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Serie: Licht an mit Katja Lange-Müller:Auf der Parkbank

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Eines sonnigen Mittwochs bestieg ich in Wedding eine Parkbank und begann vorzulesen, ohne Mikrofon, aber doch so laut und deutlich, wie ich konnte. Eine unangenehme Erfahrung war das nicht.

Gastbeitrag von Katja Lange-Müller

Es gibt Künste, die ihre volle Wirkung nur live entfalten. Wenn sie uns "konserviert" vorgeführt werden, etwa per Video oder im TV, spüren wir nur schmerzhaft, wie sehr wir das Original vermissen. Theater ist so eine Kunst, die zwingend die Anwesenheit lebendiger Menschen erfordert, auf der Bühne ebenso wie im Zuschauerraum, Menschen, die an keinem Abend die genau gleichen sind. Theater als Film ist wie Pantomime im Radio.

Für die Literatur gelten, seit Gutenberg, andere Kriterien. Der Autor gibt sein Original einem Verlag, und der lässt es drucken, also vervielfältigen, der Text des Autors (egal welchen Geschlechts) ist in jedem der so entstandenen Bücher identisch, die Leser sind es natürlich nicht. Dennoch fungieren auch Dichter und Schriftsteller, weibliche, männliche, queere, seit die AUTORENLESUNG zu einer ihrer wichtigsten Einnahmequellen wurde, mitunter als Darsteller ihrer Werke und ihrer selbst. Sie setzen sich in Buchhandlungen, Literaturhäuser, manchmal sogar Theater, tragen das von ihnen Verfasste vor, signieren, beantworten Fragen aus dem Publikum. Doch das ist uns Schreibenden nicht mehr möglich, wiewohl wir, gleich allen anderen, Miete, Strom, Brot und Zigaretten oder sonstige Trostmittel weiterhin bezahlen müssen.

Was tun, wenn sämtliche Veranstaltungen über Monate, vielleicht Jahre ausfallen und Lesungen in geschlossenen Räumen selbst unentgeltlich nicht stattfinden dürfen?

Da dies Problem auch mir auf dem Gemüt kniet, dachte ich nach und entsann mich einer archaischen, aber in vielen Ländern, beispielsweise in Indien, bis heute üblichen Kulturpraxis, die selbst hierzulande schon gelegentlich Erfolg hatte: So begaben sich an einem Sommertag des letzten Jahres einige Mitglieder der Sektion Literatur der Berliner Akademie der Künste und vom Literaturforum in Brecht-Haus eingeladene Autorinnen und Autoren auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof zu diversen Gräbern ihrer dort bestatteten Kollegen und lasen aus deren Werken vor. Lebende Menschen, an jenem Tag fast ebenso zahlreich wie die Verstorbenen, flanierten von Grab zu Grab, blieben stehen, mal hier, mal dort, lauschten, lächelten. Mit zwei Wörtern: Schön war's!

Von solchen Erinnerungen ermutigt, schnappte ich mir eines sonnigen Mittwochs drei Exemplare eines Erzählungsbandes aus meiner "Feder", wie man so sagt, und ging hinaus ins FREIE. Knapp vor der Müllerstraße, der längsten und belebtesten im Bezirk Wedding, am Leopoldplatz, nahe der Nazareth-Kirche, einem eher unscheinbaren Schinkel-Bau, bestieg ich eine Parkbank und begann vorzulesen, ohne Mikrofon, aber doch so laut und deutlich, wie ich konnte.

Der Mann fragte: "Ist das, was du da redest, auf deinem Mist gewachsen?"

Bald scharten sich - in dem gebotenen Abstand zu mir und voneinander - einige Menschen um mich: Obdachlose, die dort kampieren, Jugendliche mit "Wegbier"-Flasche, Frauen mit und ohne Kopftuch, Kinder, Passanten, die irgendwohin wollten. Sie verweilten den einen oder anderen Moment, schauten mich kein bisschen verwundert an, falls ich das richtig deute, denn sie trugen fast alle vorschriftsgemäß ihre "Schnutendeckel", unterbrachen mich zunächst auch nicht; nur ein kleines Mädchen betastete den Stoff meines Wollrocks.

Sie kamen und gingen; ich war ihnen, wie mir schien, ziemlich gleichgültig. Doch als ich die Seite umblätterte und tief Luft holte, nutzte ein Mann in einem dreckigen Jackett, mit offenem Jeanshemdkragen, der wie ich nicht maskiert war und bereits zwei Seiten lang durchgehalten hatte, die Gelegenheit. "Warum", fragte er, "lernst du kein Musikinstrument?" Und dann: "Ist das, was du da redest, auf deinem Mist gewachsen?"

"Ja", sagte ich, "ich könnte dir so ein Büchlein schenken, ein in Folie eingeschweißtes, garantiert virenfreies, und wenn du mal sonst nichts zu tun hast ..."

"Nee, lass gut sein", fiel er mir ins Wort und verzog sich.

Nach einer halben Stunde beendete ich meinen öffentlichen Auftritt. Eine besonders unangenehme Erfahrung, kann ich sagen, war das nicht. Ich werde es wieder tun, womöglich eher in Charlottenburg. Allerdings überlege ich noch, ob ich dann zu meinen Füßen auch ein Pappschild mit der Aufschrift "Dichterlesung" und eine Blechdose für Münzen platziere. Oder besser einen Hut? Den müsste ich aber erst kaufen.

Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller wurde 1951 in Berlin geboren. Zuletzt erschienen von ihr die Romane "Böse Schafe" und "Drehtür".

© SZ/gor
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