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Leipziger Buchmesse:Esther Kinsky mit Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet

Buchmesse Leipzig 2018

Ein großer, tröstlicher Roman über die Trauer: Die Autorin Esther Kinsky wird auf der Leipziger Buchmesse für "Hain" ausgezeichnet.

(Foto: dpa)

Esther Kinsky erhält für ihren Roman "Hain" den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik. Die 1956 in Engelskirchen geborene Schriftstellerin lebt und arbeitet in Berlin. Für ihr umfangreiches Werk wurde sie bereits vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Preis der SWR-Bestenliste 2015 und dem Adelbert-von-Chamisso-Preis 2016. Zum Anlass ihrer Auszeichnung veröffentlicht SZ.de noch einmal die Rezension ihres Romans aus der Süddeutschen Zeitung.

Von Hubert Winkels

Nein, Flamingos passen nicht ins Landschaftsbild dieses Romans. Von Weitem gesehen sind sie erträglich, "schienen sie wie eine Ansammlung aus schmutzig rosa Kissen, unbefugt abgeladener Abfall, ausgesonderte Requisiten längst vergessener Vergnügungen, die jetzt darauf warteten, vom Wind weitergetrieben zu werden". Aber aus der Nähe gesehen bilden sie in ihrer exzentrisch geschwungenen Rosigkeit einen Misston unter den Farben, in die der Roman sich kleidet. Es sind die brauntönigen Winterfarben, das nasse Grau der Bruch- und Fundsteine der Dörfer und Kleinstädte, die im römischen Umland an den Hügeln und Felsaufsätzen kleben. Ein kalter Wind schiebt tief liegende Wolken über dürres Geäst, und in den Tälern steigen fern liegende Rauchsäulen auf vom brennenden Baumschnitt der Zypressen und Olivenbäume. Alles ist ferngerückt und leicht verwaschen, das Nahe ebenso wie das real Entfernte. Glanzloser ist noch keine Landschaft ausgebreitet, glanzloser noch kein Roman gemalt worden. Dafür strahlt er eine Schönheit des Verzichts aus, der Abkehr von allem. Trauer muss die Erde tragen, und voll Trauer gesellt sich die namenlose Erzählerin ihren teuren Toten.

Naturbeschreibungen verwandelt sie in ein symbolisch verdichtetes Requiem

"Geländeroman" hat Esther Kinsky die Gattung ihres neuen Buchs mit dem Titel "Hain" genannt. Schon der Ausdruck "Gelände" hat dieses Ungenaue, Undefinierte einer Szene ohne Kontur, Profil und Orientierung. Gelände ist unterdeterminierte Landschaft. Durch solche Gegend reist die Erzählerin allein. Ihr Mann ist kürzlich gestorben. Die erste Station ihrer dreimonatigen Trauerreise ist Olevano Romano, südlich von Rom, hierzulande berühmt durch die deutschen Maler, die dort eine Kolonie gebildet hatten. Kein Wort davon im Roman, kein Künstlername, die einzige Sehenswürdigkeit ist der Friedhof, der dem Ort gegenüber auf einem Felsplateau liegt und dessen Würdigkeit darin liegt, dass er den Abwesenden einen Raum gibt, Kolumbarien, Gräber, Beinhäuser. Nichts ist spektakulär, alles firmiert an der Grenze zum Unsichtbaren, zum Nichtsein, zur Nicht-Erscheinung. Auf diese immer unscharfen Grenzverläufe hat es Esther Kinsky abgesehen. Sie hat unendlich viele Wörter und Wendungen dafür, ein fast schon unheimlich ausdifferenziertes Vokabular für die Brache, das Marschland, den Hain, das Gehölz, für jenes botanisch-geologische Dazwischen, das auch ein Dazwischen der Bedeutung ist.

Sie hat nicht nur einen eigenen Sinn entwickelt für diese fremde Welt ohne Menschen, der sich auf großartige Weise in ihrem Roman "Am Fluss" offenbart, in dem sie über Hunderte Seiten dem Lauf des eher kleinen Themse-Zuflusses Lea folgt. Sie hat auch, wie sich nun zeigt, einen tiefen Sinn für die Landschaften der Toten. Sie verwandelt die Naturbeschreibung in ein symbolisch hoch verdichtetes Requiem. "Hain" ist eine italienische Friedhofsbereisung durch und durch, bis in die Gräberstädte der Etrusker hinein, bis in die leisen Tonfälle der Beschreibung, bis zur Selbstzurücknahme des behauptenden Charakters der Worte selbst. So viel Abwesenheit in der Anwesenheit der Wörter war selten, und es ist eine große Kunst.

