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Literaturnobelpreis:Gehen nicht alle Künste auf die früheste Poesie zurück?

Wenn sich die Akademie nun nicht mehr für (zukünftige) Werke der Weltliteratur entschied, wofür entschied sie sich dann? Für einen Typus von Autor, der seinen Ruhm eher der aktuellen Intervention verdankt als der Gesamtheit seines Werks? Für ein Charisma, für eine diffuse Bedeutung, die, irgendwie politisch, irgendwie feministisch, irgendwie progressiv, sich an eine vorhandene, möglichst große Geltung anschließt, sie zu vergrößern trachtet und gar nicht mehr literarisch sein muss? Zumindest zweifelhaft ist auch der Fall von Swetlana Alexijewitsch, der ukrainischen Journalistin - die Frage, ob ihr Werk die Form der großen, lange Zeiträume umspannenden Reportage hinreichend breit entfaltet, um einen so großen, internationalen Preis zu rechtfertigen, wurde nie beantwortet. Potenzielle Weltgeltung ersetzt in solchen Entscheidungen Weltliteratur, und statt dass der Nobelpreis die Bedeutung eines Werkes für die Weltliteratur spiegelte, schien die Akademie immer häufiger sich selbst und ihre eigene Bedeutung in ihren Entscheidungen spiegeln zu wollen. Weit hinaus in die populäre Kultur griff das Gremium bei seiner bislang anfechtbarsten Entscheidung, dem Nobelpreis für Bob Dylan. Mit dieser Wahl offenbarte die Institution, im Nachhinein betrachtet, das Ausmaß ihres Orientierungsverlusts wie ihres Geltungsbedürfnisses, sie nahm, in der sachlichen Mitte der Akademie, deren institutionelle Krise voraus.

Ein Jahr danach publizierte die Akademie eine Art Rechtfertigungsschrift, in Gestalt der Broschüre "Über Bob Dylan", verfasst von Sara Danius, der damaligen Ständigen Sekretärin. In Bob Dylan setze sich, so ihre zentrale These, die älteste aller literarischen Traditionen fort, nämlich die gesungene Dichtung - und mit ihr die mündliche Überlieferung. Aber diese These ist höchst anfechtbar, und nicht nur, weil die "Tradition" als solche kein Argument ist. Denn dazu müsste man wissen, was sie leistet, ob sie gut oder schlecht ist, ob sie einen Fortschritt oder eine Regression darstellt. Und wenn man sie tatsächlich für gut halten wollte, aus welchem Grund auch immer, dann wäre damit noch nicht geklärt, warum ausgerechnet Bob Dylan der Erbe Homers und Sapphos sein sollte.

Denn gehen nicht alle Künste, die über Sprache vermittelt werden, auf die früheste Poesie zurück, also auch das Kunstlied und das Musiktheater und schließlich auch der Film? Dennoch kam nie einer auf den Gedanken, Hugo von Hofmannsthal für den "Rosenkavalier" mit einem Nobelpreis auszuzeichnen oder die Brüder Coen für die ebenso skurrilen wie präzisen Dialoge in "The Big Lebowski".

Und wenn man trotz alledem an der Behauptung festhalten wollte, in Bob Dylan lebe die Lyrik des klassischen Altertums fort: Wäre diese Verbindung überhaupt die wichtigste Tradition in seinem Werk? Gäbe es da nicht auch ganz andere, womöglich stärkere Traditionen? Das Erbe des Folksongs und des "Great American Songbook" zum Beispiel, die Traditionen der Hitparade, der elektrisch verstärkten Darbietung, der technischen Reproduktion und des Rundfunks? Und in welchem Maße lassen sich überhaupt Lyrik und "lyrics" gleichsetzen, da Letztere doch ganz anders arbeiten, mit Reimen und möglichst plastischen Bildern, über meist nur sehr kurze Sequenzen und mit einem daraus notwendig resultierenden Surrealismus des Textes? Doch finden solche philologischen oder literaturkritischen Überlegungen keinen Eingang in das Büchlein von Sara Danius. Stattdessen prangt die Silhouette Bob Dylans als sehr junger Mann auf dem Umschlag der Originalausgabe, aufgenommen im Herbst 1963 auf den Zinnen der Kronborg in Helsingør, der Burg Hamlets, des Prinzen von Dänemark.

