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Literaturfestival zum Wendejahr:Eine Kuh für die Welt der Geister

Fidel Castro und Michail Gorbatschow, 1989

Fidel Castro und Michail Gorbatschow, 1989 Der sowjetische Staats- und Pasrteichef Michail Gorbatschow zu Besuch beim kubanischen Staatschef Fidel Castro in Havanna.

(Foto: AP)

1989 ließ Fidel Castro ranghohe Militärs erschießen, auf politisches Tauwetter musste Kuba noch lange warten. Wie weit ist die Welt seitdem gekommen?

Das Jahr 1989 war in Kuba der Auftakt zur sogenannten "Sonderperiode in Friedenszeiten", von der Fidel Castro zum ersten Mal öffentlich auf einem Kongress des kubanischen Frauenverbands sprach. Nachdem er dort seinen Blick über die Anwesenden hatte schweifen lassen und ihnen mitgeteilt hatte, sie seien die Schönsten der Welt, bat er sie, nur gut auf ihre schönen Kleider aufzupassen, ihre eleganten Blusen, denn was nun komme, sei arg, eine Zeit, die allen Vorzeichen nach schrecklich werde, aber natürlich, selbstverständlich werde die Revolution standhalten. Da erhoben sich alle Anwesenden und klatschten Beifall, ob wegen der Aufrichtigkeit des Comandante, des von ihm garantierten Überlebens des kubanischen Sozialismus, der tropischen Schmeichelei oder allem zusammen, ist nicht zu sagen.

Im selben Jahr sollte Fidel, der sich schon als Chefmeteorologe versucht hatte (indem er den genauen Ort vorhersagte, an dem die Wirbelstürme vorbeidefilieren sollten, und der Natur damit geradezu Befehle erteilte) sowie als Chefviehzüchter (er war der Besitzer der Kuh, die den Weltrekord in der Milchproduktion hielt, der legendären Ubre Blanca, die nach ihrem Tod ausgestopft wurde, um auch die kubanische Geisterwelt weiter mit Milch zu versorgen) - im selben Jahr also sollte Fidel der Welt ein weniger sympathisches Gesicht zeigen: als Chef eines Erschießungskommandos, da nach einem der ersten langwierigen und angespannten Gerichtsprozesse, die im Staatsfernsehen übertragen wurden, der General Arnaldo Ochoa und weitere hohe Offiziere der kubanischen Armee, Veteranen des Angola-Krieges und der Revolutionsguerilla in der Sierra Maestra, wegen Drogenhandels, unrechtmäßiger Bereicherung und Landesverrats schuldig gesprochen und zum Tod durch Erschießen verurteilt wurden.

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In der Bevölkerung kursierte das Gerücht, die wahre Schuld an der Erschießung des Generals Ochoa und der weiteren Offiziere trage niemand Geringeres als Gorbatschow, denn der Generalsekretär der KPdSU reiste von einem sozialistischen Land ins nächste, mit dem halb geäußerten, halb geheim gehaltenen Wunsch, die alten Diktatoren durch junge und vorzeigbare Regierende zu ersetzen.

Der Russe mit dem Feuermal war Fidel Castro von Anfang an unsympathisch gewesen

Ochoa, Held der kubanischen Republik, schien der geeignete Kandidat zu sein, um alle Posten zu übernehmen, die bis ins besagte Jahr 1989 Fidel Castro, abgenutzter Repräsentant aus Kalten Kriegszeiten, innehatte, und um dem kubanischen Sozialismus ein menschlicheres Gesicht zu verleihen. "Papperlapapp", sagte sich offenbar Fidel, der Russe mit dem Feuermal auf der Stirn war ihm schon von Anfang an unsympathisch gewesen, als er nach Tschernenkos Tod die sowjetische Führung übernahm und sich über Glasnost und Perestroika zu verbreiten begann - Wörter, die die karibischen Regierungschefs ins Stottern brachten.

Für viele Durchschnittskubaner schien 1989 jedoch eine Zeit der Hoffnung zu sein, eine Zeit der Träume, der Eiserne Vorhang bekam Risse, und was draußen vor sich ging - der Fall der Berliner Mauer, die Demokratisierung Polens, Rumäniens und die Veränderungen in der Sowjetunion, die plötzlich keine monolithische Nation mehr war -, schien Kuba schließlich die ersehnte Freiheitsbrise zu bringen.

