"Babylon Berlin" So überwältigend und doch so steril

Stenotypistin auf Abwegen: Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) schlägt sich im Berlin der Zwanzigerjahre die Nächte um die Ohren.

(Foto: Sky)

"Babylon Berlin" ist die teuerste und schönste Serie der deutschen Fernsehgeschichte. Eines ist sie aber nicht: berührend.

Von David Denk

Zu den Eigenheiten einer Metropole wie Berlin gehört, dass frisch Zugezogene ständig auf Menschen treffen, die den ersten Überschwang mit der unaufgeforderten Bemerkung bremsen, dass man ein bisschen spät dran sei: Die 90er! Die 80er! Die 70er! - Ja, das waren noch Zeiten! Die Zeiten, als sie selbst nach Berlin kamen und sich derlei auch schon anhören mussten. Es ist der ewige Distinktionskreislauf unter Großstadtbewohnern.

Nun wurde die nächste Stufe in der Beschwörung und Verklärung vergangener Zeiten gezündet: Streng genommen sind nämlich alle zu spät dran, die Studentenbewegten, die Bundeswehrflüchtlinge, die Raver, die Hipster. Jahrzehnte zu spät. Mit Babylon Berlin, angesiedelt in den goldenen Zwanzigerjahren, bekommt nun die unverwüstlichste aller Sehnsuchtszeiten eine eigene Serie.

Man kann nicht über Babylon Berlin schreiben, ohne die ins Unermessliche gestiegenen Erwartungen an diese bislang einmalige Koproduktion von ARD Degeto und dem Bezahlsender Sky zu erwähnen: Der Hollywooderfahrene Tom Tykwer ist mit an Bord sowie das Who's who deutscher Schauspieler, fast 1000 Menschen waren an dem 40-Millionen-Euro-Projekt beteiligt. Mit vereinten Kräften soll Babylon Berlin als ultimativer Beweis dienen, dass in Deutschland Qualitätsserien von internationalem Format entstehen können - Serien, die auch Amerikaner mögen. Und Amerikaner lieben Berlin. Kann also nichts mehr schiefgehen, oder?

Das Moka Efti ist das Berghain von Tom Tykwers Serien-Berlin

Basierend auf dem Krimibestseller "Der nasse Fisch" von Volker Kutscher erzählt Babylon Berlin die Geschichte um Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch): Auch er ist neu in Berlin - allerdings nicht wie so viele um ihn herum zum Vergnügen, sondern um einen von der Berliner Mafia geführten Pornoring auszuheben. Sein eigener Vater (Hanns Zischler), Vertrauter des Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer, bittet ihn, ein heimlich aufgenommenes, kompromittierendes Sexfilmchen zu finden und zu vernichten.

"Das Berliner Pflaster ist rauer als sonst irgendwo im Reich", warnt ihn seine heimliche Liebe Helga (Hannah Herzsprung), die Frau seines verschollenen Bruders. Sie ahnt nicht, in welche Gefahr sich Rath, unterstützt von seinem Partner Bruno Wolter (Peter Kurth) und der Stenotypistin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) begibt, indem er sich mit dem Unterweltboss anlegt, den alle nur "Der Armenier" nennen (Mišel Matičević). Der betreibt unter anderem das Tanzlokal "Moka Efti" und damit das Epizentrum der feierwütigen Hauptstadtszene, in dessen Keller Wolter die Hand aufhält und Ritter gelegentlich die Beine breitmacht, um ihre darbende Großfamilie durchzubringen. Und dann sind da auch noch die Russen und ein Güterzug mit so gefährlicher wie begehrter Fracht.