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Handke in Stockholm:Natürlich landen sie bei Jugoslawien

Peter Handke (l.) und Anders Olsson, Vorsitzender des Schwedischen Komitees, kommen zur Pressekonferenz.

(Foto: Anders Wiklund/AP)

Die Pressekonferenz zur Verleihung des Literaturnobelpreises an Olga Tokarczuk und Peter Handke verläuft ohne die befürchteten Eklats, lässt aber viele Fragen unbeantwortet.

Der Pressekonferenz, mit der sich Olga Tokarczuk und Peter Handke, die Nobelpreisträger der Jahre 2018 und 2019, dem schwedischen Publikum vorstellten, ging ein kleiner Eklat voraus. Der Historiker Peter Englund, Mitglied der Akademie und einst ihr Sprecher, teilte mit, er werde nicht an den Zeremonien teilnehmen, Peter Handkes wegen. Die Erklärung passt in eine Debatte um Handke, die in Schweden noch härter als in Deutschland geführt wird. Und sie passt zu einer Akademie, der man mittlerweile bei jedem Auftritt anmerkt, wie sehr die Skandale der vergangenen zwei Jahre sie mitgenommen haben.

Dass der größte Teil der Aufmerksamkeit auf Handke liegt, weiß Olga Tokarczuk offenbar. Aber sie geht souverän mit ihrer Lage um. Auf freundliche Fragen antwortete sie freundlich und selbstbewusst. Sie plädierte für mehr politische Freiheit in Polen, sie reflektierte auf dreißig Jahre allenfalls mehr oder weniger eingelöster Demokratie, sie schilderte das Problem, historische Romane zu schreiben, dabei aber kaum auf Dokumente von Frauen zurückgreifen zu können, weil es in älteren Zeiten solche Dokumente nicht gab. Sie schloss mit einer Huldigung an Polen als an ein Land der Literatur, das nicht weniger als vier Nobelpreisträger hervorgebracht habe. Und sie bestand darauf, den Preis als Schriftstellerin zu erhalten, nicht als Frau.

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Auf der Pressekonferenz anlässlich der Verleihung der Literaturnobelpreise wehrt Peter Handke Fragen zu seiner politischen Haltung ab - und verliest lieber einen Brief.

Als Anders Olsson, der Vorsitzende des Komitees, das die Nobelpreisträger auswählt, mit Peter Handke den Saal betrat, forderte er die Journalisten auf, "Happy Birthday" zu singen: Der 6. Dezember ist sein 77. Geburtstag. Und das Publikum leistete Folge, merklich angespannt, wie der Preisträger auch. Und während die ersten Fragen noch schweifend waren und dabei sogar die Literatur berührten, war doch klar, dass man bei Jugoslawien enden würde. Doch weigerte sich Peter Handke, auf dieselben Fragen zu antworten, die ihm nun wohl einige Hundert Mal gestellt worden waren: Er habe keine Meinungen, erklärte er. Er sei Schriftsteller. Als er vor fünf Jahren, bei der Verleihung des Ibsen-Preises in Oslo, "Faschist" geschimpft worden sei, habe er versucht, mit den Demonstranten zu sprechen. Er habe keinen Erfolg gehabt.

Und als ihn schließlich der amerikanische Journalist Peter Maass, der im Internet-Magazin The Intercept ein detektivisches Belastungsverfahren gegen Handke betreibt, nach dem Völkermord von Srebrenica fragte - ob er denn die Befunde des Kriegsverbrechertribunals in Haag akzeptiere? -, antwortete Handke, indem er aus einer Interviewanfrage zitierte, hinter der sich ein imaginäres Weltgericht zu verbergen schien. Wenn er nun morgen sterbe, hieß es dort, werde es in allen Nachrufen um Jugoslawien gehen, im zweiten Satz. Wie er denn damit leben könne? Er schreibe für Leser, beschied Handke den Rechercheur, nicht für ihn. Man merkte vor allem den schwedischen Journalisten an, dass sie nicht zufrieden waren. Was aber hatten sie erwartet?

© SZ vom 07.12.2019/cag
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