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"Malcolm & Marie" auf Netflix:Die Nacht nach der Party

Malcolm Marie Netflix Film

Hier ist grad Pause zwischen den Akten eines fiesen Streits: Malcolm (John David Washington) und Marie (Zendaya).

(Foto: Dominic Miller/Netflix)

Beziehungskrach eines Hollywood-Paars: Der Netflix-Film "Malcolm & Marie" wurde während der Pandemie in Quarantäne gedreht.

Von Kathleen Hildebrand

Als sie nach Hause kommen, geht Marie erst einmal aufs Klo. Sie stapft auf ihren Highheels ins Badezimmer, mit einer Verve, die zeigt, dass sie fertig ist mit diesem Abend, die metallisch glänzende Robe muss jetzt nicht mehr präsentiert werden, das Partylächeln darf vom Gesicht rutschen. Die Kamera folgt ihr bis zur Tür, bleibt dann auf Abstand. Aber man sieht, wie sie die Strumpfhose runterzieht und sich hinsetzt.

Kloszenen, die einfach nur Kloszenen sind, sind selten im Kino, zumal im schamhaften Hollywood. Dass der Regisseur Sam Levinson seinen Film damit beginnen lässt, heißt, es wird intim, es wird authentisch, die unschönen Seiten werden nicht ausgespart. Wobei auch das natürlich ein Modus des Kinos ist, der besonders kalkuliert sein kann. Dieser Widerspruch wird in "Malcolm & Marie" zum Thema, ganz explizit in den Dialogen dieses klugen, witzigen Paars. Und Pinkelpausen werden zum wiederkehrenden Motiv.

Marie und Malcolm kommen also nach Hause in einen fantastisch eleganten Bungalow in Malibu. Sie waren auf der Premierenfeier für Malcolms ersten Spielfilm, er ist Drehbuchautor und Regisseur. Das Publikum war begeistert, die Kritiker taten zumindest so, und Malcolm wartet nun darauf, dass die ersten Rezensionen online gehen. Er ist euphorisch, will feiern, schenkt sich einen Whiskey ein und hält einen Monolog über den Triumph, den er gerade erlebt hat. Auch "das weiße Mädchen von der L.A. Times" hat ihm Komplimente gemacht. Er sei "der nächste Spike Lee". Mit weißen Filmemachern habe sie ihn nicht verglichen, weil er eben schwarz sei. Hautfarbe ist ein Thema in diesem Film. Und ist es doch wieder nicht.

Mit dem Feiern wird es dann aber nichts in dieser Nacht. Marie, gespielt von der in den USA auch als Sängerin sehr berühmten Zendaya, ist nämlich richtig sauer. Während Malcolm redet, steht sie an der offenen Terrassentür und raucht in die kalifornische Nacht hinaus. Malcolm hat auf der Party einen Fehler gemacht. Den Fehler, vor dem sich jeder fürchtet, der jemals eine Dankesrede halten musste: Er hat die wichtigste Person vergessen. Marie. In ihren Augen ist das kein Fauxpas, sondern ein Symptom. Die Nacht wird brutal werden.

John David Washington, der Sohn von Denzel, ist der neue Star

John David Washington spielt diesen Malcolm. Man kennt ihn aus "BlacKKKlansman" und "Tenet". Er gilt als neuer Star in Hollywood, ist der Sohn von Denzel Washington und hat eine irre Leinwandpräsenz. Aber wenn Marie ihn im Lauf ihres kolossalen Streits einmal richtig trifft, seinen Narzissmus aufspießt, dann guckt er wie ein Kind, das man beim Schwindeln erwischt hat.

In den Pausen zwischen den Akten des Krachs - es ist herrlich genau beobachtet, wie die beiden abkühlen, sich wieder erhitzen, wie die Stimmung von versöhnlichem Witzemachen in neuerliches Zerfleischen kippt - geht es um die Kunst. In halb gespielten, halb echten Tiraden wird Malcolm sich in dieser Nacht darüber ereifern, dass Schwarze in Hollywood nicht einfach Filme drehen können, sondern immer nur "politische" Filme.

Ihre Hautfarbe sei das Einzige, worüber die Kritiker schreiben, nichts anderes sähen sie. Dabei geht es ihm, dem Professorensohn mit College-Abschluss, doch um Kunst. Und um Handwerk. Um das große künstlerische Handwerk des Films. Von "Authentizität" hält er nichts. Marie sieht das ein bisschen anders. Sie ist nämlich überzeugt, dass Malcolm ihr Leben, ihre frühere Drogenabhängigkeit, ihre Depressionen, verfilmt hat. "Du hast es gestohlen!"

Im Grunde ist "Malcolm & Marie" genau der Film, den Malcolm drehen wollen würde. Er sieht wunderschön aus, ist in einem so kontrastreichen Schwarzweiß gefilmt, dass man sich als Zuschauer oft wie in einem Hochglanzmagazin fühlt, wahlweise für Mode (Malcolm, Marie) oder für Architektur (der Bungalow). Er fühlt sich, trotz seiner Kammerspielhaftigkeit, nie statisch an, weil die Kamera den Figuren so dynamisch durch die Flure und Zimmer folgt. Manchmal wird das begrenzte Setting zum Garten hin geöffnet. Dort steht ein alter Baum, hinter dem Marie, ja, einmal pinkeln geht.

Er ist aber auch genauso unpolitisch, wie Malcolm es für Filme von und mit Schwarzen als Möglichkeit fordert. Der Streit, den die beiden ausfechten, ist ein klassischer Beziehungsstreit. Es geht um Wertschätzung, Egozentrik und um die Frage, warum man jemanden liebt. Er ist universal. Regie geführt hat bei "Malcolm und Marie" allerdings Sam Levinson, ein weißer Regisseur. Könnte man ihn sonst auch so unpolitisch lesen? Die Meta-Ebenen dieses Films nehmen kein Ende.

Dass es ihn überhaupt gibt, liegt wiederum an etwas ganz und gar Außerfilmischem. Zendaya, die den Film auch produziert hat, und Levinson kannten sich von der Serie "Euphoria", die wegen Corona pausieren musste. Um dem Team trotzdem Arbeit zu geben, überlegten sie, was für eine Produktion in der Pandemie möglich wäre. "Malcolm & Marie" wurde im Sommer 2020 gedreht, das komplette Team befand sich während der Arbeit im kalifornischen Nobelferienort Carmel in Quarantäne. Zwei Wochen lang hockte das Team auf dem Anwesen zusammen, auf dem auch der Bungalow steht. Niemand durfte raus. Was sie brauchten, hatten sie mitgebracht.

Diese erzwungene Konzentration hat dem Film gutgetan. Die Chemie zwischen Washington und Zendaya ist großartig, jeder der beiden ist mit einer Intensität bei der Sache, die beeindruckt. Wenn die Zeit mit Corona ein paar so perfekt kondensierte Stücke hervorbringt, dann wird sie für den Film vielleicht doch keine ganz verlorene gewesen sein.

Malcolm & Marie - USA, 2021. Buch und Regie: Sam Levinson. Kamera: Marcell Rév. Mit: Zendaya, John David Washington. Netflix, 106 Minuten.

© SZ/kni
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