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Literaturszene feiert in Berlin:Etwas Kleines, Braunes

Literarische Entzündungen und Verleger, die aus der Reihe tanzen: Wie die Kurt-Wolff-Stiftung und Suhrkamp in Berlin feiern.

Tobias Lehmkuhl

Als junger Mann, sagt Thomas Kapielski, litt er an "literarischen Entzündungen", die er abends mit Bier zu kühlen pflegte. Irgendwann hatte er dann ein Manuskript beisammen und schickte es mit einem schönen Schreiben versehen an alle großen Verlage der Republik: Kürzungen könnten keineswegs hingenommen werden, Erstantworten mit entsprechenden Honorarvorschlägen würden besonders berücksichtigt, "bis denne, Euer Dichter". Der Dichter wunderte sich dann, dass keine Antwort kam, nicht einmal eine Absage. Erst nach langer Zeit erreichte ihn ein Brief des Merve Verlages, der Interesse an seiner Arbeit bekundete.

Die nicht kleine Schar der Kapielski-Verehrer wird dem Verleger darum ewig dankbar sein, ja womöglich kamen extra wegen Merve und Kapielskis Kurz-Lesung einige Liebhaber der etwas anderen Literatur zur Feier des 10. Geburtstages der Kurt-Wolff-Stiftung ins Berliner Literaturhaus in der Fasanenstraße. Jubiläumsfeiern, sagte der Kuratoriumsvorsitzende der Stiftung, Joachim Kersten, seien schließlich immer so etwas wie Dankgottesdienste. Und tatsächlich zeigte sich Kersten gemeinsam mit Manfred Metzner und Stefan Weidle, dem alten und dem neuen Vorstandsvorsitzenden, zu Recht stolz auf die Arbeit der Stiftung im vergangenen Jahrzehnt.

Es geht um das Buch

2000 unter dem damaligen Kulturstaatsminister Michael Naumann gegründet, widmet sich die Stiftung der "Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene" in Deutschland. Dazu verleiht sie einerseits alljährlich einen mit 26 000 Euro recht ansehnlich dotierten Preis und kümmert sich andererseits darum, den Buchhandel über die Neuerscheinungen der kleinen, unabhängigen Verlage zu informieren. Dazu bietet sie Veranstaltungen in Buchhändlerschulen an, gibt den Katalog "Es geht um das Buch" heraus und bemüht sich derzeit, ein Förderprogramm für unabhängige Buchhandlungen auf den Weg zu bringen.

Diese haben es bekanntermaßen im Konkurrenzkampf mit den großen Buchhandelsketten immer schwerer, genauso wie es den kleinen Verlagen fast unmöglich ist, in die Regale von Thalia und Co. aufgenommen zu werden.

Trotzdem war die Stimmung an diesem Sonntag gut, und wenn es in einem von Kersten zitierten Brief der Frau des kaiserlichen Botschafters in London an Kurt Wolff aus dem Jahr 1913 heißt, man stelle sich unter einem Verleger immer etwas "Kleines, Braunes" vor, so entsprach doch keiner der Anwesenden dieser Vorstellung. Vielmehr präsentiert man sich als Kleinverleger programmatisch bunt, immer "gegen den Strich" und "aus der Reihe tanzend".

Getanzt wurde am Vorabend auch im Literarischen Colloquium am Wannsee. Ausrichter des diesjährigen, durch dramatische Wetterwechsel bestimmten Sommerfestes war der sein 60. Verlagsjubiläum feiernde Suhrkamp Verlag. Wie zu erwarten, kamen so viele Gäste, dass man mit ihnen locker eine "Stuttgart-21"-Demo auf die Beine hätte stellen können: Suhrkamp, immer wieder totgesagt, wirkt nach wie vor so anziehend wie kein anderer Verlag - vielleicht, weil das Publikum so gerne zusieht, wenn jemand stirbt.

Macht bloß so weiter

Gerade die Anwesenheit so vieler so lebendiger Gäste auf allen Veranstaltungen, die der Verlag bislang in Berlin gemacht hat, scheint allerdings zu bewirken, dass Suhrkamp nach wie vor Suhrkamp ist, fett gedruckt und mit Ausrufezeichen, ein Verlag eben, von dessen Aura auch Außenstehende unbedingt zehren wollen.

Da tat es gut, dass nicht die gewichtigen Altvorderen ihren großen Auftritt am Wannsee hatten, sondern dass es junge Leute waren, die an diesem Samstag leichtgewichtig lasen: Ann Cotten, Stephan Thome und Judith Schalansky beispielsweise. Auch Dietmar Dath hätte auftreten sollen, um von Gregor Gysi zu seinem jüngsten Buch mit dem sarrazinhaften Titel "Deutschland macht dicht" befragt zu werden. Das Wetter aber verhinderte Daths Anreise, und so konnte Gysi beweisen, dass er wirklich ein so hervorragender Fragesteller ist, wie er meint, einer zu sein: Anhand der Fragen, die er Dath gestellt hätte, gelang es ihm ganz ausgezeichnet, allein sich selbst darzustellen.

Bescheidenheit hatte zuvor der Vorsitzende des Trägervereins des Literarischen Colloquiums, Ingo Fessmann, den Suhrkamp Verlag gelehrt: Die schwierige Entscheidung Walter Höllerers, 1959 gerade in Berlin das LCB zu gründen, sei mit dem Hauptstadt-Umzug Suhrkamps vor 240 Tagen ja überhaupt nicht vergleichbar. Da lachten alle; es war mithin eine weitere Last von diesem Sommerfest genommen, und auch Ulla Unseld-Berkéwicz betonte in ihrer Begrüßung, man sei nun eben nur "wieder" in Berlin, an dem Ort, wo der Verlag vor sechzig Jahren gegründet worden war.

Thomas Kapielski übrigens, der als junger Mann ein Anschreiben vergeblich auch an Siegfried Unseld richtete, ist inzwischen nicht nur Merve-, sondern auch Suhrkamp-Autor. Sein 2009 in der Edition erschienener Band "Mischwald" schließt mit dem Wunsch, seinen Grabstein möge die Zeile schmücken: "Macht bloß so weiter!" Angesichts dessen, was an diesem Wochenende in Berlin zu beobachten war, fragt man sich in der Tat, was dagegen spräche.

© SZ vom 31.08.2010/rus

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