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Aerosol-Ausstoß von Orchestermusikern:Im Nebel

Ergebnisse aus Aerosol-Studie mit dem Symphonieorchester des BR. Wissenschaftler des LMU Klinikums München und des UK Erlangen untersuchten die Aerosolverbreitung beim Spielen von Trompete, Querflöte und Klarinette

Die Flötistin Natalie Schwaabe in der sichtbar gemachten Wolke der von ihr produzierten Aerosole.

(Foto: BR/BR)

Das BR-Sinfonieorchester hat in einer Studie herausgefunden, dass Musiker weniger Aerosole verbreiten als angenommen. Nur die Flöte nicht.

Von Helmut Mauró

Klassische Musiker sind die pragmatischsten Menschen der Welt. Auf jeder Tournee müssen spontan unvorhergesehene Probleme gelöst werden, eine falsche Hotelbuchung, ein sperriges Instrument, das in der Zollkontrolle hängen bleibt - jeder muss dabei zurückstecken. Musiker sind auch neugierig, sie wollen alles ganz genau wissen. Und so haben die Berliner Philharmoniker schon vor Monaten erforschen lassen, wo bei einem Konzert die Gefahrenquellen für eine Ansteckung liegen, welche Rolle die aktiven Musiker dabei spielen, wie hoch die Ansteckungsgefahr untereinander ist. Das Ergebnis? Zumindest das Publikum kann sich bei Einhaltung der Sicherheitsabstände sicher fühlen. Sicherer als in der U-Bahn, sogar sicherer als zu Hause.

Nun hat der Bayerische Rundfunk nachgezogen. Eine Forschergruppe der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Universität Erlangen hat zusammen mit den BR-Symphonikern (BRSO) noch genauer als die Berliner untersuchen lassen, welches Instrument konkret am gefährlichsten ist, was die Verbreitung von Corona angeht. Natürlich geht es dabei vor allem um Blasinstrumente, die anderen Musiker können sich und andere ja durch Masken schützen.

Kaum bestritten wird, dass Aerosole, also der unsichtbare Nebel aus den winzigen Tröpfchen der Atemluft, der entscheidende Faktor für Ansteckungen sind. Abgestritten wird das allerdings von Forschern der Harvard Medical School. Sie weisen darauf hin, dass Masern durch Aerosole sehr viel häufiger übertragen werden als Sars-CoV-2.

Die Versuchsanordnung bei dem BR-Symphonikern sah so aus: Die Blasmusiker begaben sich in einen dunklen Raum, nahmen einen tiefen Zug aus einer nikotinfreien E-Zigarette und bliesen dann in ihr Instrument. Im Lichtstrahl der Messgeräte konnte man nun zentimetergenau feststellen, wie weit um den Musiker herum sich die Aerosole verteilten. Überraschungssieger wurde die sanfte Querflöte, der man in den letzten 400 Jahren nie Böses zutraute. Nun aber entpuppt sie sich als Hauptvirenschleuder, noch weit vor der Trompete, die man eigentlich im Verdacht hatte.

Die Flöte schickt einen Tröpfchen-Tsunami ungehindert in den Raum

Denn während die meisten Bläser den Luftstrom in ihr Instrument lenken, führt der Flötist die kanalisierte Atemluft knapp über die Öffnung im Mundstück in den Raum. Das ist so wie beim Anblasen einer leeren Flasche. Somit gerät kaum ein Tröpfchen Aerosol in das Instrument, während ein Tröpfchen-Tsunami hingegen ungehindert in den Raum saust. Bei den Blechbläsern dagegen haben die Viren einen langen Weg, bis sie vom Mundstück durch allerlei Windungen, wo sie zum Teil auch noch kondensiert liegen bleiben, am Ende durch den Schalltrichter nach außen stieben.

Deshalb liegen fast alle Verbreitungswerte unter den derzeit gültigen Vorgaben der Berufsgenossenschaft. Nur die Flöte, die muss gleich drei Meter zum Vordermann und jeweils zwei Meter zur Seite Abstand halten. Allen anderen Musiker können sich im Ein-Meter-fünfzig-Abstand kuscheln. Da werden Genossenschaften und Unfallversicherungen nun genau hinsehen, da geht es um Forderungen und Haftungsansprüche, also um viel Geld und Verantwortlichkeiten.

Die BR-Symphoniker haben nun die Gefahrensituation bis ins Detail ausgerechnet und können zufrieden sein. Natürlich wird man in naher und mittlerer Zukunft keine groß besetzten symphonischen Werke auf die Bühne bringen können. Man wird sich vielleicht sogar längerfristig auf ein tendenziell kammermusikalisches Repertoire einstellen müssen. Und nichts spräche dagegen, das Repertoire vom Barock bis in die Moderne ist riesig.

© SZ/RJB
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