Dazu kam es aber nicht, oder zumindest nicht so, wie wir gehofft hatten. Viele Jahre mussten vergehen, bevor die Kubaner eines Tages aufwachten und jemand das Land regierte, der nicht den Familiennamen Castro trug, obwohl der aktuelle kubanische Präsident in Rede und Ausdruck mehr von einem Castro zu haben scheint als die Namensträger selbst; der Respekt vor der Freiheit des Individuums und der Presse ist sogar noch geringer geworden, wenn wir den Vergleich zu jener ephemeren Epoche namens Raulismus nach Fidels Tod ziehen - ein demokratischer Aufbruch, der im Besuch Obamas und der Wiederherstellung beiderseitiger diplomatischer Beziehungen gipfelte und mit dem nordamerikanischen Regierungswechsel und dem Rückzug Raúl Castros wieder endete.

Marcial Gala

Der Autor und Architekt Marcial Gala, geboren 1965, lebt in Cienfuegos und Buenos Aires. Zuletzt erschien auf Deutsch sein Roman „Die Kathedrale der Schwarzen“ (Nagel & Kimche, 2019).

(Foto: Ana Eichenbronner)

Zugleich denkt man sich beim Rückblick auf diese dreißig Jahre: Was ist eigentlich von 1989 noch übrig in einer Welt, die inzwischen unter dem Zeichen von Religionskriegen steht, von wiedererstarkendem Totalitarismus, von Fremdenfeindlichkeit und einem Klimawandel, der einen Punkt erreicht hat, an dem der Planet sagt: "Basta, Mensch hat ausgedient"?

Wurde am 11. September 2001 die Gewissheit begraben, die Welt könne ein besserer Ort werden?

Worin haben wir uns geirrt, dass wir diesen Paradigmenwechsel nicht genutzt haben, um die Gesellschaft tatsächlich zudemokratisieren, einen neuen und unverstellten Blick aufzusetzen, der die Ost-West-Dichotomie überwindet? Warum haben die Götter plötzlich aufgehört, bloße Moralgespenster zu sein und sich in Causus Belli verwandelt, sodass Tausende im Namen der verschiedenen Auffassungen von Religion sterben? Warum ist es, nachdem der Kalte Krieg beendet und die Welt nicht mehr in einen roten und einen blauen Block aufgeteilt ist, unmöglich, den sozial und wirtschaftlich entwicklungsschwächsten Ländern echte Hilfe zu gewähren? War die Zerstörung der Twin Towers das Spiegelbild des Berliner Mauerfalls? Wurde am 11. September 2001 mit dem Einsturz der Zwillingstürme die Gewissheit begraben, die Welt könne sich beginnend mit dem Berliner Mauerfall in einen besseren Ort verwandeln? Wird die Erderwärmung (die Städte und sogar Länder in ihrer Existenz bedroht, wenn der Meeresspiegel weiter ansteigt) es eines Tages auf die globale Agenda schaffen?

Fragen über Fragen, so viele, dass sie schier nicht zu beantworten sind. "Etwas ist faul im Staate Dänemark", sagte Shakespeare im Hamlet, und um die verrückte Weltnation, die diesen Planeten besiedelt, hat es noch nie so schlecht gestanden; die Möglichkeit, die engstirnigen Nationalismen zu überwinden, die Bagatellen, die uns entzweien, anstatt uns anzunähern, rückt in immer weitere Ferne.

Seit dem Fall der Berliner Mauer haben wir so viel Wahnsinniges erlebt, dass sich unmöglich alles aufzählen lässt, der Völkermord in Ruanda, die Balkankriege, religiöser Fanatismus im Nahen Osten, die Machtübernahme durch Extremisten, Rechte genauso wie Linke, die Weltpolitik betreiben, als handle es sich um Filme à la Marvel oder Walt Disney statt um Realität, das Wiedererstarken der extremen Rechten in Ländern wie Frankreich, Spanien, Italien und Deutschland selbst und Rassismus, der sich offenbar an vielen Orten der Welt wieder regt und festigt.

Alles in allem bleiben die Herausforderungen unverändert groß und im Machtvakuum, das durch das Verschwinden des sogenannten sozialistischen Lagers entstanden ist, greifen heute politische und religiöse Strömungen um sich, die nahezu eine Rückkehr in Zeiten bedeuten, die von der Menschheit längst überwunden schienen. Werden wir in der Lage sein, diesen Herausforderungen zu begegnen?

Aus dem Spanischen von Laura Haber.

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