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Verfemte DDR-Autoren:Die Unerhörten

Leipziger Frühjahrs- und Buchmesse

Alles auf Linie: Die Leipziger Buchmesse im Frühjahr 1979.

(Foto: bpk/Bundesstiftung Aufarbeitung/Klaus Mehner)

Viele Autorinnen und Autoren aus der DDR wurden zensiert und hätten ihre Texte nie auf der Leipziger Buchmesse vorstellen können. Die SZ erinnert an acht von ihnen.

Vor 30 Jahren, im März 1989, fand die letzte Leipziger Buchmesse unter Aufsicht der DDR-Behörden statt. Heute strömt das Publikum nach Leipzig, früher war die Messe eine politische Veranstaltung, längst nicht alle Autoren durften dort auftreten, erst recht nicht, wenn sie überwacht und verfolgt wurden. Zum Auftakt der diesjährigen Messe erinnern wir an acht ostdeutsche Autorinnen und Autoren, die ihre Texte zu DDR-Zeiten nie in Leipzig hätten vorstellen können.

Die Texte stammen aus den Publikationen des "Archiv unterdrückter Literatur in der DDR", das die Schriftstellerin Ines Geipel und der Schriftsteller Joachim Walthervor 16 Jahren das initiiert haben, um die Werke ehemals verbotener Autorinnen und Autoren zu retten und verfügbar zu machen. Mittlerweile umfasst dieses Berliner Archiv 70 000 originale Manuskriptseiten von mehr als 100 Autorinnen und Autoren. Aus diesen Beständen geben Geipel und Walther seit neun Jahren die "Verschwiegene Bibliothek" heraus.

Edeltraud Eckert

Edeltraud Eckert

Edeltraud Eckert

1930 in Hindenburg/Oberschlesien geboren. 1949 Beginn des Studiums an der Pädagogischen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität. 1950 Verhaftung wegen des Besitzes von kritischen Flugblättern. Verurteilung zu 25 Jahren Haft und Arbeitslager. Wegen guter Arbeitsergebnisse die einmalige Erlaubnis, ihre Gedichte und Vertonungen in einem Schreibheft festzuhalten. Es entstand ein Zyklus von 101 Gedichten. Anfang 1955 schwerer Arbeitsunfall im Frauen-Zuchthaus Hoheneck. Im April 1955 Tod durch Wundstarrkrampf im Haftkrankenhaus Leipzig/Meusdorf.

Ein Brief

Ich weiß nicht viel von mir zu sagen,

Nur dass ich lebe, dass ich bin,

Und alle Wünsche, die mich tragen,

Sind im Verzicht ein Neubeginn.

Als ich euch damals lassen musste,

War ich beinahe noch ein Kind,

Das nichts von all den Tiefen wusste,

Die oft ein buntes Trugbild sind.

Die Menschen, die mich hier umgeben,

Stehn grell geschminkt im kalten Licht,

Das man das Schicksal nennt. Sie leben,

Zumeist mit Masken vorm Gesicht.

So steh ich wartend unter vielen.

Ich lache mit und bin nicht froh.

Ich hör und seh mich selber spielen.

Mein Herz ist weit, ist anderswo.

Aus "Jahr ohne Frühling"

Jutta Petzold

1933 in Berlin geboren. Ab 1953 Germanistikstudium. Ab 1957 erste größere literarische Arbeiten. 1959 Veröffentlichung des Essays "Zola", die die erste und einzige Publikation in der DDR unter dem Pseudonym Ruth Corduan wurde. 1961 missglückter Fluchtversuch nach Westberlin. Observation durch die Staatssicherheit. Ab 1965 mehrfache Aufenthalte in der Psychiatrie der Berliner Charité, Aufenthalt in einem Pflegeheim, Erliegen der literarischen Produktion.

Jutta Petzold

Entrümpeler

Die Winde, sie küssen und rauschen

Die Schwäne auf tauiger Flut.

Die Mauern, sie können nicht tauschen.

Der Himmel ist manchmal auch gut.

Er bringt uns die Stürme und Schliefen

Und jagt unser schwankendes Schiff.

Die Wolken, die Lieder, die schiefen

Wir sichten das kommende Riff.

Hei, Steuermann, ho! Auf die Wanten!

