Liv Lisa Fries im Porträt "Ich kann mich nicht mit jeder Rolle neu erfinden, aber ich versuche es"

Liv Lisa Fries

(Foto: Stefan Klüter)

Liv Lisa Fries überzeugt in extremen Frauenrollen. Sie kann sich die Charaktere ganz zu eigen machen - und das hört hinter der Kamera nicht auf.

Von Friederike Oertel

Wie lange dauert das eigentlich noch, bis Liv Lisa Fries keine Nachwuchshoffnung mehr ist? Die 26-Jährige Schauspielerin, Jeans, weinroter Wollpullover, lockiger Bubikopf, schnaubt. "Das frage ich mich auch. Wie lange bin ich denn noch im Kommen? Ich bin doch längst da". Und wie. Nicht nur auf der Leinwand. Auch im Gespräch ist Fries hundertprozentig konzentriert, ihr Blick fokussiert.

Sie will stimmige, überzeugende Antworten geben. Beim Reden fährt sie mit den Händen durch die Luft, suchend, tastend. Irgendwann schnappen Finger und Daumen zusammen, als könnten sie etwas festhalten. Und dann kommt einer dieser Sätze: "Ich kann mich nicht mit jeder Rolle neu erfinden, aber ich versuche es". Und das fasst ziemlich gut zusammen, wie sie als Schauspielerin arbeitet. Es ist schwierig, eine Darstellerin zu finden, die sich so intensiv mit ihren Rollen auseinandersetzt wie Fries.

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Es ist Freitagnachmittag in Pankow, ihrem Berliner Heimatkiez, der Terminkalender ziemlich voll. Wenn Fries derzeit in der Serie Babylon Berlin zu sehen ist und im Kinofilm Rakete Perelman, wenn sie erzählt, dass Prélude nächstes Jahr in die Kinos kommt und sie gerade für die Serie Counterpart vor der Kamera stand, dann kommen einem unweigerlich zwei Gedanken: Liv Lisa Fries ist der "Nachwuchshoffnung" entwachsen. Und sie hat ein ziemlich gutes Gespür für anspruchsvolle Frauenrollen, mit denen sie genau das erreichen konnte. "Ich habe das Gefühl, das fügt sich alles ein bisschen. Da war auch Glück dabei", sagt Fries. Und sie passt zu ihr, diese zum Understatement neigende Art.

Fries ist keine Newcomerin. Als sie das erste Mal vor der Kamera stand, war sie 14 Jahre alt. Damals hatte sie Natalie Portman in León - Der Profi gesehen, sie bewundert. Wenig später hörte sie vom Tag der offenen Tür an einer Berliner Schauspielschule, ging hin, lernte einen Agenten kennen und bekam ihre erste Rolle: Oscar Roehlers Elementarteilchen. Die Szene war klein und fiel prompt der Schere zum Opfer. Machte nichts. Sie nahm Sprech- und Schauspielunterricht und bekam wenig später eine neue Rolle. Neben Götz George in Schimanski - Tod in der Siedlung. Diesmal blieb sie drin. Ging auch gar nicht anders, sie spielte ja die Hauptrolle. Ihre erste. Im zweiten Engagement. Götz George sei ein Schauspieler, der seine Sache sehr ernst nehme, sagt Fries. "Ich war jung, das hat mich geprägt".

Auch Fries nimmt "ihre Sache" sehr ernst. Große Aufmerksamkeit erlangte sie durch Sie hat es verdient von Thomas Stiller, in dem sie die aggressive Jugendliche Linda spielt, die eine Mitschülerin zu Tode quält. Eine extreme Rolle, in die Fries, die nebenbei fürs Abi büffelte, enorm viel Kraft und Intensität steckte. "Für die Vorbereitung habe ich versucht, aus Lindas Sicht Tagebuch zu schreiben. Aber das ging nicht, weil diese Figur viel zu kalt ist, viel zu sehr mauert", erinnert sich Fries. "Ich musste loslaufen, mich wie Linda bewegen, wie sie sprechen".

Fries kann sich die Menschen, die sie spielt zu eigen machen, sie aufsaugen, absorbieren. Doch dafür müsse sie die Figur emotional begreifen, sie fühlen. Das sei ein schwieriger Prozess des Suchens: "Ich denke dann oft: Hoffentlich sieht keiner, was ich hier eigentlich mache, das wird sowieso nichts", sagt Fries ohne zu kokettieren.

Man muss das erklären: Es gibt einfach diese Menschen, die immer Erfolg haben und dennoch ständig an sich zweifeln. Fries ist so ein Mensch. Und das Zweifeln ihre Stärke. Ein innerer Antrieb, der sie weitersuchen lässt. "Und irgendwann wird es schwer zu unterscheiden: Sind das jetzt meine Gedanken oder die der Figur?", sagt Fries. Beim Dreh von Sie hat es verdient ging das so weit, dass sich Fries irgendwann danach sehnte, vom Regisseur in den Arm genommen zu werden. "Ich habe mich wie meine Figur gefühlt: einsam und isoliert". Auch Thomas Stiller ist der Dreh im Gedächtnis geblieben: "Wie die Jugendlichen gespielt haben - Liv, aber auch die anderen. Da dachte ich mir: wo nehmen die das her? So echt, so wirklich. Das war bislang einer der wenigen Momente, in denen ich von Schauspielern überrascht wurde".