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Serie "Stimmen der Demokratie":Wir befinden uns in einer globalen Krise der Demokratie

Thomas Manns Radioansprachen

Thomas Mann 1938 im Studio des New Yorker Radiosenders WQXR, wo er einen Vorläufer seiner BBC-Ansprachen vortrug.

(Foto: Eric Schaal/Weidle Verlag)

Zum Auftakt der Serie "Stimmen der Demokratie" erinnert Francis Fukuyama an Thomas Manns Radioansprachen - und an Dissidenten in aller Welt, die seinen Kampf heute fortsetzen.

Im Herbst 1940 bat der britische Radiosender BBC den deutschen Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, in seinem amerikanischen Exil kurze Radiovorträge zu verfassen, die sie nach Nazi-Deutschland senden würden. Erste Ansprachen schickte Mann aus seiner Villa in den Pacific Palisades in Los Angeles noch als Manuskripte nach London. Ab März 1941 sprach er seine Texte im Studio der NBC selbst ein. Die Aufnahmen wurden auf Schallplatte nach New York geschickt und von dort nach London gekabelt. 55 Ansprachen verfasste er bis Kriegsende.

Manns Villa in den Palisades blieb nach seiner Rückkehr in die Schweiz 1952 in privaten Händen. 2016 gelang es der Bundesregierung, das Anwesen zu kaufen und so vor einem Abriss zu retten. Am 18. Juni 2018 eröffnete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Haus als deutsch-amerikanische Begegnungsstätte. Der Trägerverein hat nun die Idee der Radioansprachen Thomas Manns wieder aufgenommen und veranstaltet eine Reihe mit Ansprachen für die Demokratie, die die SZ abdruckt und der Deutschlandfunk sendet.

Der erste Beitrag ist von Francis Fukuyama, dem amerikanischen Politologen, der 1992 mit seiner Theorie vom "Ende der Geschichte" berühmt wurde. Derzeit arbeitet er an der Stanford University.

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Thomas Mann hat in diesen Zeiten eine besondere Relevanz. Die Rolle, die er während der Nazizeit im Exil einnahm, vor allem seine im Krieg nach Nazideutschland ausgestrahlte Radiosendung "Deutsche Hörer!" war ein wichtiger Vorläufer für den heutigen Dissens mit Tyrannenstaaten und autoritären Regimen. Für mich persönlich hat Manns Arbeit im Exil eine besondere Bedeutung, weil ich Direktor eines Instituts namens "Center on Democracy Development and the Rule of Law" an der Stanford-Universität bin. Wir bieten Kurse für Menschen an, die sich für die Demokratie einsetzen. Die meisten von ihnen sind Aktivisten aus der Zivilgesellschaft, manche sind Journalisten, wieder andere arbeiten für Regierungen, die sich demokratisieren wollen. Und tragischerweise sehen wir uns heute der gleichen Art von autoritären Regierungen gegenüber wie seinerzeit Thomas Mann.

Ähnlich wie Thomas Mann in den Vierzigerjahren nur aus dem Ausland zu seinen deutschen Landsleuten sprechen konnte, können auch einige der Absolventen unserer Programme nur aus dem Ausland zu ihren Mitbürgern sprechen und Widerstand gegen die Regime leisten. Ein paar von ihnen möchte ich beim Namen nennen. Nancy Okail hatte zur Zeit des Arabischen Frühlings für das National Democratic Institute in Ägypten gearbeitet. Nach mehrmonatiger Haft ging sie nach Washington, wo sie das Tahrir Institute of Middle East Policy gründete und sich gegen die Diktatur unter General Sisi aussprach.

Saeid Golkar schreibt seit seiner Flucht aus seinem Heimatland Iran wissenschaftliche Arbeiten über die Revolutionsgarde und die Basidsch-Miliz, das militärische Fundament des iranischen Regimes. Schanna Nemzowa ist die Tochter von Boris Nemzow, einem berühmten russischen Dissidenten und Politiker, der 2015 in der Nähe des Kreml ermordet wurde. Weil sie nicht mehr in Russland leben kann, arbeitet sie als Journalistin von Deutschland aus. David Smolansky war Bürgermeister einer Oppositionspartei in Venezuela und befindet sich nach seiner Flucht über die brasilianische Grenze in Washington. Sie alle folgen der Tradition Thomas Manns.