Solange der Mast nicht zerbricht.

Und klettern wir auch auf die Spanten,

Solange uns leuchtet das Licht.

Aus "Die Welt ist eine Schachtel"

Heidemarie Härtl

1943 in Oelsnitz im Vogtland geboren. Studium des Bauwesens in Dresden. 1967 Studium am Leipziger Literaturinstitut. Ehe mit dem Dichter Gert Neumann. 1970 Zwangsexmatrikulation zusammen mit ihrem Ehemann wegen "unbotmäßiger Rede". Beginn des literarischen und politischen Widerstands in Leipzig. Umfassende Observation durch die Staatssicherheit. Verhinderte Publikationsmöglichkeiten. Einzige, durch den Geheimdienst strategisch geplante Veröffentlichung 1977 "Ach, ich zog den blauen Anzug an", um die Ehe zu untergraben. 1983 Mitarbeit an der staatlich nicht genehmigten Zeitschrift Anschlag. 1987 Gründung und Herausgabe der Untergrund-Zeitschrift zweite person. Einlieferung in die Psychiatrie. 1993 starb Härtl nach langem Krebsleiden in Leipzig.

Heidemarie Härtl

Heidemarie Härtl

Die Bedürfnisse des Körpers helfen, die Motive zu finden. Der Wahn als Reserve der Wahrheit. Ich will in Relevanz leben. Begegnungen ohne Liebe sind für mich irrelevant. Die Form des Tages gibt zu wenig her. Ich verlange Transzendenz. Ich bin nicht inspiriert. Ich trinke Kaffee und hoffe. Das ist es. Ich muss nachdenken. Ich brauche Zeit. Die Empfindungen des Tages: eine gelbbraune Sonne, ein Lüftchen, ein Gesprächsfetzen. Mehr wünscht man sich doch nicht. Menschen mit Wimpern und gewölbten Fingernägeln, mit Haut wie der eigenen. Menschen, die in der Lage sind, das zu sehen - die Härchen auf den Armen zum Beispiel.

Aus dem Roman "Puppe im Sommer"

Günter Ullmann

1946 im thüringischen Greiz geboren. Mitbegründer, Schlagzeuger, Komponist, Texter und Sänger der Beat-Gruppe gallow birds. 1965 Auftrittsverbot wegen "sozialismusfremden, englischen Gesangs". Arbeit auf dem Bau. 1968 Verhaftung. Protestaktionen gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns und Reiner Kunzes. Erneute Verhaftung. Massive Stasi-Verhöre. Günter Ullmann schrieb darüber: "Nach diesen Verhören litt ich unter Verfolgungswahn, unternahm zwei Selbsttötungsversuche und musste mich mehrfach in psychiatrische Behandlung begeben. Ich ließ mir alle Zähne ziehen, im Glauben, in meinem Mund seien Wanzen versteckt." Rückzug in tiefste Isolation. 2009 starb Ullmann an Krebs.

Günter Ullmann und Jürgen Fuchs

Günter Ullmann

HINTERHOF

der winter bleibt

klein

die sonne hat

vier ecken

KINDHEIT

die brotsuppe auf dem tisch

die kirschen hinterm zaun

die welt ein fisch

das herz ein clown

NEHMT UNS NICHT DIE HOFFNUNG

diese ungewissheit die

noch halt gibt

legt uns nicht den horizont

um den hals

Aus "Die Wiedergeburt der Sterne nach dem Feuerwerk"

Salli Sallmann

Salli Sallmann, 1953 in Chemnitz (kurze Zeit später Karl-Marx-Stadt) geboren. Lehre als Baumaschinist. Wegen "wiederholten Vortrags feindlich zersetzender Textinhalte" Entzug der Amateur-Auftrittserlaubnis als Lyriker und Sänger. Während Armeezeit 1977 Verhaftung wegen "staatsfeindlicher Hetze". U-Haft im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Ohne Verurteilung Abschiebung nach West-Berlin. Arbeit als Gärtner, Krankenpfleger, Nachtwächter. Bis 2018 Literaturredakteur, zuletzt beim RBB-Kulturradio.