Man scheut sich ein wenig, dies zu sagen, weil der Roman jede Geste der Größe, erst recht das Superlativische meidet. Er möchte selbst verschwinden in jenem Untergrund der Toten und ist sich doch seiner poetisch setzenden Kraft sehr bewusst. Esther Kinsky verrätselt hier nichts. Gleich im kursiv gesetzten Eingangskapitel erzählt sie vom Brauch des Totengedenkens in den rumänischen orthodoxen Kirchen. Dort befinden sich zwei Gehäuse für angezündete Kerzen. Auf der linken Seite stehen die Kerzen für die Lebenden, die "vii", auf der rechten die für die Gestorbenen, die "morti". Und für die eben Gestorbenen wird die noch brennende Kerze von links nach rechts getragen. Der Roman nun siedelt genau in jenem Zwischenbereich, den das Hinübertragen der Kerzen auf die Seite der Toten bildet. "M" heißt der jüngst verstorbene Gefährte der Erzählerin in "Hain". "M" erscheint immer nur ganz kurz, wenige Wörter gelten ihm, aber er ist auch der aktuelle Reisegefährte, und deshalb teilt er alles mit der Erzählerin, oder besser, sie teilt alles mit ihm.

Die winterliche italienische Szenerie, das Totengelände, ist die Erscheinung des Toten in landschaftlicher Gestalt. Das mag zu prätentiös klingen für einen solchen Roman der vordergründigen Bescheidenheit, aber schon sein Motto gibt die Reflexionshöhe ganz ungeniert preis: "Hat es Sinn", fragt Ludwig Wittgenstein in seiner "Philosophischen Grammatik", "auf eine Baumgruppe zu zeigen und zu fragen 'Verstehst du, was dieses Baumgruppe sagt?'. Im Allgemeinen nicht; aber könnte man nicht mit der Anordnung von Bäumen einen Sinn ausdrücken, könnte das nicht eine Geheimsprache sein?" Mit der Baumgruppe hätten wir auch schon ein Synonym für Hain, ein ungemein altes und reiches Wort übrigens, das man spontan mit dem Attribut "heilig" verbindet und das seit Klopstock auch als Sitz der Dichtkunst gelten kann. So wurde der Hain zum Namen einer bedeutenden Dichterschule. Bekannter noch als der Göttinger Hain dürfte die Verbindung des Hains mit den Toten sein, der Totenhain, der campo santo, häufig aus dicht stehenden Zypressen gebildet, von denen es im Roman wiederum, in pointiert symbol-botanischer Entgegensetzung heißt: "Zypressen. Sempervirens, der nie vergehende Totenbaum, ein scharf gegen den Himmel ragendes Widerwort auf die ungestrengen Pinien". An die Schirmpinien mit ihren ausladenden Kronen auf den Hügeln Roms möchte man denken, ungestreng und ein unbeschwertes Leben anzeigend.

Hier ist eine ganze Fülle medienpsychologischer Beobachtungen versammelt

So arbeitet der Roman, Klang, Etymologie und symbolischen Verflechtungen der Wörter in verschiedenen Sprachen nachhorchend, Linien nachzeichnend, die wie die teuren Toten aus der Ferne in die Gegenwart reichen, in einem Zeichensystem von anderer Art. Doch nicht nur die Sprache evoziert mit dürren Zeichen Abwesendes, alle Medien tun dies. Viele davon spielen in Esther Kinsky Roman eine Rolle, ganz unterschiedlich dimensioniert: Zuerst die Fotokamera und die Belichtung der Negative, Geistererscheinung; dann das Fotopositiv und die Diaschau, bei der Vaters Bildordnung zerstört wird; die Erzählerin trägt immer einen Feldstecher bei sich. Als Kind hat sie auf Reisen mit ihren Eltern durch Italien gerne die vorüberziehende Landschaft durch einen kleinen Operngucker betrachtet. An alte Filme, die häufig reißen und deren lose Enden dann nicht mehr passgenau zusammengefügt werden, erinnert sie, was der Erscheinungsform des Unsichtbaren im Sichtbaren entspricht: Das Ruckeln, die Überlappung, Verschiebung und die Risskanten. Das große Apsis-ausfüllende Mosaik, auch jene byzantinischen Wunderwerke in Ravenna, deren vereinzelte und in leichter Nichtpassung gewölbte Steinchen aus der Ferne optisch wieder zur geschlossenen Fläche ergänzt werden. Und immer wieder die Hochreliefs auf den Grabsteinen, die auf italienischen Friedhöfen der Gegenwart durch in Email gefasste Porträtfotografien ersetzt sind. Auch hier sind die Beobachtungen prägnant: Die steinerne Silhouette mit ihrem Blick nach innen, das Emailporträt, das sich im Blick von außen spiegeln will. Verborgen im glanzlosen Glanz der Beschreibungen ist eine Fülle medienpsychologischer Beobachtungen versammelt.

