Man-Booker-Preis für Anna Burns Mit den Mitteln der Empathie

Anna Burns

(Foto: AP)
  • Anna Burns wird mit dem Man-Booker-Preis ausgezeichnet.
  • In ihren Büchern beschäftigt sie sich mit dem Nordirlandkonflikt. Mit den Mitteln der Empathie erlaubt Burns es ihren Lesern, einen anderen Blickwinkel einzunehmen.
  • Mit Burns erhält erstmals eine Autorin aus Nordirland den Preis. In Zeiten der Brexitverhandlungen mag das kein Zufall sein.
Von Karin Janker

Es sei eine frappierende Erfahrung, "Milkman" zu lesen, sagt die Londoner Professorin Jacqueline Rose über den Roman, der den diesjährigen Man-Booker-Preis gewonnen hat. Schon auf den ersten Seiten sei ihr das Buch von Anna Burns preiswürdig erschienen, so das Jury-Mitglied. Der Roman aus der Perspektive einer 18-jährigen Ich-Erzählerin beginnt mit einer Szene der Gewalt: "Der Tag, an dem Somebody McSomebody eine Pistole auf meine Brust richtete und mich 'Kätzchen' nannte und damit drohte, mich zu erschießen, war der gleiche Tag, an dem der Milchmann starb." Die Namenlosigkeit der Figuren gehört zum Konzept, der Roman kreist um Identität und das Verbergen dieser: Nicht nur McSomebody, auch die Protagonistin und der titelgebende Milchmann tragen keine Namen.

Anna Burns, die den Literaturpreis am Dienstagabend mit den Worten "Ach, du meine Güte" entgegennahm, wurde 1962 in Belfast geboren und wuchs mit sechs Geschwistern im katholischen Arbeiterviertel Ardoyne auf. Als sie 14 Jahre alt war, starb ein Freund von ihr im Kugelhagel. Es war das Jahr 1976, Höhepunkt der Troubles, wie der Bürgerkrieg in Großbritannien noch immer heißt. Im selben Jahr starben zwei weitere Freunde. Burns sagt, beim dritten habe sie schon nichts mehr gefühlt. "Damals vergaßen die Leute die Namen der Opfer eine halbe Stunde, nachdem sie tot waren." Diese Art von emotionaler Amputation verarbeitete sie in ihrem Debüt "No Bones" (2001).

Es sei eine Zeit gewesen, in der es besser war, unauffällig zu sein, heißt es nun in "Milkman". Auch Burns' dritter Roman erzählt vom Nordirland-Konflikt und den Auswirkungen der Gewalt auf die Gesellschaft. Diese verwandle Menschen in so etwas wie "eingefleischte Wachhunde". Burns' Art, über diese Gewalt zu schreiben, gefällt nicht allen: Ihr Schriftstellerkollege Danny Morrison bezeichnete "No Bones" als "misanthropisches Porträt" der Menschen in Ardoyne und sorgte sich, dass Leser aus dem Süden Irlands oder aus England die Geschichte für eine wahrheitsgetreue Darstellung der Realität halten könnten. Morrison empfahl seiner Kollegin für den nächsten Roman "ein wenig mehr Disziplin und ein bisschen Anleitung". Dass Burns derartige Unterweisungen nicht nötig hat, beweist spätestens die Auszeichnung mit einem der renommiertesten Literaturpreise der Welt.

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Erstmals geht der Booker-Preis an eine Autorin aus Nordirland. Das mag in einer Zeit, in der die Brexitverhandlungen in der Nordirlandfrage kulminieren, kein Zufall sein. Zwar sind Literaturpreise nicht Politik, aber Literatur kann einen Beitrag zur Aufarbeitung leisten, weil eines ihrer Mittel die Empathie ist. Literatur wie die von Anna Burns, die nicht eine dominante Sichtweise wiedergibt, sondern in Ambivalenzen erzählt, erlaubt ihren Lesern das Einfühlen in andere Blickwinkel. Man kann darin ein friedenstiftendes Potenzial von Literatur sehen.

Für Burns ist es ein später Durchbruch: Bevor sie mit Mitte 30 zu schreiben begann, hatte sie in Zeitungen und im Fitnessstudio gejobbt und von Sozialleistungen gelebt. Mit 16 Jahren brach sie die Schule ab, das Abitur holte sie in Abendkursen nach. 1987 verließ sie Belfast, ging nach London, um Französisch und Russisch zu studieren und die Romane ihrer Jugend im Original zu lesen.

Ihre Arbeit als Schriftstellerin sei ein Prozess des Wartens, bis die Figuren ihr unverhofft ihre Geschichten erzählten. Ihr neues Werk entstand aus der gestrichenen Passage eines anderen Textes: Zunächst hatten die Figuren noch Namen, aber so habe die Geschichte nicht funktioniert, sie tilgte alle; herausgekommen ist "Milkman". Die Stadt, in der die Handlung spielt, heißt deshalb auch nicht Belfast. Burns sucht nicht nur räumliche Distanz zu der Stadt, die sie fast umgebracht hätte; auch Fiktion schafft Distanz. Eine Gemeinsamkeit mit ihrer Protagonistin bekennt die Autorin aber: Auch sie habe als junge Frau immer im Gehen gelesen.

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