Salli Sallmann

Links und rechts hohe Mauern, ganz vorn wieder ein Stahltor, das sich aufschiebt. In dem Gebäude, an dem wir vorbeifahren, sehe ich Fensteröffnungen, die mit Glasziegeln zugemauert sind. Nur oben ein dünner Schlitz. Vor den Glasziegeln ein Gitter. Der Wagen ist bis ans nächste Stahltor rangefahren. Aus einer Tür treten drei Uniformierte und zwei Männer in blauen Nylonkitteln. Der Major steigt aus: "So, Genosse Soldat, wir sind am Ziel unserer Reise!" Umringt von den Uniformen und den Blaukitteln laufe ich einen Flur entlang, auf dem ein schwerer, roter Läufer liegt. Links und rechts gepolsterte Türen. Ich gehe wie im Traum. Dann durch eine Polstertür in einen kahlen Flur. Hier entlang! Stehen bleiben! Jetzt gehen! Ein Blaukittel befiehlt. Er lotst mich in einen winzigen Raum, in dem ich mich hinter einer Barriere ausziehen muss. Uhr, Geld, Brieftasche, Kamm, alles wird mir abgenommen. Auf Anweisung des Blaukittels ziehe ich mir die Arschbacken auseinander. Er guckt mir in den Hintern. Dann Vorhaut zurück. "Haben Sie Zahnprothesen?" - "Nein." - "Gut. Dann unterschreiben Sie hier über die Abgabe Ihrer Gegenstände. Wann wurden Sie verhaftet?" - "Verhaftet? Ich bin zur Klärung eines Sachverhaltes, denke ich ..." Der Blaukittel ist sichtlich gelangweilt: "Bitte, wenn Sie es so wollen ..." Ich quittiere den Empfang von Haftkleidung, Socken, Unterwäsche, Pantoffeln. Währenddessen steht an der Tür ein Uniformierter, ein Soldat, fast noch jünger als ich. Was der wohl denkt?

Aus "Die Verhaftung" .

Gabriele Stötzer

1953 in Emleben in Thüringen geboren. Studium der Pädagogik in Erfurt. Solidaritätsschreiben wegen der Relegierung eines Kommilitonen. Beginn langjähriger Observationen durch die Staatssicherheit. 1976 wegen ihrer Unterschrift gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns zu einem Jahr Haft verurteilt. Frauen-Zuchthaus Hoheneck. Danach Arbeit in der Produktion. Eröffnung einer Privatgalerie in Erfurt. Gründung einer Künstlergruppe. Ab Mitte der Achtzigerjahre erste Veröffentlichungen in inoffiziellen Zeitschriften. Lebt in den Niederlanden und Erfurt.

Gabriele Stötzer

Gabriele Stötzer

Als ich geboren wurde, war alles aufgebaut, war alles fertig, perfekt, ein schillerndes Förderband mit Richtung nach oben. Die Ideologie war sicher, der Weg war sicher, die Häuser, die Wohnungen, die Rente waren sicher. Ihr hattet die Welt gewandelt, ihr hattet euch gewandelt, die Natur aber nicht. Die Natur gab mir Augen, Ohren, Hände, Füße, Haut. Doch ihr habt es nicht bemerkt. Ihr habt euren Anspruch in die Welt gestellt, eure Vernunft, eure Moral, eure Erkenntnisse. Ihr habt uns nichts übrig gelassen. So sind wir aufgewachsen im Nichts. Wir haben nichts, wir können nichts, wir wollen nichts, wir brauchen nichts. Wir halten uns nicht an eure Abmachungen. Eure Gesetze besitzt ihr ohne uns. Ihr habt uns nicht gefragt. Ihr habt immer für uns mitgeredet. Ihr kennt uns nicht. Ihr seht uns nicht. Wenn ihr über uns redet, redet ihr über uns hinweg. Wir horden uns in Gruppen und stehen an den Rändern eurer Welt. Aber übersehen könnt ihr uns nicht, überleben könnt ihr uns nicht, vernichten könnt ihr uns nicht, vergessen könnt ihr uns nicht.