Autoritäre Regime betreiben die Einschüchterung ihrer Gegner auch außerhalb der eigenen Grenzen

Dass sie und viele andere nicht gefahrlos in ihre Heimatländer reisen können, zeigt die Verschiebungen, die in den vergangenen Jahren in der globalen Politik stattgefunden haben. Da ist die Konsolidierung der autoritären Regime in China, Russland oder Saudi-Arabien, die sehr selbstbewusst versuchen, ihren Einfluss in der Welt zu stärken. Viele autoritäre Regime betreiben die Einschüchterung ihrer Gegner auch außerhalb der eigenen Grenzen, wie die Ermordung des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi in der Türkei vergangenes Jahr zeigte. Vor allem Russland hat sich zu einer Kleptokratie entwickelt, die den eigenen Bürgern ihre Vermögen entzieht und ins Ausland verlagert, wo korrupte Beamte und dem Regime wohlgesonnene Geschäftsleute gegen die Menschen vorgehen, die ihre Tätigkeiten aufdecken könnten.

Da ist außerdem der Aufstieg des Populismus. Angefangen mit zwei der etabliertesten Demokratien überhaupt, den USA und Großbritannien, lässt sich beobachten, wie Politiker ihre Mandate nutzen, um die demokratischen Normen zu unterminieren, die die Säulen einer wirklich liberalen Gesellschaft darstellen: die Rechtsstaatlichkeit, die Gewaltenteilung, die Unabhängigkeit der Justiz und die freie Presse.

In Europa hat Ungarn die Unabhängigkeit von Justiz, Medien und zivilgesellschaftlichen Organisationen wie der Central European University, die die Fidesz-Regierung zur Verantwortung ziehen könnten, am stärksten unterminiert.

In den USA kam Donald Trump an die Macht und erklärte im Stil eines klassischen Demagogen, dass "er allein" die Probleme der Nation verstehe und lösen könne und dass die Mainstream-Medien "Feinde des amerikanischen Volkes" seien. Er griff dabei alle Institutionen der Gewaltenteilung an, die die Macht der Exekutive einschränken sollen. Dabei wird er aus dem Ausland von autoritären Mächten wie Russland unterstützt.

Thomas Mann im Jahr 1941 mit Frau Katia und zwei Enkelkindern vor seiner Villa in den Pacific Palisades.

(Foto: AP)

Wir befinden uns in einer globalen Krise der Demokratie, in der die offene, tolerante Gesellschaft unter gewaltigem Druck steht. In diesem Kampf haben wir uns rückwärts bewegt. Thomas Mann litt in seiner Laufbahn unter einer weiteren Sache, gegen die wir uns wappnen müssen: seine Vorladungen vor das House Un-American Committee (das Komitee für unamerikanische Umtriebe im Repräsentantenhaus), also die Vorurteile gegen dissidentische Meinungen, die auch in den etabliertesten Demokratien existieren. Leider taucht dieser Trend heute in den USA, in Europa und in anderen Ländern, die eigentlich Bastionen der freien Gesellschaft sein sollten, wieder auf.

Das Beispiel Thomas Manns kann all jenen als Inspiration dienen, die sich in dem Kampf wiederfinden, den er in den 1940er-Jahren bestritt. Es ist wichtig, dass wir uns daran erinnern, dass es am Ende dieses Prozesses Hoffnung gibt; dass Menschen nicht unter tyrannischen Regimen leben wollen; dass sie in ihrem Denken, Schreiben und Handeln frei sein wollen.

In den vergangenen Jahren haben wir an vielen Orten Aufstände gegen Diktaturen und Kleptokratien gesehen: in der Ukraine, im Sudan, in Armenien, Algerien, Äthiopien, Nicaragua, Venezuela und jüngst Hongkong. Diese Menschen verdienen die Unterstützung all jener, die in demokratischen Ländern leben und auch weiterhin ihre eigenen Freiheiten genießen wollen - so wie die Regierungen, gegen die sie protestieren, von autoritären Mächten aus dem Ausland unterstützt werden.

Aus dem Englischen von Cornelius Dieckmann

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