Süddeutsche Zeitung

Liv Lisa Fries im Porträt:"Ich kann mich nicht mit jeder Rolle neu erfinden, aber ich versuche es"

Liv Lisa Fries überzeugt in extremen Frauenrollen. Sie kann sich die Charaktere ganz zu eigen machen - und das hört hinter der Kamera nicht auf.

Von Friederike Oertel

Wie lange dauert das eigentlich noch, bis Liv Lisa Fries keine Nachwuchshoffnung mehr ist? Die 26-Jährige Schauspielerin, Jeans, weinroter Wollpullover, lockiger Bubikopf, schnaubt. "Das frage ich mich auch. Wie lange bin ich denn noch im Kommen? Ich bin doch längst da". Und wie. Nicht nur auf der Leinwand. Auch im Gespräch ist Fries hundertprozentig konzentriert, ihr Blick fokussiert.

Sie will stimmige, überzeugende Antworten geben. Beim Reden fährt sie mit den Händen durch die Luft, suchend, tastend. Irgendwann schnappen Finger und Daumen zusammen, als könnten sie etwas festhalten. Und dann kommt einer dieser Sätze: "Ich kann mich nicht mit jeder Rolle neu erfinden, aber ich versuche es". Und das fasst ziemlich gut zusammen, wie sie als Schauspielerin arbeitet. Es ist schwierig, eine Darstellerin zu finden, die sich so intensiv mit ihren Rollen auseinandersetzt wie Fries.

Es ist Freitagnachmittag in Pankow, ihrem Berliner Heimatkiez, der Terminkalender ziemlich voll. Wenn Fries derzeit in der Serie Babylon Berlin zu sehen ist und im Kinofilm Rakete Perelman, wenn sie erzählt, dass Prélude nächstes Jahr in die Kinos kommt und sie gerade für die Serie Counterpart vor der Kamera stand, dann kommen einem unweigerlich zwei Gedanken: Liv Lisa Fries ist der "Nachwuchshoffnung" entwachsen. Und sie hat ein ziemlich gutes Gespür für anspruchsvolle Frauenrollen, mit denen sie genau das erreichen konnte. "Ich habe das Gefühl, das fügt sich alles ein bisschen. Da war auch Glück dabei", sagt Fries. Und sie passt zu ihr, diese zum Understatement neigende Art.

Fries ist keine Newcomerin. Als sie das erste Mal vor der Kamera stand, war sie 14 Jahre alt. Damals hatte sie Natalie Portman in León - Der Profi gesehen, sie bewundert. Wenig später hörte sie vom Tag der offenen Tür an einer Berliner Schauspielschule, ging hin, lernte einen Agenten kennen und bekam ihre erste Rolle: Oscar Roehlers Elementarteilchen. Die Szene war klein und fiel prompt der Schere zum Opfer. Machte nichts. Sie nahm Sprech- und Schauspielunterricht und bekam wenig später eine neue Rolle. Neben Götz George in Schimanski - Tod in der Siedlung. Diesmal blieb sie drin. Ging auch gar nicht anders, sie spielte ja die Hauptrolle. Ihre erste. Im zweiten Engagement. Götz George sei ein Schauspieler, der seine Sache sehr ernst nehme, sagt Fries. "Ich war jung, das hat mich geprägt".

Auch Fries nimmt "ihre Sache" sehr ernst. Große Aufmerksamkeit erlangte sie durch Sie hat es verdient von Thomas Stiller, in dem sie die aggressive Jugendliche Linda spielt, die eine Mitschülerin zu Tode quält. Eine extreme Rolle, in die Fries, die nebenbei fürs Abi büffelte, enorm viel Kraft und Intensität steckte. "Für die Vorbereitung habe ich versucht, aus Lindas Sicht Tagebuch zu schreiben. Aber das ging nicht, weil diese Figur viel zu kalt ist, viel zu sehr mauert", erinnert sich Fries. "Ich musste loslaufen, mich wie Linda bewegen, wie sie sprechen".

Fries kann sich die Menschen, die sie spielt zu eigen machen, sie aufsaugen, absorbieren. Doch dafür müsse sie die Figur emotional begreifen, sie fühlen. Das sei ein schwieriger Prozess des Suchens: "Ich denke dann oft: Hoffentlich sieht keiner, was ich hier eigentlich mache, das wird sowieso nichts", sagt Fries ohne zu kokettieren.

Man muss das erklären: Es gibt einfach diese Menschen, die immer Erfolg haben und dennoch ständig an sich zweifeln. Fries ist so ein Mensch. Und das Zweifeln ihre Stärke. Ein innerer Antrieb, der sie weitersuchen lässt. "Und irgendwann wird es schwer zu unterscheiden: Sind das jetzt meine Gedanken oder die der Figur?", sagt Fries. Beim Dreh von Sie hat es verdient ging das so weit, dass sich Fries irgendwann danach sehnte, vom Regisseur in den Arm genommen zu werden. "Ich habe mich wie meine Figur gefühlt: einsam und isoliert". Auch Thomas Stiller ist der Dreh im Gedächtnis geblieben: "Wie die Jugendlichen gespielt haben - Liv, aber auch die anderen. Da dachte ich mir: wo nehmen die das her? So echt, so wirklich. Das war bislang einer der wenigen Momente, in denen ich von Schauspielern überrascht wurde".