Leseprobe

Am Ende des Romans steht in einem kurzen, wiederum kursiv gesetzten Kapitel ein gemaltes Triptychon, eine Predella des geistlichen Malers Fra Angelico. Es ist ein Trauerbild, eine Lamentatio, eine Totenmesse für Franziskus von Assisi. Die Tafeln sind in einen Bereich der Lebenden und einen der Hinterbliebenen geschieden. Die Mitte bildet der Tod. Auch der Roman selbst besteht aus drei Tafeln, "Olevano" heißt die erste, "Comacchio" die letzte, nach einer Stadt im Po-Delta, dem dort Land abgerungen wurde, um ein unfruchtbares Salzgelände zu schaffen, wo die falschfarbenen Flamingos stehen und die Nekropolen der Etrusker nicht weit sind. In beiden Gegenden, Geländen, geht die Erzählerin allein; die lebenden Menschen bleiben klein und fern wie geschrumpfte Metaphern. Die mittlere Tafel aber, "Chiavenna", nach der norditalienischen Kleinstadt, gehört dem anderen ständig mitbedeuteten Toten des Romans, dem Vater der Erzählerin, der mit seiner Familie immer wieder nach Italien gereist ist, die Natur, die Geschichte, die Kunst erklärend, begeistert vor allem anderen von der Malerei, dem himmlischen Blau des Fra Angelico.

Man müsste eigentlich an jeder Stelle innehalten und selbst den Bezügen nachspüren

Wenn man die dichte symbol- und referenzreiche Arbeit Esther Kinskys würdigen will, kann man hier wie an fast jeder Stelle des Romans innehalten und den Bezügen nachspüren. Auch auf der dreifaltigen Predella findet sich das Blau, das, wie das Rosa der Flamingos, inmitten der Fehlfarben des Romans kein Recht auf ein starkes Dasein hat. Zur mittleren Tafel heißt es im letzten Satz des Romans: "Es ist ein Bild der Trauer, auf dem das blaue Dreieck über den Türmen und Mauern des Klosterhofs niemandem etwas bedeutete, es hängt wie eine kleine Pflichtübung dort am Rand, der kostbare Lapislazuli wurde umsonst mühsam gewonnen und zu Pulver gestoßen, es gereicht zu keinem Trost in der Hinterbliebenenschaft."

Die Erzählerin ist in erster Linie "Hinterbliebenenschaft": Die Trauer entindividualisiert, trägt den Einzelnen ein in eine größere Ordnung, macht ihn zum Teil einer Allegorie. Esther Kinsky bewegt sich erzählend auf dem schmalen Grat zwischen Vereinzelung und Symbolik. Auf diese Weise gerät sie auf der individuellen Seite nie ins Sentimentale und auf der bildhaften Seite nicht ins Pathetische. Langsam, fast schwerflüssig ist die Bewegung im Roman, doch äußerst beweglich die Sprache, die diese Bewegungen erzeugt, in ihrer tonalen Heruntergestimmtheit fast ohne Übergang wechselnd von den landschaftlichen Realia zum quasinatürlichen Sinnbild. So entwickeln sich geisterhafte Anwesenheiten. In einem vergessenen Fach einer alten Fototasche findet die Erzählerin ein altes Filmnegativ und erkennt darauf die Umrisse von "M". Technische Medien und große Kunst sind Totenbeschwörungen. Etwas Trauriges ist ihnen immer zu eigen. Bei der Lektüre von "Hain" wird die Trauer gar zum Modus der Lektüre. Es ist meisterlich und herzerhebend und gereicht sehr wohl zum Trost der Leserschaft.

© SZ vom 12.02.2018/khil

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