Aus "Ich bin die Frau von gestern"

Ralf-Günter Krolkiewicz

1955 in Erfurt geboren. Frühe Lyrik und Theatertexte. Observation durch die Staatssicherheit. 1984 Verhaftung wegen "regimekritischer Texte". Nach der Haft Abschiebung in die Bundesrepublik. Arbeit als Regisseur und Schauspieler. 1997 Intendant des Hans-Otto-Theaters Potsdam. Beendigung des Vertrages wegen Ausbruchs einer Krankheit. Beginn mit Malerei, Ausstellungen. 2008 Suizid in Thailand.

Ralf-Günter Krolkiewicz

Erinnerung 1

An jenem Tag im Juli

Als sie in der Tür standen

Als sie ins Zimmer traten

Als sie mich links und rechts

Ein Dritter vorneweg

Über den Hof führten

An Briefkästen vorbei

In ihr Auto zerrten

Ging da niemand

Um neun in der Früh

Durch die Stadt

Mit geöffneten Augen

An jenem Tag im Juli

Vor zwanzig Jahren

Als sie mich holten

Zum Erinnern zu nah

Zum Vergessen zu frisch

Diese menschenleere Stadt

Um neun in der Früh

Diese vogelfreien Bäume

Diese lichtlosen Häuser

Dies Land hinterm Mond

Ein Volk im Delirium

Mit trunknem Schlafblick

Aufs Frühstück glotzend

Aus dem Gedichte- und Kurzprosaband "Nirgends ein Feuer mehr"

Radjo Monk

1959 in Hainichen, Sachsen, geboren. Facharbeiter für Holztechnik und Dekorationsbau. Lyrische Prosa und dramatische Texte. Einberufung in die NVA. Observation durch die Staatssicherheit wegen "politischer Feindseligkeit". Arbeit als Zimmermann und Straßenkehrer. 1984 Verhaftung. Mitarbeit an der inoffiziellen Zeitschrift "A3". Seine erfolgreiche Bewerbung am Literaturinstitut Leipzig wurde auf Anweisung der Staatssicherheit annulliert. Lebt in Leipzig.

Radio Monk

Radio Monk

Kinder der Diktatur

Nichts zählt ein Diktator lieber als Kinder. Unter seiner Hand, segnend über die Köpfe gestreckt, sterben die Kinder und werden wiedergeboren als Beschlüsse und Zahlen.

In meiner Kindheit bannten wir die weiße Taube auf Pappschilder und trugen sie im Kreis der Jahrestage an den Greisen vorbei, von ihren Sekretärinnen gefüttert mit Sauerkraut.

Wir blätterten im Stammbaum und fanden uns als Raupen wieder im Gespinst der Lehrer. In den Pausen jagten wir die Spinne. Ihr Tod war unser Abenteuer. Wenn wir nicht hungrig waren, aßen wir noch einen Löffel für den Diktator, und der Diktator stand noch eine Nacht lang an unseren Betten und bewachte unseren befohlenen Schlaf.

In meiner Kindheit hörte ich Panzer rollen nach Prag und die Schritte der Schichtarbeiter im Morgengrauen, das Tropfen des Wasserhahns im Keller, das Klappern der Milchkannen an der Rampe, den schweren Atem der Eltern hinter den Türen verwundeter Nacht.

Wir lernten auf der Stelle zu marschieren und unter unseren volkseigenen Schuhen klang es hohl. Wir waren Jungpioniere und jäteten Brennnesseln im Hain anonymer Helden. Wenn wir Wurzeln ausrissen, schienen sie mir verwachsen mit den eigenen Knochen. Wir warfen das Kraut auf den Kompost und harkten zuletzt unsere Spuren aus dem Weg, angelegt als Sowjetstern.

Wir sammelten Flaschen für eine Karussellfahrt und für ein Kilo Zeitungen konnten wir uns ein Los kaufen oder eine Spendenmarke und dafür würden uns alle vietnamesischen Bauern danken. Kindheit war ein Verlöschen in Zahlen und die Veränderung des Schulwegs zur Heerstraße. Wir mutierten zur lebendigen Propaganda der alten Männer, und wir würden die Erbauer ihrer Tribünen werden.

Wir schmeckten auf unseren Lippen Kreide und entkamen an Wandertagen dem pompösen Zerfall. Mancher von uns hätte sie gern getötet, die weiße Taube, die in Nischen brütete, eine letzte Bewohnerin des Hauses auf Abriss.

Aus dem Tagebuch "Blende 89"

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