Literatur: Juni Bauer sucht Glück

Rauchen, granteln, Gräber pflegen: Gerbrand Bakker erzählt in seinem Bauernroman "Juni" von der tristen Kuhlosigkeit des beschädigten Landlebens.

Von Jutta Person

Dieser Junitag ist so heiß, dass sich die Dinge aufs Kaputtgehen kaprizieren. Die Dinge in Gerbrand Bakkers Roman "Juni" sind genauso beseelt wie die in der Hitze hechelnden und blökenden Tiere, und sie sind das auf eine ganz selbstverständliche Art. Sie zerspringen, verdampfen, fallen runter oder kippen einfach um wie das morsche Scheunentor auf dem Hof der Kaans.

Sporadisch tauchen Geschlechtsteile und zarte Berührungen im dörflichen Kollektivbewusstsein auf. Insgesamt aber stellt Gerbrand Bakker ins einem nordholländischen "Polder-Western" ein Volk vor, das selbst dreht und Eierlikör trinkt.

(Foto: dpa)

Oder wie die Dachziegel, die abrutschen und den Blick freigeben auf den glasigen Himmel. Durch diese Löcher starrt die Altbäuerin Anna Kaan, die sich mit einer Flasche Eierlikör auf dem Strohspeicher verbarrikadiert hat. Wer sie zurückholen will, wird barsch abgewimmelt, denn der Mann, die drei Söhne und die kleine Enkelin sind Teil des Problems. Seit vierzig Jahren verkriecht sich Anna Kaan in unregelmäßigen Abständen auf dem Speicher, um an einen anderen Junitag zu denken.

Ein Bild dezenter Depression

Am 17. Juni 1969 besucht die Königin das Dorf, das selbstverständlich Kopf steht: Kinderspalier, Ansprache des Bürgermeisters, Mittagessen im Polderhuis. Der Bürgermeister sagt "Lunch", weil er mit der Zeit geht, denn Ende der sechziger Jahre liegt umtriebige Modernität in der Luft Nordhollands. Der Bäcker hat einen nagelneuen Lieferwagen, und auf dem Kaan-Hof glänzen die Melkmaschinen - ganz im Gegensatz zur hitzeträgen Gegenwart, in der alles bröckelt und bröselt. Dirk, der Stier, ist nur noch eine Reminiszenz an bessere Zeiten, die Kühe sind längst verkauft. Selbst Does, der schlappe Hofhund, passt in dieses Bild dezenter Depression: Man muss ihn zur Abkühlung in den Wassergraben werfen, weil er zu apathisch ist, um von selbst auf die Idee zu kommen, ins Wasser zu springen

Der Niederländer Gerbrand Bakker ist ein Entschleuniger, von den alltäglichen Verrichtungen - Rauchen, Granteln, Gräber pflegen - erzählt er mit einer exakt austarierten Lakonie, die mal zur Resignation neigt, mal zum staubtrockenen Witz umschwenkt. Man könnte ihn einen alten Meister nennen, einen Bauernmaler, der das untergehende Landleben in aller Klarheit erfasst, ohne es zu verklären.

Und ohne es bloßzustellen. Vor allem die inneren Monologe geben den Dörflern, auch in der Übersetzung von Andreas Ecke, einen herben Klang. Ein Panorama der Bockigkeit, Melancholie und Renitenz entfaltet sich da, wobei die Königin so etwas wie die Luxusausführung ihrer Landsleute darstellt. "Höchste Zeit für ein Zigarettchen", denkt sie sich, wenn sie wieder einen Bürgermeister abgehakt hat, und: "Sie hofft, dass es im Polderhuis Sherry gibt." Das Volk dreht selbst und trinkt Eierlikör.

Zwischen Scheune und Dammzaun

Es passiert nicht viel in "Juni" - schnell begreift man, dass ein tragischer Unfall die Familie Kaan gezeichnet hat -, und gerade deshalb erzeugt das beschädigte Landleben einen erstaunlichen Sog. Die triste Kuhlosigkeit des Kaan-Hofs hallt in den Figuren noch noch, dazu wirken die leere Landschaft und die schnurgeraden Straßen wie Weitwinkelaufnahmen, in denen sich knarzige Schweiger verstecken.

Einen Bauernroman hat man Bakkers vor zwei Jahren erschienenes Debüt "Oben ist es still" genannt; für "Juni" könnte man den Begriff Polder-Western einführen. Zwischen 1969 und die Gegenwart passt aber noch etwas ganz anderes: eine schwule Coming-of-Age-Geschichte leuchtet verheißungsvoll in den puristischen Kapiteln, die "Stroh", "Kastanie" oder "Kies" heißen. Sporadisch tauchen Geschlechtsteile und zarte Berührungen im dörflichen Kollektivbewusstsein auf.

Gerbrand Bakker, geboren 1962, stammt aus dem Dorf Wieringerwaard unweit der Insel Texel, jener Gegend also, in der sein Roman "Juni" spielt. Auch "Oben ist es still" handelt von einem nordholländischen Bauern, dessen Vater in der Dachkammer dahinsiecht. In beiden Romanen sitzen Elternteile im Oberstübchen fest, hängt die Familiengeschichte schwer in der Landschaft und über dem Hof. Aber es ist vor allem der lapidare Ton, der Bakkers Romane kennzeichnet. Die verknappten Dialoge erinnern an die Romane des britischen Lakonikers Magnus Mills, aber anders als Mills entschwebt Bakker nicht ins Surreale . Seine Romane bleiben auf dem Boden, auf dem genau abgesteckten Terrain zwischen Scheune und Dammzaun.

Manchmal ist den Figuren genau dort ein Glücksmoment vergönnt, zum Beispiel, wenn die fünfjährige Dieke ihren Onkel Jan auf dem Weidezaun trifft: ",Warum sitzt hier?' - ,Darum.' - ,Darum?' - ,Nur so, weil mir das gefällt.' - ,Ach so', sagt Dieke." Vielleicht werden sie, der verlorene Sohn und das redselige Kind, sogar die Gegenwart von ihrer Verfallssucht erlösen.

GERBRAND BAKKER: Juni. Roman. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 303 Seiten, 19,80 Euro.

Literatur: Ingeborg-Bachmann-Preis

Ihr könnt mein Hirn haben