Bücher und Verlage:Draußen vor der Tür

Coronavirus - Leipzig

An der Scheibe eines Buchladens ist ein Plakat zum ausgefallenen Lesefest "Leipzig liest" mit dem Zusatz "Trotzdem" angebracht.

(Foto: dpa)

Der Ausfall einer ganzen Literatur-Saison wird weitreichende Folgen haben. Ohne staatliche Hilfe steht der Buchbranche eine Schließungswelle bevor.

Von Felix Stephan

Obwohl zwischen Literatur und social distancing traditionell ein besonderer Zusammenhang besteht, bringt die Corona-Pandemie auch die Literaturbranche in existenzielle Schwierigkeiten. Betroffen sind Verlage, Autoren, Buchhandlungen, Literaturhäuser, Festivalveranstalter. Am härtesten trifft es die Vertriebsinfrastruktur: Die Buchhandlungen sind weitestgehend geschlossen, und bei Amazon ist die Nachfrage nach Lebensmitteln und Toilettenpapier so groß, dass Bücher von der wichtigsten Warenkategorie in die zweitwichtigste hinabgestuft wurden, was sowohl die Verfügbarkeit der Bücher mindert als auch die Auslieferungszeiten verlängert. Damit sind die beiden wichtigsten Vertriebskanäle für Bücher entweder komplett verschwunden oder zumindest eingeschränkt. Die Verlage schieben Titel auf, die im April erscheinen sollten, um das Risiko zu vermeiden, dass ihre Bücher vor den Türen geschlossener Buchhandlungen vermodern.

Welchen Anteil Lesungen und Podien in der Mischkalkulation eines literarischen Autors haben, hängt indes nicht nur von den Verkaufszahlen ab, sondern ist auch stark saisonal bedingt. Am heftigsten trifft es Autoren, die in diesen Tagen ein Buch veröffentlichen und eigentlich eine Lesereise hätten antreten sollen. Ihnen fallen nicht nur die Verkäufe weg, sondern auch die Lesungshonorare und die Aufmerksamkeit, die sich aus diesen Lesungen ergeben und wiederum weitere Verkäufe nach sich gezogen hätte. Schriftsteller, die in dieser Saison keinen neuen Roman veröffentlicht haben, kommen glimpflicher davon: Ohne neues Buch gibt es in der Regel auch weniger Lesungen, weshalb der Ausfall sämtlicher Lesungen in diesem Frühling insgesamt die Veranstalter in größere Schwierigkeiten bringt als den durchschnittlichen Schriftsteller.

Ein Großteil der Lesungen, Festivals und Podien findet in Literaturhäusern statt, die nur zum Teil staatlich finanziert werden, oder in unabhängigen Buchhandlungen, die in der Regel gar keine staatliche Hilfe erhalten. Dort sieht man in diesen Tagen gleich mehreren Einkommensquellen beim Verschwinden zu: Die Eintrittsgelder für Lesungen und Festivals fallen genauso weg wie die Mieteinnahmen für externe Veranstaltungen und die Erlöse durch den Buchverkauf. Einige Buchhandlungen wissen schon jetzt, dass sie ohne staatliche Hilfe nicht einmal die nächsten vier Wochen überleben werden. Sollten ihre Geschäfte gar bis August geschlossen bleiben, steht mit einiger Wahrscheinlichkeit eine landesweite Schließungswelle bevor.

Selbst wenn alle Autoren über die Runden kommen, droht eine systemische Veränderung

Damit würde genau jene Infrastruktur verschwinden, die Autoren auch dann eine gewisse Plattform bietet, wenn das nächste kommerziell erfolgreiche Buch gerade nicht in Sicht ist. Vor allem Autoren, die nicht alle zwei Jahre einen Weltbestseller veröffentlichen, sind auf das engagierte Netzwerk aus kleinen Buchhandlungen, Literaturhäusern, Festivals dringend angewiesen. Für diese Autoren, zu denen im Regelfall auch die kommenden Büchner- und Nobelpreisträger zählen, gilt: Wenn auf einmal eine gesamte Saison ausfällt, könnte es der eigenen Autorenkarriere im schlimmsten Fall genauso gehen.

Aber selbst wenn alle unabhängigen Autoren die kommenden Monate überstehen sollten, droht eine systemische Veränderung: Die großen Buchhandelsketten könnten die insolventen unabhängigen Buchläden ohne größere Widerstände schlucken, ihre Vertriebsmacht gegenüber den Verlagen auf diese Weise weiter stärken, deren Margen weiter drücken und es damit noch unwahrscheinlicher machen, dass diese in Literatur investieren, die sich nicht unmittelbar rechnet. Der eigentliche Schaden entstünde langfristig. Diese Entwicklung gibt es in der Branche ohnehin, doch die Pandemie könnte hier wie ein Brandbeschleuniger wirken. Während unabhängige Buchhandlungen also um ihre Existenz kämpfen, blühen bei Amazon die Geschäfte. Der amerikanische Konzern hat soeben 100 000 Stellen ausgeschrieben, um der coronabedingten Nachfrage gerecht zu werden.

© SZ vom 19.03.2020/luch
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