"Losleben" von Katharina Finke:Baby an Bord

Lesezeit: 3 min

Katharina Finke
"Losleben"
Malik Verlag

Die Autorin Katharina Finke mit ihrer Tochter vor dem Gletscher Perito Moreno.

(Foto: David Weyand)

Was passiert, wenn eine weltreisende Konsumkritikerin Mutter wird? Katharina Finke schreibt über Rollenbilder und die Möglichkeiten, als junge Familie die Erde zu entdecken.

Von Irene Helmes

"Eltern zu sein und zu reisen hat etwas gemeinsam: Beides eröffnet neue Perspektiven." So weit, so potenziell banal. Doch Katharina Finke hat eine durchaus ungewöhnliche Geschichte zu erzählen vom Versuch, das Leben nach eigenen Vorstellungen zu führen und zugleich das Beste fürs Kind zu wollen.

Während andere Kinder also im Hinterhof oder im Tierpark spielen, bekommt Finkes Tochter Yva noch vor ihrem zweiten Geburtstag Pinguine, Seeelefanten und Gürteltiere in der freien Natur Patagoniens zu sehen, hat Wüsten als Sandkästen, schläft, schreit und lacht in Bussen, Schiffen und Flugzeugen. Als Spielzeug sind kaum mehr als ein paar Fingerpüppchen dabei, denn Finke gibt Erlebnissen stets den Vorzug vor Besitz.

Auch zu dieser Lebenseinstellung hat die freie Journalistin über das Reisen gefunden. Sie hat in New York, Peking und Lissabon gewohnt und fast alle Kontinente gesehen. Seit 2012 lebte sie nur noch aus zwei Koffern und einem Rucksack, trennte sich bis auf ihr Fahrrad und einen Umzugskarton von fast allem weiteren Besitz. Darüber veröffentlichte sie das Buch "Loslassen". Die Fortsetzung "Losleben" hat sie nun während der Pandemie von Berlin aus verfasst - als Rückblick auf drei abenteuerliche Jahre und als sehr persönliche Bestandsaufnahme zum Thema Familie.

"Völlig sicher, dass ich es schaffe"

Die Schwangerschaft überrascht sie und ihren Partner in Myanmar, Finke ist 31 und zunächst geschockt: "Mein Leben hört jetzt auf", so einer ihrer ersten Gedanken. Doch schnell wird aus Überforderung der Wunsch, auch diese Veränderung zum Besten zu gestalten. Dabei zitiert sie immer wieder Astrid Lindgren, etwa mit dem Satz: "Freiheit bedeutet, dass man nicht alles so machen muss wie andere Menschen." Finke erzählt Schwangerschaft, Geburt und Familienleben entlang der Orte, an denen sie sie erlebt. Mit Baby und Parasiten in sich kehrt sie von Indien nach Berlin zurück, nach vielen Sorgen kommt die Tochter dort gesund zur Welt.

Auch was folgt, ist keine Glamourgeschichte vom lässigen jungen Paar, das betont entspannt mit oder trotz Kind umherjettet. Es ist die Geschichte einer Frau, die sich "nicht von Angst bremsen", sondern vom Pippi-Langstrumpf-Motto leiten lassen will: "Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe." Im Buch lässt Finke kaum ein Detail aus, weder aus Scham noch zugunsten eines Spannungsbogens. Packlisten mit exakter Anzahl von Babybodys und Strumpfhosen werden ebenso aufgeführt wie genervte Diskussionen neben dem nörgelnden Kind, die Zumutung von Autofahrten über Schotterstraßen oder eine Wanderung durch Kälte und Hagel mitsamt der kränkelnden Einjährigen. Es sind auch heikle Momente, die die Touren durch Europa und Südamerika prägen.

Sich fragen, wie andere damit umgehen

Recht machen, das weiß Finke, kann sie es sowieso niemals allen beim Reizthema Familie. "Ich erzähle von anderen Optionen des Familienlebens und Elternseins und möchte Inspiration geben", schreibt sie. Ebenso aber sucht sie selbst nach Inspiration und Rat. Immer, wenn Finke an eigenen Prioritäten zweifelt, versucht sie sich durch den Vergleich mit anderen Erziehungskulturen oder wissenschaftlichen Studien eine bessere Entscheidungsgrundlage zu schaffen. Wer ihr durch das Buch folgt, erfährt so tatsächlich Interessantes zu Geburtshilfe, Elternzeitregelungen, Spielplatzstandards, Leistungsdruck, Geschlechterrollen und ihren Veränderungen in Ländern wie China, Portugal und Frankreich, in Polen oder Argentinien.

Und so sehr es Geschmackssache ist, fast im Tagebuchstil Einblick in privateste Momente zu erhalten, so sehr nimmt die Erzählung durch ihre Perspektivenvielfalt für sich ein. "Ich frage mich, wie andere Mütter und Väter damit umgehen, genau deshalb bin ich so dankbar für den Austausch mit Eltern aus anderen Ländern", schreibt Finke - und in Zeiten völlig vergifteter Debatten ist man ihr dankbar für diesen unaufgeregten Ansatz. Durch ihre vielen Kontakte und Stationen kann die Autorin tatsächlich Elternschaft interkulturell vergleichen und lässt sehr unterschiedliche Menschen zu Wort kommen.

Fast nebenbei handelt "Losleben" aber auch vom Hadern einer Weltreisenden mit ihrer eigenen Klimabilanz. Finke tut sich nicht leicht damit, vom Fliegen loszukommen, doch am Ende der Erzählung wird sie seit zwei Jahren am Boden geblieben sein. Nicht wegen der Pandemie, Politik oder Familienzwängen, wie sie betont. Sondern weil sie es so wollte.

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