzen zur Orthodoxie. Die Heirat des Erstgeborenen mit einer ebenso strengen Protestantin galt zunächst als Unding, und dass der Großvater von Mary Hertz selbst einst einer Ehe wegen erst ins Christentum konvertiert war, damals ein beträchtlicher Skandal in Hamburgs jüdischer Gemeinde, das machte die Sache insgesamt nicht einfacher.

Die Autoren drängen auf die Rehabilitierung Mary Warburgs

Das eigentliche Problem, das von Hedinger und Diers hier nun herausgearbeitet wird, beginnt aber eigentlich erst da, wo aus Mary Hertz erfolgreich Mary Warburg geworden war und die Rollen der Gelehrtengattin und bald auch der Familienmutter diejenige der Künstlerin eigenen Rechts zu überschatten begann. Der künstlerische Nachruhm von Mary Warburg, die als Malerin begonnen hatte und sich später intensiv der Skulptur zuwandte, beruhte lange nur auf einem bestimmten Werk: der Büste ihres Mannes.

Von dieser bitteren Pointe ausgehend breiten Hedinger und Diers nun den kompletten Werkkatalog von Mary Warburg aus und drängen auf Rehabilitierung, verweisen auf die Zeitgenossenschaft mit dem Impressionismus in ihrer Malerei und in der Skulptur das Erbe von Florenz. Denn die Rezeption hat Mary Warburgs Arbeiten bisher bestenfalls herablassend als Produkte einer enthusiastisch vor sich hin dilettierenden höheren Tochter behandelt.

Als die Hamburger Kunsthalle sie überhaupt zum ersten Mal zeigte, erst in den Achtzigern und nur für zwei Wochen versteckt im Kupferstichkabinett, ging das offenbar nicht ohne den Hinweise, dass Mary Warburg leider nicht so avantgardistisch gewesen sei wie zum Beispiel Picasso. Immerhin hat der vor einem Jahr verstorbene Kunsthistoriker Martin Warnke damals erste Schüler auf das Thema angesetzt; das langfristige Ergebnis liegt nun vor. Posthum kommt Warnke hier sogar noch einmal zu Wort, in seinem vielleicht letzten Aufsatz geht es um Warburgs Einsatz für die Gegenwartskunst (Marc, Nolde, aber auch das Hamburger Bismarckdenkmal).

Sie fühlte sich, "als wenn mir die Flügel geschnitten sind"

Man kann das Ganze als wichtigen Forschungsbeitrag zur Hamburgischen Kunstgeschichte in den Schrank stellen, man kann es aber auch als ebenso erhellendes wie erschütterndes Stück Literatur über Möglichkeiten und Beschränkungen einer ambitionierten Frau unter großbürgerlichen Eheverhältnissen lesen - als einen Roman, der den beklemmenden Vorzug hat, nicht ausgedacht zu sein.

"Ich bin unzufrieden mit mir", schreibt Mary Warburg schon ein paar Jahre nach der Hochzeit in ihr Tagebuch: "und zwar besonders darüber, daß ich unzufrieden mit den Verhältnissen bin, die es mir unmöglich machen, so recht für meine Kunst zu leben." Es komme ihr vor, "als wenn mir die Flügel geschnitten sind". Noch ihr Bruder wird in der Grabrede auf sie 1934 auf diesen Konflikt zu sprechen kommen, auch auf Konflikte mit ihrem Mann, "worunter sie doch sehr litt, ohne sich hier den Ruck geben zu können." Was auch immer er damit andeuten wollte.

Bärbel Hedinger, Michael Diers: Mary Warburg, Porträt einer Künstlerin. Hirmer Verlag, München 2020. 536 Seiten, 68 Euro.

© SZ
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