Am Set ist ihr jedes einzelne Detail wichtig

Auch sonst scheint Fries alles um sich herum aufzusaugen, genau wahrzunehmen, genau zu reflektieren. Das spürt man, wenn sie vom Dreh erzählt, von ihrer Begeisterung für das Schauspielen, von ihren Rollen. "Damit ich eine Figur spiele, braucht sie etwas...". Fries muss kurz überlegen, wieder fährt sie mit den Händen durch die Luft, suchend, tastend. "Etwas, das ich manchmal gar nicht fassen kann. Das kann ein innerer Konflikt sein, äußere Umstände, manchmal auch nur ein einziger Satz". Dieses Etwas müsse nichts mit ihrer eigenen Lebensrealität zu tun haben. Daumen und Zeigefinger schnappen zusammen: "Es muss mich berühren, Reibung erzeugen, mich neugierig machen".

In den vergangenen Jahren hat Fries viele komplexe Frauenfiguren und extreme Charaktere gespielt. Die Überlebende eines Amoklaufs in Staudamm, die Freundin eines Mannes, der gerade sein Coming-Out hatte in Romeos. Mit einigen dieser Frauen hat sie etwas gemeinsam: Eine gewisse Kompromisslosigkeit; die Bereitschaft bis zum Äußersten zu gehen. In Und morgen Mittag bin ich tot spielt sie die Mukoviszidose-Erkrankte Lea, die darum kämpft, das Ende ihres Lebens selbst bestimmen zu dürfen. Für den Film hat Fries zehn Kilo abgenommen und ein halbes Jahr lang Betroffene begleitet. Eine der Patientinnen habe ihr gezeigt, was passiert, wenn sie keine Sauerstoffmaske nutzt. Schleim füllt die Lunge und schnürt die Luft ab. Langsames Ersticken.

Das habe Fries emotional sehr mitgenommen, aber auch angespornt, alles zu geben. Sie wollte mit ihrer Rolle vor Betroffenen bestehen können. Zur Vorbereitung rannte sie Treppen hoch und runter und atmete dabei durch einen Strohhalm. Das ist in etwa der Anspruch, den sie an sich selbst stellt. Und um ihm gerecht zu werden gibt sie alles, geht an ihre Grenzen. Sie lernt sich in jeder Rolle neu kennen - und wird von der Öffentlichkeit immer wieder neu entdeckt. Und immer wieder als Nachwuchshoffnung gehandelt.

So wie in Babylon Berlin. Dort spielt sie die Rolle der Stenotypistin Charlotte Ritter, die im Berlin der 20er Jahre zusammen mit Kommissar Gereon Rath Mordfälle löst. Eine Traumrolle, wenn man in Pankow aufgewachsen ist. Das Gefühl dieser Zeit hat sie dieses Mal aus Büchern aufgesogen. Ein Überbleibsel aus ihrem Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft, das sie abgebrochen hat, weil sie einfach zu viele Rollen bekam.

Für die Figur der Charlotte Ritter hat sie Werke von Schriftstellerinnen der 20er-Jahre gelesen. Das kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun und Alles ist Jazz von Lili Grün. In Letzterem reflektiere sich die Protagonistin selbst, wischt die Gedanken dann wieder weg und macht weiter. "Das wollte ich für Charlotte Ritte auch. Deshalb habe ich zusammen mit den Regisseuren eine eigene Textpassage geschrieben, die es dann auch tatsächlich in die zweite Staffel geschafft hat". Fries klingt überrascht, wenn sie das sagt.

Fries kann die Gedanken nicht immer so leicht wegwischen. Sie sucht auf jede Frage eine Antwort. Und es sind ziemlich viele Fragen, die sie sich stellt. Schließlich könne jedes Detail am Set wichtig sein. Wie halte ich das Wasserglas in der Szene? Oder steht es auf dem Tisch? Jede Handlung sage etwas aus. Jeder Blick kann eine Antwort bedeuten. Ihr Schauspielkollege Volker Bruch, der den Kommissar Gereon Rath spielt, sagt es so: "Liv will und muss alles verstehen, damit sie sich dann am Set bedingungslos der Szene hingeben kann. Dann kann man sich als Partner von ihr überraschen lassen, bis man am Ende völlig vergisst zu spielen. Das ist das Beste, was einem passieren kann". Fries mag die Rolle der Charlotte Ritter. Weil sie getrieben sei von der Suche nach Wahrheit: "Charlotte Ritter löst zwar Kriminalfälle, aber eigentlich ist s ie auf der Suche nach sich selbst". So wie Fries.

Bevor sie geht sagt sie noch, dass sie zwar auf der Suche sei, aber eigentlich doch ziemlich zufrieden mit sich und überhaupt. Gerade laufe es ganz gut. Aber wer weiß, das könne sich auch alles ändern, schließlich sei viel Glück dabei gewesen.

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