Lesung Wildblumen oder angebrannter Toast

Bonnie-Sue Hitchcock stellt ihren Debütroman "Der Geruch von Häusern anderer Leute" im Buchpalast vor. Darin erzählt sie von vier Jugendlichen, die im Alaska der Siebzigerjahre nach ihrem eigenen Weg suchen

Von Barbara Hordych

Mit Verletzungen haben sie alle zu kämpfen, die jugendlichen Protagonisten in Bonnie-Sue Hitchcocks Debütroman "Der Geruch von Häusern anderer Leute" - aus dem die in Alaska lebende Autorin an diesem Mittwoch im Haidhauser Buchpalast lesen wird. Trotz widriger Ereignisse gelingt es ihren Helden, im noch jungen Bundesstaat Alaska ihren eigenen Weg zu finden. Ruth beispielsweise ist fünf Jahre alt, als sie ihren Vater bei einem Flugzeugabsturz verliert - er war unterwegs von Fairbanks nach Washington, um dort bei einer Anhörung zu erklären, warum Alaska besser ein eigenes Territorium bleiben und kein Bundesstaat der USA werden sollte (was es dann aber 1959 doch wurde). Ruths Zuhause riecht in dieser Zeit nach den Wildblumen, die ihre Mutter gerne in leeren Whiskeyflaschen dekoriert und nach dem Hirschblut frisch geschlachteter Tiere sowie dem OldSpice-Parfüm ihres Vaters. Doch nach seinem Tod wird alles anders. Vergeblich wartet sie jahrelang auf die Rückkehr ihrer Mutter, die fortan in geistiger Umnachtung lebt. Die Großmutter, eine ehemalige Klosterschülerin, übernimmt stattdessen die Erziehung: Als Ruth in ihrer ersten Ballettstunde von der Mutter einer anderen Schülerin ein Kompliment für ihre schönen langen Haare bekommt und darauf stolz ist, schneidet sie dem Mädchen grob die Haare ab. Solcherart gedemütigt soll es für lange Zeit das letzte Mal sein, dass Ruth ihrem Spiegelbild zugelächelt hat. Das Kompliment, das so fatale Folgen zeitigte, kommt von der Mutter von Alice; deren Erinnerungen wiederum bilden eine weitere Perspektive des Romans.

Diese eher zufälligen, später aber immer tiefer verzweigten Überschneidungen von Lebenswegen im Alaska um die Siebzigerjahre sind charakteristisch für Hitchocks Roman, der aus den Ich-Erzählungen von vier sechzehnjährigen Protagonisten zusammengesetzt ist. Da ist neben Ruth, die späterhin ungewollt schwanger und zur Entbindung von ihrer Großmutter in ein Kloster geschickt wird, die gleichaltrige Dora, die mit einem gewalttätigen Vater und einer alkoholkranken Mutter fertig werden muss (dieses Zuhause riecht passenderweise nach angebrannten Toasts und dunklem Rauch). Dazu kommt Hank, der mit seinen beiden jüngeren Brüdern als blinder Passagier auf einem Fährschiff aus einem Zuhause flieht, das mit dem Einzug des neuen Stiefvaters unerträglich wurde. Und da ist die Perspektive von Alyce, die in einem tiefen Zwiespalt steckt: Soll sie ihrem Vater, einem Lachsfischer, in den Sommerferien die dringend benötigte Hilfe verweigern, um ihre Aufnahmeprüfung an der Tanzakademie zu machen?

Die Episoden, die das Leben und das Zusammenspiel der Kräfte auf dem Fischkutter von Alyces Vater schildern, ähneln denjenigen, die die Autorin lange Jahre hindurch mit ihrem (Ex-)Mann und den beiden Kindern erlebte. "Ich liebte es, so viel Zeit gemeinsam als Familie zu verbringen. Das Leben auf unserem Boot ähnelte sehr demjenigen von Alyces Familie. Meine Kinder sind mit der Fischerei aufgewachsen, in großer Nähe zueinander, und das ist etwas, was ihnen auch geblieben ist, als sie erwachsen wurden. Es ist eine sehr harte Lebensweise, die Arbeit ist anstrengend, und wir waren oft seekrank. Aber wir sahen jeden Tag wunderschöne Dinge, dadurch, dass wir so nah an der Natur lebten", erzählt die Autorin, die sich für drei Monate in Deutschland aufhält und in Bonn einen Sprachkurs in Deutsch besucht.

Ähnlich wie Alyces Mutter ist auch sie inzwischen geschieden - und vermisst zwar nicht ihren Mann, aber doch das Leben auf dem Boot. "Die Kapitel mit Alyces Familie sind sehr autobiografisch, für sie benötigte ich nicht viel Vorstellungskraft", sagt Hitchcock, die nach ihrem Abschied von der Berufsfischerei als Reporterin beim "Alaska Public Radio" arbeitete und heute als freiberufliche Autorin tätig ist.

Warum entschied sie sich bei ihrem Debüt für jugendliche Hauptfiguren? "Es ist ein sehr wichtiges Alter. In dem noch nichts in Stein gemeißelt und die Zukunft voller Möglichkeiten ist. Es ist ein Alter, in dem wir über unser Leben nachdenken, in dem wir beginnen, es als etwas zu betrachten, das wir selbst gestalten können". Heute denke sie viel über Entscheidungen nach, die sie als Jugendliche getroffen habe und überlege: "Was wäre gewesen, wenn ich mich stattdessen für einen anderen Weg entschieden hätte?". Durch Fiktion gelänge es, mehrmals zu leben. Insofern ist Hitchcocks Buch nicht nur für Jugendliche lesenswert. "Das Buch hätte man ähnlich wie Wolfgang Herrndorfs ,Tschick' genauso gut als Erwachsenenbuch vermarkten können; dessen Helden sind sogar nur 14 Jahre alt", sagt Sonja Finck, die "The Smell of Other People's Houses" (2016) ins Deutsche übersetzte. Sie ist mit Hitchcock inzwischen befreundet und moderiert deren Lesung in München.

Der Geruch von Häusern anderer Leute, Do., 29. Sep., 19.30 Uhr, Buchpalast, Kirchenstr. 5