Mädchenstatue an der Wall Street Ein furchtloses Mädchen gegen die Männerdominanz der Finanzwelt

Der Bronze-Bulle an der Wall Street ist ein Symbol männlichen Gewinnstrebens. Seit Mittwochnacht stellt sich ihm ein kleines Mädchen entgegen. Was steckt dahinter?

Von Johanna Bruckner, New York

Chimamanda Ngozi Adichie würde dem "Furchtlosen Mädchen" aus Bronze, das sich dem weltberühmten Wall-Street-Bullen entgegenstellt, vermutlich ermutigend die Hand auf die Schulter legen. Die in Nigeria geborene Autorin sprach am Dienstagabend nur wenige Hundert Meter von der Wall Street entfernt über Feminismus in der Ära Trump. Sie sei Pragmatikerin, erzählte Adichie ihren Zuhörern, das bedeute für sie zum Beispiel: Wenn der Begriff "Feminismus" abschrecke und Diskussionen verhindere - weg damit. Sie beginne Gespräche lieber mit einer Frage: "Stimmst du zu, dass Männer und Frauen gleich viel wert sind?" Adichie müsste wohl nicht zweimal überlegen, ob eine Mädchen-Statue an einem von Männern dominierten Ort eine gute Idee ist. Natürlich!

Und was für ein Mädchen das ist: Breitbeinig, die Hände in die Hüften gestemmt, blickt es mit trotzig-selbstbewusstem Blick in Richtung des Bullen, der keine sechs Meter entfernt steht. Die Bronzestatue, die pünktlich zum Weltfrauentag am Beginn des Broadway im Financial District in Manhattan aufgestellt wurde, ist eine Idee der Werbeagentur McCann New York im Auftrag von State Street Global Advisers. Die Firma mit Sitz in Boston ist der drittgrößte Vermögensverwalter der Welt mit einem Volumen von fast 2,5 Billionen US-Dollar. Der Investmentmanagement-Riese hat jüngst eine großangelegte Kampagne gestartet, die mehr Frauen in Vorstände bringen soll. Das klingt allzu bekannt, geändert haben solche Initiativen bislang wenig.

Einer aktuellen Studie zufolge wird es noch mindestens 40 Jahre dauern, bis in den Vorständen der Russell-3000-Index-Firmen - einer der weltweit größten Aktienindizes - gleich viele Frauen wie Männer vertreten sein werden. Und noch immer gibt es bei einem Viertel der dort gelisteten Unternehmen keine einzige Frau im obersten Management. Man könnte die Mädchenstatue also leicht als bloße Symbolpolitik abtun. Was soll ein Mädchen im Grundschulalter schon gegen den Charging Bull ausrichten? Der scharrt seit 1989 an der Wall Street mit den Hufen, eine Manifestation männlichen Gewinnstrebens.

Frauen nutzen Unternehmen - an den Zahlen ändert das wenig

Doch State Street belässt es nicht bei einer Bronzestatue. Der Vermögensverwalter hat im vergangenen März einen Index herausgebracht, in dem Unternehmen mit einer hohen Diversität im Vorstand zusammengefasst sind. Name des Index: SHE. Die Motivation ist dabei nicht allein Frauenförderung. State Street zitiert aus einer Studie, wonach Unternehmen mit mindestens drei weiblichen Vorständen um 36 Prozent höhere Gewinne auf das Firmenkapital erwirtschaften als Unternehmen, bei denen das nicht der Fall ist. Andere Untersuchungen belegen einen positiven Zusammenhang zwischen dem Frauenanteil im Vorstand und dem Firmenwachstum.

Doch finanzielle Anreize sind nicht genug. "Ich habe das Gefühl, dass jeden Monat eine Studie herauskommt, die Argumente für Geschlechter-Diversität in der Unternehmensführung liefert", sagte Brande Stellings der Washington Post. Stellings ist Vizepräsidentin von Catalyst, einer Non-Profit-Organisation, die sich für die Belange von Frauen in der Wirtschaft einsetzt. "Offensichtlich reicht der Business Case als Motivation nicht aus." State Street geht deshalb nun einen Schritt weiter: Wenn jene mehr als 3500 Unternehmen, an denen State Street Anteile hält, nicht daran arbeiten, ihre Chefetagen weiblicher zu machen, will die Investment-Firma aktiv eingreifen.

Wenn ein Unternehmen mittelfristig nicht mindestens eine Geschäftsführerin vorweisen könne oder anderweitig belege, dass Anstrengungen unternommen werden, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen, behält sich der Vermögensverwalter vor, gegen Personalentscheidungen zu votieren. State Street hat zum Beispiel die Möglichkeit, Mitglieder des Kontrollausschusses oder sogar Vorstandsvorsitzende zu verhindern - diese wiederum sind für die Besetzung des Vorstands zuständig.

"Sie macht einen Unterschied"

Das ist eine starke Drohung, allerdings ist sie auch unkonkret. Wie lange State Street den Unternehmen Zeit zur Veränderung gibt, sagt der Investmentmanager nicht. Doch State Street macht für sich geltend, dass man bereits in der Vergangenheit bewiesen habe, dass dies keine Whitewashing-Kampagne sei, dass man nicht nur leere Versprechungen mache. Lori Heinel, Deputy Global Chief Investment Officer bei State Street, sagte der Washington Post: Allein im Jahr 2015 habe man 350 Mal gegen einen Vorstand gestimmt, weil es Bedenken gegeben habe, dass dieser nicht genug tue, um Frauen in das Gremium zu befördern.

Zumindest in der kommenden Woche wird ein Mädchen aus Bronze State Street an den eigenen Anspruch erinnern. So lange hat die Stadt New York eine Erlaubnis für die Statue erteilt. Zu deren Füßen ist eine Plakette angebracht, darauf ist zu lesen: "Sei dir bewusst, was Frauen in Führungspositionen erreichen können." Dem dürfte nicht nur Chimamanda Ngozi Adichie zustimmen, sondern auch eine andere berühmte Frauenfigur New Yorks. Die Lichter der Freiheitsstatue blieben in der Nacht zu Mittwoch aus - Lady Libertys Beitrag zum "Tag ohne Frauen", zu dem die Organisatoren der Frauenmärsche in den USA aufgerufen hatten.

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