Das Bild ist programmatisch. Denn worauf es in dieser Schrift mehr als auf alles andere ankommt, ist die Figur Bob Dylan, als Idee eines ästhetischen Ereignisses oder Ikone künstlerischer Bedeutung begriffen. Es ist der schlanke Körper in den engen Hosen und mit dem wuscheligen Haar, es ist die sich durch die Töne schleifende Stimme, deren Klang allein schon als Suggestion tiefer Bedeutung wirkt, es ist der unendliche Reigen von Bildern (deswegen auch die Fotografien in diesem Band), die alle dazu angetan sind, als Sinnbilder von totaler sozialer und kultureller Präsenz zu fungieren - und das Werk mit dem Menschen verschmolzen ist.

Die Nobelstiftung erwägt, den Preis für Literatur einer anderen Institution anzuvertrauen

Im vergangenen Jahr erhielt Kazuo Ishiguro den Nobelpreis, für ein Werk, das zwar eng mit der populären Kultur verbunden ist, aber in der Reihe der Nobelpreise eine eher konventionelle Wahl darstellt: Es war die Entscheidung des Jahres 2016, die zu erkennen gab, in welcher Verfassung sich die Akademie tatsächlich befindet. Bob Dylan - das war und ist womöglich immer noch der Lebenstraum dieses Gremiums, getreu einer alten Devise des französischen Philosophen Gilles Deleuze: "Professor, der ich bin, wünschte ich mir, einmal eine Vorlesung so halten zu können wie Dylan."

Der Kulturverein, der von der Lyrikerin Katarina Frostenson und ihrem nun zu zwei Jahren Haft verurteilten Ehemann betrieben wurde, war ein Versuch, die Akademie in eine ebenso elitäre wie private Veranstaltung zu verwandeln. Ihm entsprach eine Institution, die zwischen persönlichen Interessen und den Aufgaben einer Akademie, die den Nobelpreis vergibt, nicht mehr zu unterscheiden vermochte. Dass mehrere Mitglieder der Akademie, nämlich Anders Olsson, Horace Engdahl und Katarina Frostenson, ihre intellektuelle Sozialisation in einer poststrukturalistischen Zeitschrift namens "Kris" erlebten, zu deren Autoritäten eben jener Gilles Deleuze gehörte, vervollständigt nur das Bild einer Clique, die den totalen Auftritt zu ihrem eigentlichen Ziel erhob.

So, wie die Dinge gegenwärtig noch liegen, obliegt dieser Clique die Aufgabe, die Schwedische Akademie neu zu organisieren, damit sie, im kommenden Jahr oder irgendwann später, wieder Nobelpreise für Literatur vergeben kann. Doch ist die Frage, wie dieses Ziel erreicht werden soll, keineswegs nur ein Problem des beteiligten Personals. Sie ist auch eine Frage der Institution und ihrer intellektuellen Verfassung: Ohne eine Vorstellung von Weltliteratur ist der Nobelpreis bloß eine Auszeichnung wie der Prix Goncourt oder der Büchner-Preis, nur etwas besser dotiert.

Die Schwedische Akademie erhält die ökonomischen Mittel für den Nobelpreis von der Nobelstiftung. Am vergangenen Wochenende hatte deren Geschäftsführer Lars Heikensten erklärt, man erwäge, den Nobelpreis für Literatur einer anderen Institution anzuvertrauen. Infrage kommt dafür vor allem die Vitterhetsakademie, die Königliche Akademie der Wissenschaften, in der auch Geisteswissenschaftler vertreten sind. Ferner sagte Lars Heikensten, seiner Meinung nach sollten auch einige der noch in der Akademie verbliebenen Mitglieder von ihren Ämtern zurücktreten. In der Praxis liefe ein solches Verfahren auf eine Neugründung der Akademie hinaus, in personeller wie in inhaltlicher Hinsicht. Anders dürfte der Nobelpreis für Literatur nicht zurückzugewinnen sein.

© SZ vom 02.10.2018/cag

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